Lisa O’Donnell – Bienensterben (Buch)

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Lisa O'Donnell - Bienensterben (Cover) © DuMont Buchverlage/Darren Whittingham/Ziablik/yuliagursoy/dvarg

Es duftet nach Weihnachten – nach Schmutz, Tod und Bleiche.

Ein heruntergekommener Fleck in Glasgow. Heiligabend. Eigentlich ein Grund zum Feiern, zumal Marnie am vierundzwanzigsten Dezember fünfzehn Jahre alt wird. Doch sie und ihre etwas jüngere Schwester Nelly sitzen nicht mit glänzenden Augen unter dem beleuchteten Christbaum und feiern als Familie dieses doppelte Fest, denn die beiden Mädchen haben an diesem Tag ihre toten, seit Tagen verwesenden Eltern im Garten vergraben – Vater Gene, ein Alkohol- und Drogenwrack in den Enddreißigern, wurde mit einem Kissen erstickt, während sich die ebenfalls verwahrloste und süchtige, sechsunddreißigjährige Mutter Izzy im Gartenschuppen erhängt hat.

Im Haus duftet es nicht nach Orangen- und Mandarinenschalen, Tannennadeln, Plätzchen und Zimt, sondern nach Schmutz, Tod und Bleiche. Es soll Nellys und Marnies Geheimnis bleiben, wo sich die Eltern befinden, und so erzählen sie allen, die Fragen stellen, dass Gene und Izzy verreist seien. Verschwunden. Urlaub. Ungewiss, wann sie wieder kämen. Lügen als Selbstschutz.

Die eher rabiate und toughe Marnie versucht, sich und ihre etwas sonderbar wirkende Schwester, welche liebend gerne Cola-Cornflakes frühstückt, Harry-Potter-Narr ist und sich eigenwillig altmodisch und hochgestochen artikuliert, mit einem kleinen Dealer-Job beim Eisverkäufer Mike über Wasser zu halten. Nachbar Lennie, ein älterer Herr, dem nicht ganz ohne Schuld der Ruf eines Perversen anhaftet – er wurde in einem Park bei Sexuellen Handlungen mit einem jungen Mann erwischt, der wider Erwarten deutlich jünger war, als es das Gesetz erlaubte -, fällt bald auf, dass es den Mädchen überhaupt nicht gut geht, und so bietet er ihnen nicht nur herzzerreißend aufopfernd und aufrichtig seine Hilfe an, sondern bietet ihnen Geborgenheit, eine Art Zuhause und bis zu einem gewissen Grad Schutz.

Doch es häufen sich immer mehr offene Fragen von außen an, sodass die Festung aus Lügen sowie das Verweilen bei Lennie immer weniger Sicherheit bieten, alte Wunden tief aufgerissen werden und letztendlich kaum eine Handlung die richtige für Nelly, Marnie und Lennie sein wird. Der Boden, auf dem sie stehen, wird immer mehr zu einer wackligen Plattform, an deren Rand zu allen Seiten der Abgrund zu lauern scheint.

Luft.

Die 320 Seiten des in fünf Teile gegliederten Buches sind recht luftig gestaltet – für jedes „Kapitel“, in loser Reihenfolge Schilderungen aus Marnies, Nellys oder Lennies Ich-Perspektive, wird stets eine neue Seite begonnen, ganz gleich, ob die jeweilige Figur dreieinhalb Seiten oder gerade mal fünf Zeilen von sich gibt – und diese Lücken sind im Nachhinein die perfekten Atempausen für den Leser, denn der würde von den Eindrücken, wenn sie fortlaufend gesetzt worden wären, gnadenlos erdrückt werden. O’Donnell schenkt jedem der drei Charaktere seine ganz eigene Sprache – Nelly mit ihrer anno 2013 reichlich schräg daherkommenden Sprachform, Marnie in einem flapsigen und teils derb-aggressiven Ton und lennie als der Mann mit dem guten Herz, der trotz seines Altruismus‘ Unverständnis für das ein oder andere Tun oder Verhalten der zwei Teenager zeigt. Und alle drei sind sie trotz ihrer Eigenarten und ihrer nicht selten auch negativen Gedanken auf ihre ganz individuelle Art liebenswert.

Auch die Figuren außerhalb dieses zu Anfang undurchdringbaren Deltas des Zusammenhalts, die immer tiefere Kratzer in den Schutzpanzer schaben, bekommen sehr starke Profile auf den Leib geschrieben, wodurch – zusammen mit den sehr lebendig und plastisch dargestellten Kulissen – ein realistisches Bild entsteht und die Konturen der Bilder im Kopfkino extrem scharf gezeichnet sind.

Dreisam einsam…

Besonders beeindruckend und virtuos gelingt es der Autorin, das emotionale Innenleben der Charaktere mit Worten wiederzugeben – diese Worte greifen wie Tentakeln mit Widerhaken in Richtung des Lesers, bekommen ihn zu fassen und halten ihn fest, ziehen ihn noch näher zu sich heran, bis überhaupt keine Chance mehr besteht, auf irgendeine Weise Distanz zu den Protagonisten aufzubauen.  Die Einblicke in deren Seelenleben sind direkt, ohne Umwege, unverfälscht und ungefiltert, ohne Ausschmückungen oder Mäander – und das löst ein Gefühl der inneren Bewegtheit aus, bei welchem man oftmals den Kloß im Hals herunterschlucken muss.

Immer wieder ereilen die drei Rückblenden in Richtung der vergangenen Jahre, wodurch man in kleinen Portionen offenbart bekommt, wer weshalb so geworden ist, wie er ist – oder vor seinem Tode war. Und auch hier wohnt dem Geschriebenen eine Wortgewalt inne, die schlichtweg überwältigend ist – neben Marnies Erzählungen von „früher“ ist vor allem Lennies Dialog mit seinem verstorbenen Freund Joseph so sehr voller Herzlichkeit und aufrichtiger Liebe, dass hinter den Augäpfeln dieses heiße Gefühl aufkommt, kurz bevor sich die Tränen der Rührung Bahn brechen. Inmitten dieser Melancholie in den ruhigen Momenten und den Gefühlen der Beklemmung, wenn es noch brenzliger und aussichtsloser für die Mädchen wird, findet sich zwischen den Zeilen allerdings auch eine ganz eigene, morbide Art des rabenschwarzen Humors, ähnlich vergraben wie Nellys und Marnies Eltern im Garten.

…und der seelische Hunger.

In „Bienensterben“ begleitet der Leser drei vom Leben schwer gebeutelte Menschen, deren vergangene Jahre frei von positiven Gefühlen waren – sie wollen dieser Abwärtsspirale und den Vorurteilen anderer entkommen. Sie sehnen sich nach dem Gefühl, gebraucht zu werden. Für etwas gut zu sein. Nach Anerkennung und Liebe. Nach Respekt und etwas Menschlichkeit.

Mit ihrem ersten Roman sorgt Lisa O’Donnell für einen lauten Paukenschlag, der hoffentlich von aller Welt in verdientem Maße wahrgenommen wird – denn wie die Schriftstellerin in diesem Buch eine aus Wärme, Echtheit und Vertrautheit bestehende Kuppel des Gefesseltseins erbaut, ist eine Kunst, zu der nicht viele fähig sind. Zumindest nicht in einer solchen Intensität.

Cover © DuMont Buchverlag

 

Wertung: 14/15 dpt

 

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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1 Kommentar

  1. Avatar

    Ach, natürlich, „The Death of Bees“ :-) Hab ich grad gewundert, warum mir die Beschreibung so bekannt vorkommt. Danke für den Tipp, ich wusste gar nicht, dass es schon auf Deutsch erschienen ist. Klingt nach einem großartigen Buch.

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Lisa O’Donnell – Bienensterben (Buch…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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