Harry Crews – Florida Forever (Buch)

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Harry Crews - Florida Forever (Cover © Metrolit Verlag)Fangen wir einmal von hinten an. Dieses Buch hat ein hervorragendes Nachwort. Fast schon mehr als nur ein Nachwort, vielmehr ein Essay über Harry Crews. Verfasst von Günter Blank, der auch für die Neuübersetzung des Romans verantwortlich zeichnet. Dieses muss schon hier betont werden, denn kommt man in “Florida Forever“ so weit, erwartet den Leser noch eine kurze Einführung in das Crews’sche Werk sowie eine Einordnung des Literaten Crews in die amerikanische Literaturlandschaft.

Denn mal ehrlich: ist dieser amerikanische Schriftsteller einer breiteren Leserschaft bekannt? Der Rezensent meint da ganz klar: der Kerl (Crews würde den Ausdruck verzeihen!) war völlig unbekannt. “Florida Forever“ ist der letzte Roman von Harry Crews, welcher 2012 verstorben ist. Dem Metrolit-Verlag ist es nun zu verdanken, das dieser Roman neu übersetzt und veröffentlicht wurde, denn er ist ein ganz starkes Stück amerikanischer Literatur.

Worum geht es? Irgendwann in den frühen siebziger Jahren in Südflorida: Die Hitze flimmert über den Sümpfen, eine alles lähmende Schwüle hängt in der Luft. Eine Landschaft, ein Klima, das die Bewohner müde in der Ecke hängen lässt. Und dahin schickt Harry Crews seine Leser. Aber nicht in Touristengebiete, in die auch vorhandene Leichtigkeit des Seins, nein, sondern in einen Trailer Park. Diese amerikanische Tragödie an sich ist ja schon schlimm genug, aber für die Geschichte nach Crews noch zu alltäglich, denn dieser Trailer Park ist gleichzeitig ein Altenheim. “Stump“, ein alter Korea-Kriegsveteran, hat diesen Trailer-Park gegründet. “Stump“, anders wird er nicht genannt, spricht in erster Linie dem Whiskey zu und hat nur eine Hand. Den anderen Arm hat er sich im Koreakrieg, seinem persönlichen Trauma, abschneiden müssen, um zu überleben. Seine Mitbewohner, von denen er lebt, kennt er kaum. Er ist immer bestrebt, dass alles friedlich bleibt. Nur keinen Stress! Und in diese Situation platzt eine junge, attraktive Frau, genannt “Too much“. “Stump“ und sie werden ein Paar, allerdings nur zur Ausübung, nun sagen wir einmal, zumindest unorthodoxer Sexspielchen.

Alles könnte so schön sein, Alkohol, Sex, Sonne, wären da nicht noch die Alten. Alle sozialen Schichten sind vorhanden. Und damit alle Probleme ebenso, Verschrobenheiten allenthalben. Und so knallt “Too much“ sozusagen in den letzten Straßenabschnitt vor der Ewigkeit. Schnell ist nichts mehr so wie zuvor. Es ist nicht so, dass “Too much“ nun alle Alten aufwiegelt. Nein, das tut sie nicht. Aber sie stellt andererseits alles einfach in Zweifel. Muss das so sein? Muss der Ehemann, wenn er denn im Alter Probleme mit seiner Libido hat (es sei so formuliert, Crews würde sagen und schreiben, wenn er keinen mehr hoch kriegt!); muss er dann zu Mitteln greifen, die in ihrer Konsequenz einer Vergewaltigung gleichen? “Too much“ geht dazwischen, ändert, ja gibt auch Würde zurück. Irgendwo zumindest. Ihre Motivation bleibt dabei im Dunkeln. Es lässt sich erahnen, dass auch sie von Machtphantasien geleitet wird, aber genau lässt sie sich eben nicht in ihre Karten schauen. Und so torkelt dieser Trailer Park, diese Endstation des Lebens… ja, wohin? Es soll an dieser Stelle bewusst offen gelassen werden, denn es sollte sich der Leser, wenn Interesse besteht, selbst ein Bild machen.

Was ist das nun im Fazit für ein Roman? Ist es ein Roman, den man mit dem Modebegriff “noir“ bezeichnen kann, wie es ein stückweit Gunter Blank in seinem schon gelobten Nachwort tut? Meinetwegen, soll es so sein. Packt Crews in diesen Begriff, meinetwegen auch “country noir“? Für mich trifft das nicht zu. Nicht dieser verklärte, inflationär gebrauchte Begriff im Literaturzirkus. Crews hat einen Meilenstein geschaffen. Einen Meilenstein, der zeigt, wie unschön (Crews würde schreiben: scheiße) das Leben im Alter sein kann (vielleicht auch ist?)

Nein, nicht verklärt, es müffelt, stinkt und es hat nur noch wenige helle, toll sonnige Ausblicke. Und so ist der Roman auch Warnung, man könnte es anders machen. Wollen wir das? Können wir das überhaupt? Harry Crews gibt aus meiner Sicht darauf keine Antwort. Ach, fuck, warum auch? Jeder muss mit diesem Abschnitt auf seine Art und Weise klar kommen. Crews hilft dabei nicht, das will er nicht und darum hat er dieses monströse Stück Literatur geschaffen. Ein Buch, das einen Ausblick auf das gibt, was auf uns alle zukommt: Alter, Tod, Ende!

Cover © Metrolit Verlag

Wertung: 12/15 dpt

  • Autor: Harry Crews
  • Titel: Florida Forever
  • Originaltitel: Celebration
  • Übersetzer: Günter Blank, Simone Salitter
  • Verlag: Metrolit
  • Erschienen: Mai 2015
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 334
  • ISBN: 978-3-84930101-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten
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Über den Autor

Laurent Piechaczek

Nicht mehr ganz der Jüngste. Literatur und Musik sowieso. Neuerdings sehr fotointeressiert. Wohnort: Ruhrgebiet, genauer in der Kulturhauptstadt von 2010! Beruf: zur Zeit leider zu viel!

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Harry Crews – Florida Forever (Buch)

von Laurent Piechaczek Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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