Aldous Huxley – Schöne neue Welt – Ein Roman der Zukunft (Hörbuch, gelesen von Matthias Brandt)

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Aldous Huxley - Schöne neue Welt Cover © der HörverlagDiesen Meilenstein dystopischer Literatur noch großartig zu beschreiben, ist im Grunde überflüssig und fast ein Unding, weil er zum literarischen Allgemeinwissen zählt. Dennoch soll es lesebegeisterte Zeitgenossen geben, die sich dieses Werk trotz großen Input-Hungers noch nicht einverleibt haben. Der diese Zeilen in die Tastatur hackende Rezensent zum Beispiel, der sich ärgert, diesen kranken Roman nicht vorher gekannt zu haben. Doch ein Gutes hat diese verspätete Entdeckung, denn durch dieses Hörbuch entfaltet die Geschichte ihre ganz eigene, packende Atmosphäre.

Wir schreiben das Jahr 632. Anno Fordii (oder: „After Ford“). Das Jahr 1908 n. Chr., in welchem Henry Ford das erste T-Modell, die sogenannte „Blechliesel“, vom Band laufen ließ, gilt hier als Ursprung für die neue Zeitrechnung, wonach „Schöne neue Welt“ etwa im Jahr 2540 unserer Zeitrechnung stattfindet. Rund vierhundertachtzig Jahre zuvor sorgte der Neun-Jahres-Krieg für Verwüstung – und ein Weltstaat unter Leitung einer Weltregierung, welche fortan fast die komplette Erdbevölkerung unter sich hatte, entstand. Damit einher ging die Erschaffung einer „modernen Zivilisation“: Menschen pflanzen sich seitdem nicht mehr auf herkömmliche Weise fort und werden auch nicht von Eltern aufgezogen, sondern künstlich und mittels pränataler biologischer Einwirkung in staatlichen Aufzucht- und Brutzentren erschaffen.

Die drei Stützpfeiler der modernen Zivilisation sind Stabilität, Frieden und Freiheit, und damit die Stabilität gewährleistet ist, werden die Menschen in fünf Kasten unterteilt und dementsprechend auf die Kaste hingezüchtet. Die anspruchsvollsten Aufgaben fallen den sogenannten Alphas zu, die etwas weniger anspruchsvollen den Betas, und die niederen und geistig weniger anfordernden Arbeiten werden den Epsilons zugeteilt. Damit ein potentieller Epsilon ein Epsilon wird, wird ihm vor der Geburt im Embryostatus Sauerstoff entzogen, damit er geistig minderbemittelt bleibt und wie auch die Menschen aus den anderen Kasten in der ihm zugeteilten Funktion effektiv ist und bleibt. Wie viele Menschen von welcher Kaste reproduziert werden sollen, hängt hierbei von den Bedürfnissen der Regierung ab.

Wissenschaftlich und medizinisch ist man mittlerweile so weit, dass die Menschen praktisch gar nicht altern und dank pränataler Impfungen stets gesund bleiben, wodurch die Stabilität erst gar nicht ins Wanken geraten kann – ihre Lebenszeit wurde auf sechzig bis siebzig Jahre begrenzt, und wenn die Zeit gekommen ist, werden sie durch eine gezielte Dosis Drogen ausgeschaltet, damit sie ruhig, ohne Leid, ohne Schmerz, ins Jenseits hinwegdämmern.

Durch gezielte Konditionierung (die Behaviorismus-Lektüre von John B. Watson lässt wild winkend grüßen) und Gehirnwäsche werden die Menschen für ihre Aufgaben erzogen und deren Angst vor dem Tod durch sehr frühe Besuche in Sterbehospizen ausgelöscht. Ebenso wird ihnen suggeriert, dass jede Kaste für das komplette System von Bedeutung ist, jeder stolz darauf ist, Teil seiner Kaste zu sein und dass die Gesellschaft nur als Gemeinschaft funktioniert, denn Einsamkeit ist in ihr nicht vorgesehen. Ebenso sind Gefühle wie Liebe, Leidenschaft und Trauer nicht erwünscht – solche Unarten werden geächtet. Sexualität hat primär lustgesteuert und promisk stattzufinden – Monogamie hingegen beeinflusst die Stabilität negativ. Entsprechend ist auch die Medienwelt auf sinnentleerte Berieselung reduziert, die hauptsächlich aus Erotik- und Actionelementen besteht. Geschichte und Bildung haben in dieser neuen Welt kaum bis keinen Platz, und vor allem die Geschichte der „alten Welt“ ist völlig verpönt und wird als Unsinn abgetan.

Die Bevölkerung lebt in völliger Sterilität, man ist schlichtweg perfekt, schön, riecht stets gut, und damit sich stabilitätsgefährdende emotionale Regungen und Schwankungen erst gar nicht ereignen, werden die Menschen zum Konsum der synthetisch hergestellten, nebenwirkungsfreien Droge Soma erzogen, da diese aphrodisierend und stimmungsaufhellend wirkt. Opium für die Massen.

In wenigen Reservaten auf der Welt leben hingegen noch „Wilde“ – Menschen, die noch gemäß der alten Welt leben, sich durch den Geschlechtsakt fortpflanzen, Gefühle aller Art zulassen und ihren Nachwuchs als Eltern großziehen. Für die Neue-Welt-Gesellschaft gilt diese Lebensart als anstößig, unerhört, beschämend, ekelerregend und unschicklich, doch immer wieder begeben sich einige der Zuchtmenschen auf Urlaub in solche Reservate, doch eher zu ihrer eigenen Belustigung und zur Demonstration dafür, wie perfekt doch ihre neue Welt jenseits dieser Reservate ist.

Diese Perfektion verspürt der Alpha Bernard Marx jedoch schon eine ganze Weile nicht mehr – er fühlt sich unwohl. Nach Genehmigung seitens des Zentrumsdirektors lädt Marx die äußerst attraktive, sehr begehrte Beta-Frau Lenina zu einem Kurzurlaub in ein Reservat in New Mexico ein – in der Hoffnung, von diesem Unbehagen befreit zu werden… Werden ihn die Eindrücke des Lebens der „Wilden“ therapieren können?

Das in den frühen Dreißigern des 20. Jahrhunderts erschienene Buch schockiert dank seiner nostradamischen Züge auch heute noch, gerade weil die Gesellschaft in den wirtschaftsstarken Staaten so sehr wie noch nie auf Leistung getrimmt wird und eine klassische Familie heutzutage als obsolet gilt und hinsichtlich der Effizienz der wirtschaftsdiktatorischen Maschinerie eher hinderlich als förderlich ist, da ansonsten virtuelle Zahlen, die sich hektisch umherwuselnde Börsianer zurufen und von Tafeln ablesen, möglicherweise dramatisch sacken könnten.

Auch der gleichermaßen selbstauferlegte wie gesellschaftssuggerierte Zwang des perfekten Aussehens geht stellenweise so weit, dass sich mehr und mehr Menschen aus allen Generationen freiwillig unters Messer legen und/oder sich kosmetisch denen anzupassen versuchen, die von (retuschierten) Plakaten und Zeitschriften je nach Geschlecht lächelnd, stark, lasziv, sexy, Weiblichkeit oder Virilität betonend, ihren Beobachter herausfordern. Optische Sterilität als Norm – und was der Norm nicht entspricht, wird, wenn auch subtil, als minderwertig angesehen.

Medial entsteht eine immer größere Diskrepanz hinsichtlich der inhaltlichen Qualität, und so bewegen sich die anspruchsvollen Inhalte zunehmend in Richtung Nischendasein, sodass der Mainstream von meist abstumpfender Berieselung dominiert wird und dem „funktionierenden“ Menschen „überflüssige“ Denkprozesse erspart. Bildung wird zunehmend wieder zum Luxus und ist primär für die obere Bevölkerungsschicht relevant, während das arbeitende Volk oftmals trotz Ausbildung zunehmend weniger Perspektiven geboten bekommt und es letztendlich nanorelevant wird, wo man für einen Hungerlohn sein stetig verkümmerndes Potential bei einem Arbeitgeber, dessen Personalverschleiß in etwa der Verdauungsgeschwindigkeit eines Hundes gleicht, vergeudet. Leben bedeutet nützlich sein. In der neuen Welt und auch in unserer Welt.

Natürlich ist „Schöne neue Welt“ inhaltlich eine Form des extremen Zukunftsszenarios, und auch erscheint manches gelegentlich auch mal etwas überzeichnet, doch es ist faszinierend, wie der 1894 geborene und 1963 verstorbene britische Autor vor rund acht Jahrzehnten bereits derart futuristische und nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fortschritten gar nicht abwegig erscheinende Visionen zu Papier gebracht hat, sodass große Teile seines Romans beinahe nostradamische Züge vorweisen. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man beim erstmaligen Genuss dieses Zukunftsromans durchaus glauben, es handele sich um einigermaßen aktuelle Literatur. Und kannte man das Werk bislang nicht, so realisiert man erst jetzt, wie unglaublich viele spätere Dystopien und Science-Fiction-Stories extremst von Huxley beeinflusst wurden.

Als Lektüre mag „Schöne neue Welt“ bereits packend sein, doch die von Uda Strätling hervorragend neu übersetzte, von Schauspieler Matthias Brandt famos gelesene, ungekürzte Hörbuchausgabe besitzt einen ungeheuren Mehrwert, da Brandt das Werk mit einer derartigen Intensität vorträgt, dass man sofort in den Bann der Geschichte gezogen wird. Neben der Vielzahl der Charaktere, die er zu verkörpern in der Lage ist, ist es besonders verblüffend, wie spielend der Berliner zwischen Sachlichkeit, Wut und Wahnsinn hin und her switcht. Was bei einigen anderen Sprechern durchaus überzeichnet wirkt, wirkt hier absolut real. Gerade wenn sich Brandts Stimme in den Höhen des reinen Irrsinns und der Exzentrizität fast überschlägt, beschleicht den Hörer nicht etwa das Gefühl der Belustigung, sondern ein Gefühl der Beklemmnis.

„Schöne neue Welt“ ist in dieser Form genial furchtbar – und furchtbar genial. Selbst Hörbuchmuffel sollten hier einmal über ihren Schatten springen, um ihre Skepsis oder Abneigung von Matthias Brandt wegspülen zu lassen.

Cover © der Hörverlag

  • Autor: Aldous Huxley
  • Titel: Schöne neue Welt – Ein Roman der Zukunft
  • Originaltitel: Brave New World
  • Übersetzer: Uda Strätling
  • Sprecher: Matthias Brandt
  • Label: der Hörverlag
  • Erschienen: 30.09.2013
  • Spielzeit: 482 Minuten auf 6 CDs
  • ISBN: 978-3-8445-1243-4
  • Sonstige Informationen:
    Vollständige Lesung
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 15/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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