einzlkind – Harold (Buch)

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einzlkind - Haroldeinzlkind - HaroldGelegentliche Selbstmorde sind die Lieblingsbeschäftigung des 49-jährigen Londoner Wurstfachverkäufers Harold, ebenso die alldonnerstägliche Bridgepartie mit drei älteren Damen. Zwar verliert der gute Mann bald seine Arbeit, das scheint ihn kaum aus der Bahn zu werfen, denn der Alltag verändert sich kaum – bis zu jenem Tag, an welchem Denise Bentham mit ihrem Sohn Melvin vor der Tür steht, sie beide als seine neuen Nachbarn vorstellt, und ihn damit überfällt, dass sie sich ja schlau gemacht habe, dass Harold nun zeitliche Kapazitäten frei hätte, er ja sowieso ein ganz netter sei, und ach, da sie nun eine wichtige Arbeit angenommen hat, könne er doch wunderbar auf Melvin aufpassen, damit der keinen Mist baut.

Harold widerstrebt dies logischerweise sehr, doch er hat einen Sprachfehler: Er kann nicht nein sagen. Und so nimmt er sich mal mehr, mal weniger gleichgültig des elfjährigen Jungen an, doch jener hat es in sich, denn er ist ein Savant. Mit anderen Worten: Ein Genie, ein Autist mit speziellen Begabungen. Sehr schnell hat der Kleine den depressiven, vor den Toren des Alters stehenden Mann in seiner Hand, wobei der sich jedoch zu keiner Zeit von seinen periodischen Suiziden abhalten lässt.

Nun weiß Melvin nicht, wer sein Vater ist – er weiß lediglich, dass dessen Name Jeremiah Newsom ist, und derer gibt es einige. So erheben die beiden ihre insgesamt acht Buchstaben, irren durch England bis nach Irland und begegnen dem rosaroten Badeschaf, überfahren die Queen, treffen Miss Pink Flamingo, den Boxer Jonny Danger und Humphrey Bogart. „Harold“ ist ein Buch der Skurrilitäten, gespickt mit kauzigen und verschrobenen Charakteren, unfassbar komischen Situationen, ebensolche sehr kruder Natur, mit sehr tragischen Momenten, Absurditäten, Situationskomik, Zynismus der derbsten Art, Bosheit,  vor allem aber mit dunkelpechschwarzem, typisch britischem Humor, der  zu unkontrolliertem Wiehern seitens des Lesers führt.

Sowohl die enorm clever gestrickte Geschichte, als auch der in hohen IQ-Bereichen wild durch die Lüfte fatternde Schreibstil machen Einzlkind, so das Pseudonym des sich in der Anonymität offensichtlich sehr wohl fühlenden Schriftstellers, zu einem der überraschendsten neuen Buchstabenjongleure seiner Art. Ob er es sich als literarischer Rastelli bereits mit diesem Debüt nicht selbst eingebrockt hat, diese qualitative Leistung nie toppen zu können, wird sich zeigen. Einzlkind ist nach diesem morbiden Roman allerdings alles zuzutrauen…

Cover © Heyne

  • Autor: einzlkind
  • Titel: Harold
  • Originaltitel: Harold
  • Verlag: Edition Tiamat (HC), Heyne (TB)
  • Erschienen: 03/2010 (HC), 09/2011 (TB)
  • Seiten: 222 (HC), 224( TB)
  • ISBN: 978-3-453-43597-1 (HC), 978-3-453-43597-1 (TB)

Wertung: 13/15 dpt

Vielen Dank an noisyNeighbours, von denen ich den Artikel „mitnehmen“ durfte. Die Originalversion findet ihr in noisyNeighbours #36, das ihr hier herunterladen könnt.

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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einzlkind – Harold (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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