Sergio Miceli – Ennio Morricone. earBOOK (Buch)

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Ennio Morricone - ear-Book © edel / optimal MediaEin weißes Blatt Papier, ein paar Töne, flugs kombiniert zu einem musikalischen Thema, das oft nicht nur durch verführerische Eingängigkeit überzeugt, sondern auch kompositionstechnisch: »Große Terz runter, kleine Terz rauf, Sekunde rauf, zurück zum Grundton. Das ist ein Symbol des Daseins und des Zufalls.« Was wie eine einfache und per se unspektakuläre Erfolgsformel klingt, ist das ernüchterte Scheitern der Musiktheorie und Kompositionslehre, die Magie der Musik Ennio Morricones zu beschreiben. Jedem Western-Fan sind Morricones Kompositionen vertraut. Aber sicherlich sind die musikalischen Themen aus Filmen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Es war einmal in Amerika“ oder „Zwei glorreiche Halunken“ jedem, der nur halbwegs offenen Ohres durch die Kulturwelten lustwandelt, ein Begriff. Die Liste der Filme, zu denen der Meister seine Scores beisteuerte, ist beinahe ewig lang. Somit ist jede weitere Aufzählung auch nur eklektisch und kann, wenn überhaupt, nur die schier unbändige Vielfalt seiner musikalischen Sprachen aufzeigen: So stammt die Musik zu „Die Unbestechlichen“ ebenso aus Morricones Tonwerkstatt wie „Allein gegen die Mafia“, „Ein Käfig voller Narren“, „Kill Bill Vol. 2“ und jüngst adelte er auch „Django Unchained“ mit einer neuen Komposition. Stephen Spielberg meinte einmal, ein guter Filmscore mache 50% eines guten Films aus – dabei sei egal, ob die Musik völlig mit dem Film verschmelze und man sie erst gar nicht bewusst wahrnehme oder ob sie sich ganz deutlich ins Bewusstsein des Zuschauenden dränge und so dem Film eine Art „Kommentarebene“ hinzufüge. Ennio Morricone kann beides – und hat das Genre des Film-Soundtracks zur Perfektion gebracht. Übrigens tonsetzte er nicht nur für die Italo- oder Spaghetti-Western, sondern für insgesamt über 400 Filme! Hinzukommen zahlreiche klassische Kompositionen, von denen jüngst vor allem die Werke „Se Questo è un Uomo“ für Sopran, Erzählstimme, Geigensolo und Streichorchester und „Voci dal Silencio“ für Erzähler, Chor, Orchester und Tonaufnahmen für Furore sorgten. Letztere Komposition, die unter den Eindrücken des 11. Septembers entstand, wurde im UN-Hauptquartier aufgeführt.

Heute ist der 85-jährige Komponist als Dirigent seiner eigenen Werke auf Welttournee und wird im April auch wieder in Deutschland zu sehen und vor allem zu hören sein. Und das tatsächlich in den nicht gerade kleinsten Hallen Deutschlands: So stehen u.a. die LANXESS Arena in Köln, die O2 World in Hamburg und die Frankfurter Festhalle auf dem Tourplan. Mit seinem  Programm „50 Years of Music“ lässt Ennio Morricone durch ein 160-köpfiges Orchester mit Chor sein an Vielfalt kaum zu übertreffendes Œuvre zum Leben erwecken.

Über welch faszinierenden Facettenreichtum die musikalische Sprache Morricones verfügt, das kann man nicht nur live , sondern auch in dem liebevoll und hochwertigst gestalteten earBOOK „Ennio Morricone“ aus dem Hause edel heraushören. Der Name ist hier Programm: Nicht allein die luxuriöse Ausstattung, die beeindruckende Qualität der privaten, zum Teil bisher unveröffentlichten Fotos sowie der Film-, Plakat und Szenenfotos, sondern auch die ein- und weiterführenden Texte von Sergio Miceli, die Zeittafeln und das umfassende Werkverzeichnis beeindrucken. Doch so kundig und fundiert die Texte versuchen, das Werk Morricones zu umreißen und zu beschreiben – nichts geht über die von Claudio Fuiano klanglich behutsam remasterten vier CDs, die diesem earBOOK beiliegen. Dem auch in der Klassik hin und wieder gerne um sich greifenden Loudness-War wird eine herausragende kristallklare Dynamik entgegengesetzt, die die subtilen rhythmischen und dynamischen Ideen des Komponisten perfekt wiedergeben und auch das oft unterschätzte musikalische Mittel der Pause unterstützt.

Natürlich mag sich der Musiktheoretiker Klangwelten vorstellen können, wenn man sagt, Morricones Musik baue auf Kürzestthemen auf, die meist über die Techniken der Zwölftonmusik Dodekaphonie in die Tonalität transportiert werden, und oft in einem kaum enden wollenden Ostinato enden. Viele verorten ihn daher in der Tradition der Wiener Schule und sehen in ihm einen Weiterentwickler serieller Kompositionstechniken mit großen melodramatischen Melodieführungen, die er durch eine durchaus eigentümliche Wahl der Instrumente klanglich realisiert. Neben einem klassischen, zumeist großen und oft doppelt besetzten Streichorchester verwendet Morricone zudem das klassische Rock- und Jazz-Instrumentarium sowie eine Auswahl gar sonderlicher Instrumente wie die Maultrommel oder ganz banale Krachmacher wie die berühmt-berüchtigten Vuvuzelas, Schreie, Pfiffe – und natürlich auch die Mundharmonika.

Wem das jetzt vielleicht zu viel Musiktheorie war und ist, der möge die Musik Morricones selbst sprechen lassen. Die vier CDs des earBOOKs bieten einen spannenden und immer wieder überraschenden Querschnitt durch das facettenreiche Werk des italienischen Komponisten. Die Musik ist dabei so stark, dass sie filmischer Bilder so gut wie gar nicht bedarf, um ihre volle Magie zu entfalten. Sicher eröffnen sich demjenigen, der die Filme kennt, zusätzliche Dimensionen, doch, ob mit oder ohne Filmkenntnisse, es wird deutlich, dass Morricones Musiksprache zeitlos und kaum beschreib-, dafür aber eben spürbar und erlebbar ist. Sie erzählt, auch wenn sie größtenteils konkret für Filme komponiert wurde, ihre eigenen Geschichten und transportiert Gefühle und Atmosphären. In diesem Sinne ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich der Meister selbst eher als Komponist „absoluter Musik“ sieht.

2007 schließlich wurde Morricone, dessen Musiken so häufig für den Oskar als „Beste Filmmusik“ nominiert worden waren, als bisher einziger Filmkomponist mit dem Ehren-Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Doch ans Aufhören denkt der Komponist nicht – wer ihn während seiner aktuellen Tour sieht, sieht zwar keinen flippigen Mittzwanziger, aber er erlebt wie der 85-jährige  seine eigene Musik als Jungbrunnen und Lebenselixier begreift und diese Kraft auf das Publikum überträgt. Dieses prachtvolle earBOOK ist dabei nicht nur eine Würdigung des großen Komponisten, sondern zu gleichen Teilen auch eine Schatztruhe für Musikfreunde, die ungern in Schubladen denken und hören.

Und wer sich das Glück eines Live-Erlebnisses gönnen möchte, der hat in Deutschland im April 2014 noch Gelegenheit dazu an folgenden Terminen:

07.04.2014     München – Olympiahalle München
14.04.2014     Köln – LANXESS Arena
03.12.2014     Oberhausen – König-Pilsener-Arena
04.12.2014     Hamburg – o2 World Hamburg
06.12.2014     Frankfurt – Festhalle Frankfurt
07.12.2014     Stuttgart – Hanns-Martin-Schleyer-Halle

 Cover © edel

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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Sergio Miceli – Ennio Morricone. earBOOK (…

von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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