Kim Stanley Robinson – 2312 (Buch)

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Kim Stanley Robinson - 2312 (Buch)2312″ ist komplex. Gleichzeitig wird es so leicht erzählt, dass man von jeder Seite mit einem Vielfachen der Erdanziehungskraft in die Zeilen gezogen wird. SciFi-Großmeister Kim Stanley Robinson ist mit diesem Buch ein mächtiger Beitrag zur Genre-Literatur gelungen: Die Themen sind nicht symbolisch-plump, wie man es in der SciFi-Sektion vielleicht erwartet. Ihre Behandlung ist weitreichend, topographisch und konfliktreich. Es geht um Gender-Themen, Gesellschaftsstrukturen, Macht, Politik, Künstliche Intelligenz und um den Luxus des Realen, den nur noch die Erde zu bieten hat. Vor allem aber ist es ein Buch über die Wechselwirkung von Leben und Umwelt. Die Geschichte ist ein phantastisches Weltraum-Abenteuer zwischen Krimi, Thriller und einem Hauch Humor à la Douglas Adams. An manchen Stellen ist „2312“ so unmittelbar und direkt geschrieben wie Kopfkino. An anderen Stellen verdichtet sich der Text zu schierer SciFi-Poesie mit der Mächtigkeit einer Beethoven-Sinfonie.

Der Roman spielt in unserem beinahe vollständig erschlossenen Sonnensystem. Saturn und Venus sind zu Beginn des vierundzwanzigsten Jahrhunderts gut besiedelt. Der Mars hat sich zu einer zweiten, besseren Erde gemausert. Es gibt tausende ausgehöhlte Asteroiden, die durch Terraformingprozesse zu Mini-Welten mit unterschiedlichster klimatischer und regionaler Beschaffenheit transformiert wurden. Sie liefern sowohl Lebensraum als auch Nahrungsmittel. Die „Raumer“ genannten Weltraum-Siedler sind gut aufgestellt. Sie leben in Wohlstand und Freiheit, wobei sich auf den unzähligen Kolonien und Splitterwelten unterschiedliche Gesellschaftsformen mit diversen Wirtschaftssystemen herausgebildet haben.

Die Menschen auf der Erde haben hingegen immer noch mit den Problemen des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu kämpfen. Der Weg in den Weltraum bleibt ihnen durch Angst, Gesetze und Hass auf die Raumer versperrt. Drei Milliarden sind täglich vom Hungertod bedroht. Die Klimakatastrophe hat zugeschlagen. Tausende Tierarten sind ausgestorben. Weitere fünf Milliarden Menschen leben an der Armutsgrenze, während man im Weltall traumhafte Landschaften in Asteroiden pflanzt oder ganze Eismonde zerschneidet, um es auf der Venus schneien zu lassen. Warum lässt sich die Erde nicht ändern, obwohl alle Ressourcen und Techniken für eine bessere Welt vorhanden sind?

Das ist auch eine Frage, die sich Swan Er Hong, die gynandromorphe Heldin der Geschichte, zu einem späteren Zeitpunkt stellen wird. Doch zu Beginn kann der Leser die leicht verrückte Swan dabei beobachten, wie sie vor dem Sonnenaufgang auf dem Merkur, ihrem Heimatplaneten, herumspaziert. Fasziniert und gefesselt von dem Anblick der gigantischen Sonnenscheibe, die den Horizont aufzufressen scheint und gleichzeitig in Gefahr, von den Sonnenstrahlen erfasst und verbrannt zu werden.

An dieser Stelle sei bereits angemerkt: Robinson kennt sich besser in unserem Sonnensystem aus, als manch ein Booknerd in seiner Nachbarschaft. Er schafft es mit wenigen Worten, Landschaften und Szenerien zu schildern, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. „2312“ hält unzählige wirkliche, phantastische Orte bereit.

Alex, Swans geliebte Großmutter, die einflussreichste Diplomatin in dem politischen Flickenteppich „Sonnensystem“, ist unerwartet gestorben. Swan verfällt in eine waschechte Sinnkrise und muss sich zudem mit Alex‘ seltsamen Arbeitskollegen beschäftigen, die hartnäckig Fragen nach hinterlassenen Botschaften ihrer Großmutter stellen. Wahram ist ein ruhiger, optimistischer Diplomat vom Titan mit dem Aussehen eines Frosches und das krasse Gegenteil der impulsiven, widersprüchlichen, selbstgerechten Swan. Genette ist ein kleinwüchsiger Ermittler einer interplanetaren Polizeibehörde und eine Art unaufgeregter Sherlock Holmes.

Durch die beiden interessant gestalteten Figuren erhält Swan einen Einblick in die Arbeit ihrer Großmutter und damit auch erste Hinweise auf eine Bedrohung der uneinheitlich organisierten, balkanisierten Menschheit, die sowohl die Erde als auch die Weltraum-Siedlungen betrifft. Es kommt zu Angriffen, Übergriffen und detektivischen Ermittlungen, bei denen Swan, Wahram und Genette mal zusammenarbeiten und mal auf eigene Faust durch das System ziehen. Die Lesererwartung wird dabei in dem Maße berücksichtigt wie es grüne Männchen auf dem Mars gibt.

Robinson unterbricht die Erzählung immer wieder durch „Listen“, die wohl von den Charakteren angefertigt werden, etwas mit ihnen zu tun haben oder sonst irgendwie zur jeweiligen Situation passen. Diese liefern geschickt einen tieferen Einblick in das Thema beziehungsweise in die Figur, wobei dem Leser angenehm viel Interpretationsspielraum bleibt. Dann wiederum finden sich zwischen den Kapiteln gelegentlich sogenannte „Auszüge“. Das sind fingierte Ausschnitte aus kultur-, wissenschafts-, und geschichtsbezogenen Enzyklopädien jener Zeit, die Zustand und Entwicklung von Orten, Techniken oder kulturellen Phänomenen erklären.

Das persönliche Highlight für den Rezensenten stellen jedoch die ebenfalls lose eingebundenen und als „Quantum-Walk“ bezeichneten drei Mini-Kapitel dar, die einen literarischen Grenzgang der Extraklasse bieten. Sie zeichnen den Bewusstseinsstrom! eines Quantencomputers!! nach. Dabei kann es unter Umständen zu einer äußerst paradoxen Leseerfahrung kommen. Ulysses wäre neidisch.

„2312“  ist aber nicht nur deswegen ein Meilenstein in der SciFi-Literatur. Der Roman ist erstklassiges Handwerk (mit einigen wenigen Längen und nachlässigem Lektorat). Zudem schafft er es, den aktuellen Diskursen aus (Geo-)Politik, Gender-Forschung und Kulturtheorie ein phantastisches Ende ihrer selbst gegenüberzustellen. Das ist nicht blödes, provozierendes „Auf-die-Spitze-treiben“, sondern ein produktiver Tausch des Gegenwärtigen mit dem Zukünftigen, das einem ungefragt einen zweiten, dritten und auch vierten Sehnerv anlötet. Man kann nach dem Jahr 2312 gar nicht mehr aufhören, die Perspektive zu wechseln.

Cover © Heyne

 

  • Autor: Kim Stanley Robinson
  • Titel: 2312
  • Originaltitel: 2312
  • Übersetzer: Jakob Schmidt
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 03/2013
  • Einband: Paperback, Broschur
  • Seiten: 592
  • ISBN: 978-3-453-31435-1
  • Sonstige Informationen:
    Bezugsmöglichkeit aller Formate

 

 

Wertung: 14/15 dpt

 


Über den Autor

Christian Bischopink


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Kim Stanley Robinson – 2312 (Buch)

von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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