Titus Meyer – Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung (Buch)

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Titus Meyer - Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung (Cover © Reinecke & Voß)»Willkommen im Spiegelkabinett des Verbalmasturbatoriums!« könnte man ausrufen, wenn man sich die experimentellen und/oder technischen Spielereien und Kunstwerke in diesem Büchlein erstmals (oberflächlich) zu Gemüte führt. Da kommt doch tatsächlich jemand daher und suhlt sich narzisstisch in seiner eigenen Textsuppe. Igitt!

Titus Meyer, der Mann mit dem längsten, äh, Palindrom, welches in der deutschen Sprache bekannt ist, hat die Ergebnisse quer über rund sechzig Seiten (die insgesamt 88 Seiten werden noch mit diversen Erklärungen der verschiedenen Techniken sowie zahlreichen von Verleger Bertram Reinecke aufgeführten Bemerkungen »zum Gespräch über die sehr strengen Formen« befüllt) gekleckert. Na prima.

Schauen wir uns die in der der ganzen Sauerei enthaltene literarische DNA doch einmal genauer an.

Palindrome dürften dem ein oder anderen wortspielerisch veranlagten Zeitgenossen durchaus etwas sagen. Die Gängigsten sind beispielsweise gewöhnliche Buchstabenpalindrome wie etwa „O, du relativ vitaler Udo!“, welches vorwärts und rückwärts aus derselben Zeichenfolge besteht – sofern man Interpunktion und Leerzeichen außer Acht lässt. Oder in seiner Ein-Wort-Variante: „Lagerregal“, „Rentner“ oder „Aua“.

Doch Meyer treibt es noch doller, denn er erschafft kleine, lyrische Skulpturen aus dieser Spielerei und reizt auch die anderen Varianten gnadenlos aus: Zeilen-Buchstaben-Palindrome (Gesamttext aus vielen kleinen Palindromen), Monovokalische Palindrome (nur ein Vokal darf verwendet werden) sowie Abecedarische Palindrome (Anfangsbuchstaben der Wörter müssen alphabetisch aufeinander folgen), Palindromblöcke, Vertikalpalindrome (Text, der praktisch 180° punktsymmetrisch ist) und Sator-Quadrate. Komplettiert wird die Palindromkomponente durch Silbenpalindrome (normal und, hüstel, geschüttelt) und anagrammatische Wortpalindrome.

Auch Anagramme werden dem Leser bekannt sein, besonders auch dem TV-Serien-Fan, wenn zum Beispiel der gesuchte Mörder mit dem Namen „Tom Shealing“ dadurch entlarvt wird, weil in einem nahe gelegenen Hotel jemand unter dem Namen „Angelo Smith“ eingecheckt hat – ein Name, der aus denselben Buchstaben besteht wie der erstgenannte Name. Oder um das Anagramm in seiner Ein-Wort-Version zu demonstrieren: „niese“, „seine“ und „eines“ sind allesamt Anagramme von „Eisen“.

Aber da genügt es Meyer natürlich ebenfalls nicht, einfach nur die Standards durchzukauen. Nein, auch hieraus bastelt er Gedichte. Und damit nicht genug: Er erschafft Anagrammdrillinge (drei Wörter pro Zeile, die alle jeweils die gleichen Buchstaben besitzen). Hinzu gesellen sich Pangramm-Gedichte – diese bestehen aus allen 26 Buchstaben des Alphabets, dem „ß“ sowie den drei Umlauten, wobei jeder nur einmal vertreten sein darf.

Wilder wird es dann noch, wenn Meyer mit Homogramm-Gedichten kommt: Hier bestehen beide Teile des Texts aus den gleichen Buchstaben in der gleichen Reihenfolge, lediglich die Interpunktion und die Leerzeichen variieren, sodass die Texte sich semantisch komplett voneinander unterscheiden. Was pentavokalische Abecedarien sind, erfährt man bei der Lektüre von „Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung“ ebenso, und auch doppelte Schüttelreimgedichte bringt uns Meyer mit seinen Texten näher. Normal und terravokalisch. What? Genau.

Dieses fürwahr schräge Werk zu lesen ist nicht nur einfach Lektüre und Unterhaltung, sondern harte Arbeit. Es gilt, hinter die einzelnen Systeme der bunt gemischten Texte zu steigen. Analysieren, zerpflücken, vorwärts und rückwärts lesen, zeilenweise, versweise, blockweise, buchstabenweise. .Sortieren. Nachrüfen, ob die eigene Vermutung stimmt. Welche Technik hat Meyer im jeweiligen lyrischen Erguss angewandt? Wo sind die Anfangs- und Endpunkte?

Oft mag sich dem Leser der Sinn der Texte nur mit viel Grübelei erschließen – ob und inwiefern das Meyers Intention gewesen sein mag, sei deswegen einfach mal als offene Frage in den Raum gestellt. Denn während manche Stücke eine ganz eigene Atmosphäre besitzen und trotz ihrer strengen Regeln eine kleine Geschichte erzählen, entsteht bei anderen der Eindruck, dass hier Dadaismus und Puzzlespiel Hand in Hand gehen.

Jedenfalls gelingt es dem Buchstabenjongleur und Silbenakrobaten, des Lesers Kopf ordentlich zum Glühen zu bringen. Das ist einerseits unterhaltsam, andererseits beeindruckend. Die Tatsache, dass Titus Meyers Schaffen konsequent ausufert, kann auf so manchen Leser allerdings selbstherrlich wirken. Doch letztendlich führt er lediglich das aus, was andere Virtuosen in anderen Bereichen praktizieren. Meyer ist der Rastelli, der Paganini, der Jordan Rudess, der Yngwie Malmsteen der technisch orientierten Lyrik. Er zeigt, was er kann. Er fühlt sich wohl damit. Und letztendlich merkt man, dass seine Arbeit auch mit einer Menge Enthusiasmus und Spaß schwanger ging und sicherlich noch lange gehen wird.

„Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung“ ist spezielle Literatur für Leser mit speziellem Geschmack – eine Ader für derlei schriftliche Pirouetten-Schrauben-Flic-Flac-Salti, rückwärts, vorwärts und schräg von dunkel quadratwurzelnd, muss man schlichtweg aufbringen, um mit so etwas auch Spaß haben zu können.

Cover © Reinecke & Voß

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Titus Meyer – Meiner Buchstabeneuter Milch…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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