Matt Ruff – Mirage (Buch & Hörbuch)

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Matt Ruff - Mirage (Cover © dtv)Der amerikanische Autor Matt Ruff ist bekannt für außergewöhnliche Romankonstruktionen. Seine Bücher – allesamt empfehlenswert – finden zum Beispiel im Inneren einer multiplen Persönlichkeit statt oder lassen phantastische Gestalten mit ordentlich Shakespeare-Anleihen in ein reales Setting übersiedeln. Seine Kreativität arbeitet irgendwie an der Grenze von maximaler Unterhaltung und phantasmagorischem Experiment. Anders gesagt: Das ist geil und lesbar, unterhaltsame Kunst, Phantastischer Pop, ein amerikanischer Murakami auf Zucker. „Mirage“ heißt Matt Ruffs aktuellstes Werk, wie üblich bei dtv erschienen, ein guter Thriller mit ‚alternative History‘-Plot, einer wirklich widerspenstigen Konzeption.

Über dieses Buch kann man anderswo lesen, dass die Parallelwelt darin eine auf den Kopf gestellte Version unserer Wirklichkeit ist. Das ist für einen pingeligen Booknerd aber keine akzeptable Beschreibung des Romans. Was also tut Matt Ruff hier? „Mirage“ beginnt  in Bagdad, acht Jahre nachdem die Stadt am 9.11.2001 (sic!) durch Terroranschläge, ausgeführt von christlichen Extremisten, erschüttert wurde. Das Szenario gestaltet sich analog zu den tatsächlichen Ereignissen vom elften September, aber  die Nation, die mit diesem Angriff aus dem politischen Nirgendwo umgehen muss, ist natürlich nicht die USA. Deren Rolle als Weltmacht und Weltpolizei übernehmen in ‚Mirage‘ die VAS, Vereinigten Arabischen Staaten, ein Zusammenschluss von zweiundzwanzig, arabisch und islamisch geprägten Ländern. Die USA wird in Ruffs Entwurf zu den politisch und gesellschaftlich zerütteten CSA, den Christlichen Staaten von Amerika. Aus deren religiösen Sümpfen machen sich nun gelegentlich mit Bomben bewaffnete Selbstmordattentäter auf in die VAS, um auf die Ungläubigen und Bessergestellten Anschläge zu verüben. Es lassen sich noch viele weitere Beispiele dieser Verdrehung aufzählen. Israel erstreckt sich bis nach Dänemark, weil die VAS nach dem Sieg über Hitler Deutschland in einen jüdischen und einen christlichen Staat aufteilte. Diese und andere Informationen zu geschichtlichen Hintergründen und politischen Verhältnissen innerhalb der Parallelwelt werden nicht in der Geschichte miterzählt. Ruff hat zwischendurch immer Auszüge einer arabischen Wikipedia-Variante eingefügt, die sich ‚Die Bibliothek von Alexandria‘ nennt. Was die Namens-Übetragung einer Online-Enzyklopädie nur zart andeutet, wird spätestens mit der Abänderung des Bildbearbeitungsprogramms ‚Photoshop‘ in Photobazar oder der arabischen Version der amerikanischen TV-Serie ’24‘ mit ihrem terroristenjagenden Helden Jack Bauer in die eigene Parodie geführt.

Damit hätten wir schonmal ein erstes Indiz für einen vielschichtigeren Umgang mit der Wirklichkeit als ihr bloßes auf den Kopf stellen. Ein weiteres findet sich in der Story selbst. Der Leser verfolgt die Geschichte von drei Agenten der Arabischen Heimatschutz-Behörde, die sich auf Terrorismus-Abwehr spezialisiert hat. Mustafa al Baghdadi ist der Anführer des Trupps. Er hat eine seiner zwei Frauen bei dem Terroranschlag auf Baghdad verloren und ist der Prototyp des Badass-Polizisten mit einer Menge privater Probleme. Amal bint Shamal ist die Tochter der Bürgermeisterin von Bagdad und eine ehrgeizige Polizistin, deren Leben sich sowohl mit der Rolle der Frau im Islam als auch mit der Rolle der Frau in einer weltlichen, männerdominierten Gesellschaft auseinandersetzen muss. Samir Nadim hat ebenfalls einen Konflikt zwischen Religion und eigener Person auszutragen, ist zudem aber der Kumpel-Typ und natürlich auch ein guter Polizist. Diese drei jagen im Verlauf des Romans nicht weniger als die ‚Mirage‘ selbst. Bei eine scheinbar normalen Hausdruchsuchung stoßen sie auf die Ausgabe der New York-Times aus der realen Welt, die von Terroranschlag auf das WTC berichtet. Ihnen fallen immer mehr dieser Artefakte in die Hände. Mächtige  Regierungsorganisationen wie die al-Qaida unter der Führung von Senator Osama bin Laden oder der beliebte aber größenwahnsinnige Gewerkschaftsführer Saddam Hussein mit seiner privaten Kampftruppe ebenfalls hinter der Mirage, ihren Artefakten und irgendwann auch hinter den drei Agenten her, wobei Stück für Stück das Trugbild aufgeklärt wird.

Matt Ruff bietet am Ende der packenden Geschichte mit ihren etwas eintönigen Charakteren in der Tat eine Auflösung an, die irgendwie zwischen Hollywood-Polit-Thriller und 1001 Nacht anzusiedeln ist. Dabei entpuppt sich die Mirage nicht als einfache Vertauschung der Rollen in einem Schwarz gegen Weiß-Spiel. Sie ist eine komplexe Spiegelung entlang einer Achse die für den Autor mehr Realität besitzt als die politischen Konstruktionen der Wirklichkeit. Denn Ruff glaubt an das Böse im Menschen. Das ist die leitende Parallele zwischen der Mirage und unserer Wirklichkeit. Das ist die Prämisse des Buchs, die vieles als Variable enttarnt, nur nicht die Motivation der Menschen.

Ein weiterer Roman, der sich mit 9/11 in Form einer alternativen Realität auseinandersetzt, ist ‚Osama‘ von Lavie Tidhar, den booknerds-Kollegin Eva Bergschneider besprochen hat. Ein vergleich lohnt sich auf jeden Fall!

Cover © dtv Verlag

  • Autor: Matt Ruff
  • Titel: Mirage
  • Übersetzer: Giovanni und Ditte Bandini
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 03/2014
  • Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
  • Seiten: 496
  • ISBN: 978-3-423-28021-1
  • Sonstige Informationen:
     
    Erwerbsmöglichkeit

Wertung: 11/15 dpt


Matt Ruff - Mirage - Hörbuch (CD, Cover © der Hörverlag)Ein Schmunzeln ist unvermeidlich, wenn man sich den Backcover-Text des Hörbuchs zu Gemüte führt, denn der Ausnahmeautor Matt Ruff stellt in „Mirage“ die Welt und die Geschichte in bitter-satirischer Manier auf den Kopf – aber wie Kollege Bischopink in seiner auf den Inhalt bereits sehr treffend eingehenden obenstehenden Rezension bereits anmerkt, ist dieser in der ungekürzten Hörbuchversion rund vierzehneinhalbstündige Roman mehr als nur eine umgedrehte 9/11-Groteske. Denn es gehört zum einen eine Menge an Phantasie und generell Vorstellungskraft dazu, ein komplett anders gelagertes Szenario eines geschichtlichen Ereignisses in Schriftform zu fassen und auch noch eine Story mit Protagonisten drumherum und hineinzuweben.

Sicherlich wird in diesem „Was wäre, wenn…“-Werk einiges persifliert und pervertiert, und zwar in seiner bitterbösesten Form, doch gleichermaßen jagt einem diese alternative ruffsche Wirklichkeit einen Schauer über den Rücken: Wie wären die letzten rund sieben Dekaden Geschichte verlaufen, wenn die Gewinner der Schlachten andere gewesen wären und die Verteilung der Machtverhältnisse über die Zeitspanne entsprechend diametral verlaufen wäre?

Ruff lässt den Leser respektive Hörer in „Mirage“ oftmals nachdenken und die geschichtlichen Entwicklungen und Rollenverteilungen reflektieren und hinterfragen – wer ist der Böse in diesem verqueren Spiel (sowohl hinsichtlich Buch als auch Realität)? Ist der Islam die Gefahr oder ist es die christliche Religion? Oder ist Religion per se die Gefahr? Oder sind es – fernab religiöser Motive – schlichtweg die menschlichen Unzulänglichkeiten und Schwächen wie Machtgier, Rache, Obsession oder fundamentalistischer Wahn einzelner, die dazu führen, dass Kugeln, Geschosse und Bomben das Leben Unschuldiger auslöschen?

„Mirage“ ist eine Demonstration der Schizophrenie, sowohl auf inhaltlicher Ebene, auf realitätsparallelisierender Ebene als auch hinsichtlich Genre, denn einerseits provoziert das Werk und andererseits hat es eine beinahe fatalistische Atmosphäre, einerseits lässt es einem das Blut in den Adern gefrieren und andererseits ob seiner Krudität laut auflachen.

Das äußerst mutige Werk besitzt allerdings auch einige wenige Schwächen. Zum einen birgt „Mirage“ ein paar unnötige, dramatisierende Längen in sich, bei denen man sich bei diesem Hörbuch gar gewünscht hätte, es wäre – wie bei vielen Hörbüchern üblich – hier und dort die Schere angesetzt worden. Zum anderen bleiben die Figuren oftmals nur „ausführende“ Kraft und wirken auf den Zuhörer profilarm – die Plastizität fehlt. Im Kopf des Geschichtenverfolgers finden sich detaillierte Schauplätze, doch die Charaktere bleiben zumeist verschwommene Silhouetten ihrer selbst.

Die Rettung kommt in Form der beiden Hörbuchsprecher/innen Cathlen Gawlich (als Nachrichtensprecherin) und Simon Jäger (als Erzähler). Gawlich bringt die distanzierte Professionalität und erforderliche Emotionslosigkeit einer Journalistin perfekt zur Geltung, während Jäger die Erzählungen und die Dialoge lebendig und lebensecht in Szene setzt, sodass der Unterhaltungsfaktor ein Stückchen emporgeschraubt wird.

„Mirage“ darf man durchaus als solide einstufen, doch wenn man Ruff zu schätzen weiß und werbewirksame Aufdrucke wie »Mirage ist so unterhaltsam wie provokant, und damit genau das, was beste Unterhaltungsliteratur bieten sollte« (Publishers Weekly) zusätzlich die Neugier wecken, steigen die Hoffnungen auf die „literarische Geilerei“ natürlich in schwindelerregende Höhen. Und diese werden schlichtweg nicht erfüllt. Es ist beileibe nicht so, dass „Mirage“ eine herbe Enttäuschung ist, doch es bleibt doch ein ganzes Stück hinter den Erwartungen zurück.

Cover © der Hörverlag

Ergänzende, hörbuchrelevante Angaben

  • Label: der Hörverlag
  • Erschienen: 10.03.2014
  • Sprecher:
    Simon Jäger
    Cathlen Gawlich
  • Spielzeit: 14:28 Stunden auf 2 mp3-CDs
  • ISBN: 978-3-8445-1196-3
  • Sonstige Informationen:
    Ungekürzte Lesung
    Produktseite zum Hörbuch

Wertung: 10/15 dpt


Über den Autor

Christian Bischopink


Christians Nerd-Schreibtisch

Aktuelle und ewige Lieblingszitate:

»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
(Roy Batty, „Blade Runner“)

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Matt Ruff – Mirage (Buch & Hörbuch)…

von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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