Marc Walter, Sabine Arqué & Karin Lelonek – Deutschland um 1900. Ein Porträt in Farbe (Buch)

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Deutschland um 1900 - Cover © TASCHENAls man in Deutschland noch dem Kaiser zu Diensten war, untertänig zu sein als Tugend galt, die Männer ihre Bärte pflegten, man Hut und Gehstock bei sich trug, Damen mit Schirmen in der Sonne flanierten und Pferdekutschen die Straße passierten, schien die Welt noch „geordneten Verhältnissen“ zu folgen – im Grunde jedoch zeigt sich Deutschland im Bildband „Deutschland um 1900“ von einer Seite, die der heutigen gar nicht so unähnlich scheint.

Eine Zeit, die man bisher überwiegend von unscharfen Schwarz-Weiß-Fotografien kannte, gewinnt an Aussagekraft durch dieses „Porträt in Farbe“. Dank des sogenannten Photochromverfahrens, welches den ursprünglichen Schwarz-Weiß-Negativen ermöglicht, in Farbe – als „Fotografien mit naturgetreuer Farbwiedergabe“ – zu erstrahlen, lassen sich im Bildband circa achthundert Photochrome und Ansichtskarten finden, die durch den eigentümlichen „Charakter des Photochrom-Kolorits“ einen Zauber dieser Zeit um 1900 vermitteln: malerisch und dennoch real anmutend.

Deutschland um 1900 - Bild aus dem Buch, © TASCHENAuf über sechshundert Seiten folgt der imposante Bildband einer logischen, an den Flüssen orientierten Aufteilung Deutschlands, präsentiert farbige Bilder, angereichert mit kurzen Erläuterungen und einem Einführungstext, der jedem größeren Abschnitt vorgelagert ist und Einblicke in die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten und Besonderheiten der damaligen Zeit bietet.

So lässt der Bildband Berlin – durch die Reichsgründung 1871 von der Hauptstadt des Königreichs Preußen zur Hauptstadt Deutschlands „aufgestiegen“ und sich von einer „provinziellen königlichen Residenz zu einer weltbürgerlichen Großstadt“ mausernd – als pulsierende Metropole für sich stehen. Das enorme Entwicklungstempo der Stadt zu dieser Zeit – einer Stadt, die Flair und Dynamik versprüht, deren Fassaden sich wandeln und die zunehmend von Mobilität geprägt ist – wird in den einzelnen Abbildungen spürbar.

Schnell findet der Betrachter Parallelen zum Berlin der Nachwendezeit: Ein Anziehungspunkt für Künstler, Geschäftsleute und Innovative, Bewegung und Bauen, Entstehen von Hotels, Cafes, Geschäften, Restaurants, beinahe über Nacht, und wachsende Mobilität – es scheint, als wäre Berlin damals wie heute aus einem langem Schlaf geholt worden. Die Bilder sind Zeugen einer Zeit, die für Wandel und Veränderung steht, die geprägt ist durch technischen Fortschritt, kulturellen Wandel, sozialen Ungerechtigkeiten und einen zunehmend aufgeklärten Geist.

Deutschland um 1900 - Bild aus dem Buch, © TASCHENDie Reise geht weiter: Zur Küste Deutschlands der Jahrhundertwende. Seebäder, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, bieten den gutbürgerlichen Erholungssuchenden Ruhe und Genesung, wahlweise auch gesellschaftliches Beisammensein, je nach Gesinnung. Geschwommen wurde damals nicht, vielmehr handelte es sich um einen „Aufenthalt im Wasser“, welcher der körperlichen Gesundung förderlich sein sollte. Den gut Betuchten der damaligen Zeit beim Vollführen von Wattwanderungen, dem Pflegen der Sommerfrische am Strand oder beim Flanieren durch küstennahe Städte (wie zum Beispiel Lübeck) zuzusehen, schafft augenblicklich eine Atmosphäre wie zur Zeit der „Buddenbrooks“, dem Roman von Thomas Mann. Der Kleidungsstil sowie die Lockerungen desselben stehen sinnbildlich für die Widersprüche dieser Zeit: Einiges scheint sich mehr und mehr zu lösen, während anderes ungefragt einer strengen gesellschaftlichen Norm folgt – damals wie heute.

Von der Küste geht es die Elbe hinauf, beginnend mit Hamburg, dem Tor zur Welt: für Auswanderer, Reisende auf einem Ozeanriesen und Handelschiffe. Bilder vom „Holländischen Brookviertel“, das einst durch alte Kaufmannshäuser gezeichnet war, welche meist als Wohn-, Kontor- und Lagerhaus zugleich dienten, das aber zu Gunsten des Aufbaus der Speicherstadt abgerissen worden war, machen die Kompromisslosigkeit und Hartherzigkeit im Wandel der Zeit bewusst, für immerwährenden Fortschritt und Ökonomisierung.

Dagegen strahlen die Sächsisch-Böhmische Schweiz, das Riesengebirge, der Harz mit seinen historischen Fachwerkstädten sowie der Schwarzwald Schönheit und Ruhe aus, bieten einen Ausweg aus Stress und Arbeitswahn.

Im Bildband wechseln Panoramaaufnahmen mit detaillierten Aufnahmen von Gebäuden, Menschen und Szenen, wie sie einst stattgefunden haben und auch heute noch – in abgewandelter Form – stattfinden könnten.

Die Autoren des Bildbands, der Grafikdesigner, Fotograf und Sammler Marc Walter, der auf alte Reisefotografien spezialisiert ist, vor allem auf Photochrome, und von diesen eine der größten Sammlungen weltweit besitzt, Sabine Arqué, die Dokumentarin, Bildredakteurin und Autorin ist, sowie Karin Lelonek, die als Kunsthistorikerin und freie Kuratorin/Autorin für Museen und Kulturinstitute arbeitet, haben ein beeindruckendes Werk geschaffen, welches durch Ästhetik, aber auch durch historische Kenntnis und Detailtreue zu überzeugen weiß.

In „Deutschland um 1900“ wird das einstige Deutschland in der Form dargestellt, wie man vermutlich zu dieser Zeit gern auf Außenstehende hatte wirken wollen: fortschrittlich, aber konservativ, selbstbewusst, dennoch untertänig, dienstbeflissen, trotz allem elegant und mondän. Der Bildband liefert ein atmosphärisch versiertes und liebevoll gefertigtes Zeugnis dieser Zeit.

Cover und Bilder © TASCHEN Verlag

  • Autor: Marc Walter, Sabine Arqué & Karin Lelonek
  • Titel: Deutschland um 1900. Ein Porträt in Farbe
  • Verlag: TASCHEN Verlag
  • Erschienen: 2015
  • Einband: Hardcover mit Ausklappseiten, 29 x 39,5 cm
  • Seiten: 612
  • ISBN: 978-3-8365-3752-0
  • Sprache: Deutsch, Englisch, Französisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 dpt

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Über den Autor

Juliane Vogler

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Julianes Nerd-Schreibtisch

Wer bist Du und was machst Du hier überhaupt?

Das frage ich mich in der Tat auch oft: Was mache ich hier eigentlich? – Und dabei lief doch alles so ausgezeichnet: der Uniabschluss, der erste Job … Irgendwann verließ ich den sicheren Weg, um mich dem unsteten Leben eines freiberuflichen Autors zuzuwenden. Nun arbeite ich mal wissenschaftlich, mal belletristisch.

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von Juliane Vogler Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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