Jan Kjærstad – Der König von Europa (Buch)

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Jan Kjaerstad - Der König von Europa (Cover © Septime Verlag)Was will uns der Autor sagen? Mit dieser unbeantworteten Frage, hinlänglich bekannt aus dem Deutschunterricht, wird der Leser aus dem Roman „Der König von Europa“ von Jan Kjærstad, einem der wichtigsten norwegischen Schriftsteller, entlassen. Fest steht: Es handelt sich um eine Art Entwicklungsroman, allerdings mit unspannender Entwicklung, dafür mit umso mehr Seiten.

Er beginnt recht interessant. Der Protagonist, Alf I. Veber, Mitte vierzig, beschließt nach einer krisenhaften Silvesternacht zum Jahrhundert- bzw. Jahrtausendwechsel, dass er seinem Leben eine neue Wendung geben will. Er bricht in Norwegen alle Brücken hinter sich ab, verschenkt sein Vermögen und reist nach London, um dort seine Angebetete aus Jugendzeiten, Anna, für sich zu gewinnen. Leider erweist sich dieses Bestreben als ein reines Wunschdenken, ist sie doch inzwischen mit seinem verhassten Bruder Mikael zusammen. Durch diesen Misserfolg aus der Bahn geworfen, zieht er sich verletzt in ein Obdachlosendasein in einem Londoner Park zurück, bis ihm auch sein letztes Geld ausgeht. Zum Glück verfügt er über eine gewisse musikalische Begabung, sodass er sich seinen Lebensunterhalt als Straßenmusiker verdienen kann. Dabei lernt er die Straßenmusikerin Io kennen, die halb so alt ist wie er, und verliebt sich wider Willen in sie.

Dieser Handlungsstrang wird immer wieder durch Rückblenden unterbrochen, in denen dem Leser Alfs komplettes Lesen aufgerollt wird, angefangen bei einem traumatischen Unfall bei einem Seifenkistenrennen in seiner Kindheit, bei dem er seine Milz verlor. Seit jenem Moment fühlt er sich für immer beschädigt. Ein weiteres prägendes Ereignis ist der Selbstmord seiner Babysitterin Vera, die er nicht hatte retten können, weil er das intellektuelle Rätsel, das Veras Vater ihm aufgegeben hatte und dessen Lösung einen Hinweis auf das Versteck des Ersatzschlüssels zum Haus gegeben hätte, nicht hatte lösen können.

Diese zwei Momenten wie auch das Vorbild seines Vaters, der mit Leib und Seele Wissenschaftler ist, begründen sein ewiges Streben nach Wissen und Können. Immer wieder gelingt es Alf, sich auf den verschiedensten Gebieten hervorzutun. Nicht nur wird er ein vielversprechender Fußballtorwart, sondern auch ein begnadeter Gitarrist und Sänger, wenngleich nur einer Coverband, und begabter Enzyklopädist, wenngleich seinem Arbeitgeber ein wenig zu übereifrig. Auch in seinem Studium der Ideengeschichte ist er sehr erfolgreich. Sein Vermögen verdient er schließlich als Internetpionier. Von Kindesbeinen an umgibt er sich intuitiv ausschließlich mit vielseitig interessierten Personen, die ihm ihre Lebens- und Gedankenwelten zugänglich machen und so seinen Horizont erweitern.

Während des Studiums entwickelt sich sein Freundeskreis zu einer Art intellektuellem Salon. Gemeinsam wollen sie Norwegen reformieren und unter anderem die Monarchie abschaffen, Projekte, die immer groß gedacht werden, in der Umsetzung jedoch nicht das Gewünschte erzielen. Die Ideen verpuffen und mit ihnen die Energie. Entsprechend löst sich der Studentenzirkel nach dem Studium auf.

Auch bei den Frauen hat er nach anfänglicher Zurückhaltung wegen eines einschneidenden Erlebnisses während des Konfirmandenunterrichts großen Erfolg, bis er merkt, dass ihn die flüchtigen sexuellen Kontakte im Grunde nicht bereichern. Für Beziehungen scheint er weniger begabt zu sein. Er entdeckt seine Verehrung für Anna, die seinem Werben jedoch nicht nachgibt. Seine Ehe mit der Galeristin Charlotte überlebt den Misserfolg seines ersten veröffentlichen Buches nicht.

So hangelt sich die Geschichte durch Alfs Leben, doch der Leser weiß im Grunde nicht so genau warum. Alf ist keine besonders sympathische Figur, sodass man eigentlich gar nicht so dringend mehr über ihn erfahren möchte. Er ist ein Eigenbrötler, überheblicher Klugscheißer und Langweiler, zuletzt auch noch von der larmoyanten Sorte und erscheint schon vor der Zeit geistig wie ein alter Mann. In seinen gedanklichen Verrenkungen, die ihn davon ablenken sollen, dass er Io, die Anfang zwanzig ist, begehrt, klingt er wie ein Achtzigjähriger mit Inzestgedanken. Zudem ist er offensichtlich zu einer emotionalen Bindung nicht befähigt, sodass im ganzen Roman nicht eine zwischenmenschliche Beziehung überzeugend beschrieben wird. Vielleicht liegt das allerdings auch daran, dass die anderen Figuren so blass bleiben. Selbst die Personen, die in Alfs Leben angeblich wichtig sind, werden nur im Verhältnis zu Alf beschrieben, nicht als eigenständige Figuren. Entsprechend schreibt der Autor sie nach Belieben aus der Geschichte, wenn sie der Hauptfigur nicht mehr dienen. So taucht Alfs Bruder Mikael nur auf, um an ihm den Kontrast zwischen den Brüdern zu verdeutlichen, und verschwindet seine beste Freundin Johanne, mit der Alf als Kind sehr viel Zeit verbracht hat, auf eine unbefriedigende Weise im Nichts. Anna, die Alf angeblich anbetet, wird als unnahbare Ziege Typ Schneekönigin charakterisiert, sodass dem Leser unklar bleibt, wieso Alf ihretwegen Jahre später völlig überstürzt nach London reist.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Lebensgeschichte des Protagonisten unglaublich konstruiert und unglaubwürdig ist. Alf ist ein solcher Überflieger in allem, was er beginnt, und seine sogenannten Freunde sind alle von klein auf so mordsgebildet und eloquent, dass der Leser manches Mal überlegt, ob das Ganze womöglich ironisch gemeint sein könnte, doch das Ende des Buches schließt diese Deutung im Grunde aus. Seite um Seite wird mit pseudo-intellektuellem Geschwafel und name-dropping aus verschiedensten geschichtlichen Epochen und kulturellen Gebieten gefüllt. Da fliegen dem Leser die Philosophen, Maler, Schriftsteller, Bandnamen und Liedertitel nur so um die Ohren, ohne dass das die Geschichte nennenswert voranbrächte. Alfs Fixierung auf den Barock – Gegenstand seines gefloppten Buchs – und die Aufklärung – Thema seines zweiten, im Entstehen begriffenen Buchs – bleiben leere Worthülsen, seinen Weltschmerz kann man nicht ernst nehmen. Besonders lächerlich wirken auch die Grabreden und Nachrufe, die vereinzelt dazwischengestreut werden und in denen das Loblied des vermeintlich Verstorbenen gesungen wird.

Als ob diese zähe Seitenfüllerei die Lektüre nicht schon genug erschweren würde, ist leider auch noch die Übersetzung mäßig, sodass man vielen Sätzen hinterherdenken muss, weil sie so unidiomatisch oder schlicht grammatikalisch oder von der Wortwahl her falsch sind. Es hätte nicht geschadet, sich vom Original ein bisschen mehr zu lösen. Da wird zum Beispiel aus Alfs Gesang an verschiedenen Londoner U-Bahn-Haltestellen, er habe „im Untergrund gesungen, in mehreren Stationen“. Besonders ärgerlich ist zudem die mehrmalige Verwendung des Wortes „Fotze“. Dieses wirklich ultravulgäre, pejorative Wort kann als positiver Begriff für die weibliche Scham einfach nicht verwendet werden, sondern wirkt befremdlich und deplatziert.

Und so kämpft sich der Leser durch sage und schreibe 686 Seiten, immer in der Hoffnung, der Plot möge noch Schwung bekommen, der Sinn dieser umfangreichen Geschichte möge deutlich werden und wird letzten Endes doch enttäuscht. „Der König von Europa“ – wobei offenbleibt, ob mit Europa der Kontinent oder der gleichnamige Jupitermond gemeint ist – ist ein Sturm im Wasserglas.

  • Autor: Jan Kjærstad
  • Titel: König von Europa
  • Originaltitel: Kongen av Europa
  • Übersetzer: Alexander Riha
  • Verlag: Septime Verlag
  • Erschienen: 2016
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 686
  • ISBN:  978-3-902711-49-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 7/15 dpt


Über den Autor

Christina Brunnenkamp


„Mit viel Faulheit fing es an“ hieß mein allererstes Druckschriftbuch – und was bin ich froh, dass meine Kinder weniger moralisierende Bücher lesen können! Trotzdem habe ich seit jener Zeit immer ein Buch zur Hand, sei es in Papierform oder elektronisch. Schon vor Langem wurde ich deshalb von meinen Freunden zum Leseratgeber erkoren – und weil ich so gerne Menschen zum Lesen anstifte, teile ich meine Leseeindrücke heutzutage online.

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von Christina Brunnenkamp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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