Daniel Suarez – Kill Decision (Buch)

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Daniel Suarez - Kill Decision (Buch) Nachdem Daniel Suarez mit seiner Technothriller-Dilogie “Daemon: Die Welt ist nur ein Spiel” und “Darknet” respektabel debütierte, war die Spannung bei den Genrefans groß, was der ehemalige US-amerikanische Softwareentwickler und Systemberater als Nachfolger präsentieren mochte. Bei “Kill Decision” wird der Leser Zeuge eines grauenvollen Drohnenangriffs auf eine Iraker Pilgerstätte, wobei sehr schnell klar wird, dass nicht zwingend die Vereinigten Staaten von Amerika dahinter stecken müssen. Nur kurze Zeit später erwischt es auch eine Universität in Kalifornien, die Drohnensoftware für anonyme, intelligente Kriegsführung entwickelt.

Gleichzeitig erforscht die Myrmekologin Linda McKinney in Tansania das Verhalten von Weberameisen, einer extrem aggressiven und dominanten Ameisenspezies, deren Schwarmintelligenz weit über der anderer Ameisen liegt. Sämtliche Ergebnisse ihrer Recherchen und Erkenntnisse hält sie auf ihrem Notebook fest. Auch auf ihre Hütte wird ein Anschlag ausgeübt, doch ein mysteriöser Fremder mit dem Decknamen Odin rettet ihr durch eine raffinierte Aktion das Leben.

Fest steht: Sowohl der Projektabteilung der Universität als auch der Forscherin wurden durch hinterhältige Cyberattacken sensible Daten und Programmcode gestohlen, um sie für eigene Zwecke zu missbrauchen, um Unmengen von tödlichen Drohnen herzustellen und mittels künstlicher Intelligenz darauf zu programmieren, in den USA weitere Blutbäder und Schneisen der Verwüstung zu hinterlassen.

Irgendwo auf dem Planeten lauern offenbar Mächte, die die Karten der Macht neu zu mischen versuchen. Spielen wirtschaftliche Interessen eine Rolle? Vergeltung? Pure Destruktivität? Odin “entführt” McKinney, holt sie zu seiner Spezialeinheit und versucht, sie zu einer Kooperation zu überreden, um die immer cleverer agierenden fliegenden Biester zu stoppen – doch die Gegenseite tut alles Erdenkliche, um das Team zu blockieren und auf die falsche Fährte zu locken. Und produziert noch mehr Drohnen. Noch intelligentere. Noch tödlichere.

Grundsätzlich ist dieser Fast-500-Seiter ein sehr zügig lesbarer Thriller mit unzähligen guten Ideen und beängstigend realistischen Zukunftsszenarien. Ein wenig Cyberkriminalität, etwas temporaprismeske Totalüberwachung, Wirtschaftsdiktatur und technischer Fortschritt als schleichender Massentötungsprozess, gepaart mit viel Action, viel Technik und geschickt miteinander verstrickten roten Fäden – es ist praktisch alles vorhanden, was den Anhänger an der Schwelle von Realität zu Science-Fiction angesiedelter High-Tech-Thriller begeistern könnte, doch Suarez bewegt sich mit  “Kill Decision” einen großen Schritt auf die Karikatur seiner Selbst zu.

Waren es bei “Daemon” beziehungsweise “Darknet” noch Humvees, die mittels KI Jagd auf Menschen machten, was ja durchaus schon sehr “weit drüber” war, so wird beispielsweise Odin von zwei Raben begleitet, die für ihn die Lage erkunden. Raben, die sprechen können. Headsets tragen und damit auch mit Odin kommunizieren. Hugin und Munin. Innerhalb eines todernsten, brutal-blutigen Thrillers wirkt dies nicht nur unfreiwillig komisch, sondern nahezu lächerlich, ebenso andere Kleinigkeiten ähnlicher Couleur. Doch auch die ein oder andere Vorhersehbarkeit lässt den Leser mit den Augen rollen.

In zahllosen Passagen und auch bei der Darstellung einzelner Charaktere bekommt man zudem oftmals den Eindruck, als hätte Suarez ein paar Fernsehserien zu viel gesehen, denn das Gros der Figuren ist dermaßen klischeehaft skizziert, dass es fast schon körperlich schmerzt oder einen komödiantischen Faktor besitzt, der mit hundertprozentiger Sicherheit nicht beabsichtigt war. Leider gelingt es dem Schriftsteller auch kaum, den einzelnen Personen etwas Vielschichtigkeit zu spendieren, und so sind sowohl Protagonisten als auch Nebenfiguren eher eindimensional und flach dargestellt.

Hinzu kommt, dass man mit Odin eine Art Superheld, Alleskönner und Allwissenden erschaffen hat, der zunehmend unglaubwürdiger erscheint und in manchen Szenen für extremste “Ja nee, ist klar!”-Momente sorgt, die man beispielsweise von “CSI: Miami” kennt, wenn Horatio Caine halb verblutet noch erbittert den Ganoven jagt, oder gar wie Steve McGarrett bei “Hawaii Five-O”, der auch noch kurz vor Exitus an Hubschraubern oder unter Lieferwagenbodenblechen hängt und gleichzeitig schießt und prügelt und per SMS einen siebenundzwanzigstelligen Code an sein Team durchgibt, während er sich mit den Zähnen ein Stück T-Shirt herausreißt, um seine Wunde damit zu verbinden. Odin ist so ein harter Bursche, dass er dem Bösewicht sozusagen “mit appen Armen” die Zähne ausschlägt, gleichzeitig eine hochkomplexe mathematische Formel löst und währenddessen mit den Füßen Krautsalat zubereitet.

Was also als packender Technothriller gedacht sein soll, wirkt über weite Strecken wie die Phantasien eines großen kleinen Jungen, mit viel Rappelkabumm und Knallbummpeng, kombiniert mit prahlerischem Aufzählen technischer und wissenschaftlicher Details. Immer wieder fühlt man sich zu der Unterstellung verleitet, Suarez schriebe diese Romane für eine effektbeladene und laute Hollywood-Verfilmung, doch gerade bei “Kill Decision” kommt erschwerend hinzu, dass der Autor insgesamt hinsichtlich der Storystruktur zu schablonenhaft vorgegangen ist – und ebenjener Eindruck verstärkt sich in gewissen Schlüssel- und “Das muss auch noch mit rein”-Situationen. Auch bezüglich der Übersetzung muss Kritik angebracht werden, denn Cornelia Holfelder-von der Tann, die bei der Vorgängerdilogie noch hervorragende Arbeit geleistet hatte, enttäuscht bei vorliegendem Werk mit sehr stereotyper, gehetzt wirkender Übersetzung.

Nur die essentiellen inhaltlichen Komponenten, die man als einerseits als fürwahr originell, andererseits als schockierend möglich bezeichnen kann, retten “Kill Decision” letztendlich vor der totalen Bruchlandung. Ansonsten enttäuscht das im Original gleichnamige Buch auf ganzer Linie.

Cover © rororo

 

  • Autor: Daniel Suarez
  • Titel: Kill Decision
  • Originaltitel: Kill Decision
  • Übersetzer: Cornelia Holfelder-von der Tann
  • Verlag: rororo
  • Erschienen: 04/2013
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 496
  • ISBN: 978-3-499-25918-0
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeiten

 

Wertung: 8/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris’ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Daniel Suarez – Kill Decision (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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