Hallgrímur Helgason – Eine Frau bei 1000° (Buch)

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Hallgrimur Helgason - Eine Frau bei 1000°So witzig und skurril, wie dieses Buch in manchen Magazinen und sogar auf der Buchrückseite angepriesen wird, ist es keinesfalls – auch das Cover dieses Vierhundertseiters mag diesbezüglich irreführend sein, denn „Eine Frau bei 1000°“ ist nur oberflächlich mit Humor gespickt – der nämlich fußt auf der beeindruckenden Lebenserfahrung der 80-jährigen isländischen Protagonistin Herbjörg María Björnsson, die sich im Endstadium ihres Krebsleidens befindet und nun auf ihre Einäscherung wartet.

Einzig via Laptop und Internet mit der Außenwelt verbunden und von zwei Pflegern versorgt, lebt sie in einer Garage und hütet einen Schatz wie ihren Augapfel: Eine Handgranate, die ihr ihr Vater ihr als Kind gegeben hatte. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, mit der Vergangenheit abzurechnen, und hierbei lässt Herbjörg ihr Leben Revue passieren. Nahezu autobiographisch geht sie bis zu ihrer Kindheit in Island zurück, erzählt von ihrer Familie, von ihren Erlebnissen, ihren Erfahrungen, ihrem Erwachsenwerden.

Besonders aber schildert sie in unglaublich bewegenden und erschütternden Wortbildern, wie sie den Zweiten Weltkrieg am eigenen Leib miterlebt hat und von Island nach Dänemark, Deutschland, Polen, Russland und sonst wohin geschoben wurde. Wertverluste, Tode, Vergewaltigungen, Hunger und die Ungewissheit, was am nächsten Tag geschehen mag, pflasterten den harten Weg, den die damals Heranwachsende gehen musste – oft allein, verloren in der großen, weiten Welt, ganz auf sich gestellt. Und auch nach dem Krieg, in ihrer Zeit in Argentinien und der Rückkehr nach Island, hat es die Frau im weiteren Leben nicht einfach.

Gesegnet mit einer scharfen Beobachtungsgabe, entgleitet der alten Dame oftmals Galgenhumor der makabersten Sorte, und immer wieder finden sich in diesem Buch wertvolle, kleine große Weisheiten – hierbei verwundert es nicht selten, wie der Autor, der schon das legendäre „101 Rejkjavík“ sowie „Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“ geschrieben hat, zu so viel Weisheit und Lebenserfahrung gekommen ist – hier übertrifft er sich selbst und hat mal eben einen der aufrüttelndsten, zerwühlendsten, intensivsten Romane geschrieben, die in der zweiten Jahreshälfte 2011 erschienen sind. Starker Tobak, an welchem man noch viele Tage später zu knabbern hat.

Cover © Tropen/Klett-Cotta

  • Autor: Hallgrímur Helgason
  • Titel: Eine Frau bei 1000°
  • Originaltitel: Konan við 1000°C
  • Übersetzer: Karl-Ludwig Wetzig
  • Verlag: Tropen/Klett-Cotta
  • Erschienen: 2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 400
  • ISBN: 978-3-608-50130-8

Wertung: 12/15 dpt

Diese Rezension ist eine überarbeitete Version des Originaltextes aus noisyNeighbours Heft 35, das man unter dieser Adresse kostenlos herunterladen kann. Vielen Dank fürs „Mitnehmendürfen“!


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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