Generation „Bequem“ – oder: Empörungsintoleranz und Kuscheldiskussionen – oder: Ich bin ‚light‘ leid

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discussexclamationmarkWer hat den Debattierlustigen Valium in ihre Getränke gemischt? Gerade bei sensiblen Themen, aber auch bei neuen Entwicklungen und Phänomenen ist mir in letzter Zeit im und rund um den Bereich Kunst und Kultur – und im Speziellen in der Literatur – vermehrt eine Unlust der Allgemeinheit, auch mal wirklich kritische Worte in den Mund zu nehmen, aufgefallen. Alles wird toleriert, nein, ‚hingenommen‘ ist das wohl passendere Wort. Was einem nicht gefällt oder zusagt, landet auf dem Abstellgleis ‚Geschmackssache‘, und über unpopuläre Meinungen wird der Kopf geschüttelt, anstatt einmal den Versuch zu unternehmen, nachzuvollziehen, warum jemand etwas wie (=anders) sehen könnte. Was am Ende bleibt, ist ein fatalistisches ‚Leben und leben lassen‘.

Zwei aktuelle Beispiele: 

Jüngst war die YouTuberin Sara Bow (vernehme ich da schon ein Gähnen und Augenrollen? Aufhören, sofort!) in der Süddeutschen Zeitung mit einem provokanten, wenn auch nicht unbedingt journalistisch wertvollen Artikel vertreten. Zahlreiche Blogs nahmen den Ball dennoch an, also mangelte es keinesfalls an Diskussionspotenzial. Doch ehrlicher und überzeugter Empörung wie seitens Thomas Brasch auf brasch & buch wird überwiegend mit leiser Empörung und nahezu mediationsähnlichen Mechanismen begegnet. Gerade Letzteres durfte man auffällig häufig in der Diskussion auf der Facebookseite von Karla Pauls Buchkolumne vernehmen. Die kritisierte junge Frau genießt, obgleich man die Qualität ihrer audiovisuellen Beiträge durchaus in Frage stellt, unerwartet viel Zuspruch oder zumindest wohlwollend-schützende Worte. Man solle sie doch tun lassen. Man solle gar froh sein, dass sie tut, was sie tut, denn Immerhin bringe sie junge Menschen zum Lesen, und es sei doch wunderbar, dass sie damit auch Geld verdiene. Diplomatie und den Ball flach halten scheint die Devise zu sein. Ehrlich auszusprechen, dass man es grauenvoll findet und dass man Angst um ein wichtiges Kulturgut namens Literatur habe, welches hier eine Banalisierung in ungeahnten Dimensionen erfährt, scheint nicht gern gelesen werden zu wollen. Vorsichtige Kritik: Ja. Eine eindeutige Ablehnung gegenüber des Dargebotenen (nicht etwa gegenüber der Person) äußern: Bloß nicht!

Auch Diskussionen rund um das gerade von Bibliophilen und Buchhändlern kritisierte Unternehmen amazon werden durch kontroversenmüde User im Keim erstickt, und Ergebnisse finden sich am Ende kaum, außer der Tatsache, dass einmal mehr eine Diskussion im Sande verlaufen ist. Viel zu schnell flaut die ohnehin schaumgebremste Debatte ab. Oftmals bekommt man das Gefühl, als stünde man an der dörflichen Brötchentheke, und die Rentner Henner, Hotte und Elsbeth, die sich jeden Morgen beim Brötchenkauf begegnen, zucken nach drei Minuten Thema und weiteren drei Minuten Floskeln mit den Schultern und sagen: „Was willst machen? Is halt so. Aber mal was anneres… der Erwin secht, im Nachbardorf is morjen Stadtfest, ihr kommt doch auch?“

Ich muss mir die Frage stellen: Warum klinken sich Menschen, die eines Themas überdrüssig sind, überhaupt in Diskussionen ein und bremsen diese aus? Worin liegt der Sinn?

Woher kommt diese Unlust?

Auch muss ich mir die Frage stellen: Woher kommt, wenn dann doch an der Diskussion teilgenommen wird, diese neuzeitliche Diplomatie? Warum sind anno 2015 im anspruchsvolleren Kreis (sprich, jenseits des „Ey, du hast ja gar keine Ahnung!“-Äquators) kaum noch wirklich hitzige, turbulente Debatten möglich? Wie kommt es, dass Diskussionen mittlerweile mindestens die Seichtheit eines Günther Jauch-Talks auf Das Erste aufweisen?

Wo sind die starken unbequemen Meinungen in Diskussionen? Sind wir tatsächlich so bequem geworden, dass wir, anstatt unser Herzblut auch einmal in Wallung geraten zu lassen und gewissermaßen auch einmal emotional zu werden, lieber die Finger still halten, weil das zu anstrengend werden oder man anecken könnte? Und wenn man mal etwas zu sagen hat, selbstverständlich in möglichst plüschiger Ausdrucksweise?

Ist der Gipfel der Diskussionskultur tatsächlich der, die Konversation ihrer Spitzen zu beschneiden, ihre Kanten abzuschleifen und das Ganze mit imaginärem weichem Textil zu umhüllen? Die – ebenfalls imaginäre – Lesebrille die Nase hochzuschieben und die Zunge – tz! – schnalzen zu lassen? Das Tempo herauszunehmen und sinngemäß die Frage: „Muss das jetzt sein?“ zu stellen, als sei eine temperamentvolle Konversation ein Unding?

Wo sind die Diskussionen, in denen es wirklich mal ans Eingemachte geht? In der – in sachlicher Form, versteht sich – auch einmal die Fetzen fliegen, ohne dass Dinge gleich persönlich genommen werden oder bestimmten Diskussionsteilnehmern unterstellt wird, die Position der Opposition lediglich des Opponierens willen einzunehmen?

Ich vermisse diese Debatten. Ich wünsche mir mehr Dampf, mehr Überzeugtheit auf beiden Seiten und auch mal einen etwas schärferen Wind, ganz gleich, aus welcher Richtung er weht. Ich möchte unterschiedliche und begründete Meinungen und endlich wieder gute Diskussionen mit Eifer und Biss lesen – ohne das Gefühl haben zu müssen, dass eine Schaumgebremstheit präsent ist. Können wir uns einfach mal etwas mehr gehen lassen und das ach so seriöse Erwachsensein inklusive seiner Moderatheit auch mal für einen Moment abschalten? Einfach mal mit dem Herzen bei der Diskussion sein und nicht mit dem eingebauten automatischen Prozessorkühler?

Ich bin diese bemüht neutralen Light-Diskussionen leid. Ich möchte gern mal wieder Feuer statt Glut sehen, Flut statt Geplätscher spüren. Schluss mit der verbalen Fahrstuhlmusik! Tut Eure Meinung Kund und steht dazu – und setzt Euch dafür ein! Seid strunzsubjektiv, denn ihr seid Individuen – es ist Euer Privileg, aus der langweiligen Objektivität auszubrechen. Das Leben ist keine berichterstattende Nachrichtensendung.

Denn nicht jede hitzige Diskussion ist gleichzusetzen mit einem Shitstorm. Denn Fetzen können auch mit Niveau fliegen.

(Nachtrag: Gern auch hier.)

(Zeichnung © Chris Popp, nachmitternächtlich mit einem schwarzen Pelikan colorella star Filzszift selbst gemalt)

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Lebt seit 2001 mit Frau und zwei Töchtern südwestlich von Kassel. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Kaffee und Königsberger Klopsen. Schätzt tiefgründige Gespräche und meidet belanglosen Smalltalk. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

 

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2 Kommentare zu "Generation „Bequem“ – oder: Empörungsintoleranz und Kuscheldiskussionen – oder: Ich bin ‚light‘ leid"

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