Der Vinyl-Terrorist #4: Mozart – Vier Fäuste geigen Dur

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vt2Wir schreiben das Jahr 1981. Ort: Eine schäbige Pizzeria in Neapel. Zumindest äußerlich. Denn die hier kredenzte Pizza ist in Fachkreisen berühmt, was nicht zuletzt an der Teigrezeptur von Paolo de Zantovese liegt – einem Schriftsteller aus der Post-Mussolini-Ära, dessen Schriften es nie zu Ruhm gebracht haben. Seine Pizza sehr wohl, und so eröffnete dieser untalentierte Literat im Jahre 1972 das oben beschriebene Etablissement unter dem Namen „il pane e la parola“, und schaffte es in sämtliche Italien-Reiseführer dieser Zeit.

Das Jahr 1981 – um genau zu sein: der 13. Mai – hätte ein historischer Zeitpunkt sein können. Zumindest in den Annalen des italienischen Prügelslapstickkinos. Denn an diesem Tag trafen sich in Zantoveses Restaurant Jan Tomáš Forman, Carlo Pedersoli und Mario Girotti, um ein einzigartiges filmisches Projekt zu planen: die Biographie Wolfgang Amadeus Mozarts als verspielte Klopperkomödie. Girotti, besser bekannt als Terence Hill, sollte das musikalische Genie verkörpern, Pedersoli aka Bud Spencer dessen Gegenspieler Antonio Salieri. Eine Komödie war geplant, mit Fäusten anstatt Kompositionen, mit Kinnhaken statt Akkorden, mit Sprüchen statt Libretti. Oder, wie es Girotti später in einem Interview sagte, eine »faustdick durchkomponierte Prügeloperette« Dazu jede Menge Hammersprüche (Mozart zum ersten Geiger über Salieri: »Dem ham sie wohl die Fiedel zu stark gepudert!«).

Am Schluss würde es eine Versöhnung geben und Mozart und Salieri als orchestriertes Duo mit vier Fäusten gegen all jene kloppend vorgehen, die den kulturellen Untergang des Abendlandes einzuläuten versuchten (knauserige Mäzene und einen bösartigen Gegenspieler, der eine Kompositionsmaschine erfunden hat, welche nur in Dur komponiert und an die niederen Instinkte des Publikums appelliert – oho, zeitgenössische Kulturkritik im Gewand einer geballten Faust). Doch dann ereilte Girotti eine Blinddarmentzündung, der Drehbeginn wurde verschoben, musste wieder verschoben werden und wurde schließlich vom ausführenden Produzenten ganz abgesagt. Jan Tomáš Forman änderte daraufhin seinen Vornamen in Miloš und gewann vier Jahre später seinen zweiten Regie-Oscar für den Film „Amadeus“, ein Drama über die Beziehung Mozarts zu Salieri, dessen Drehbuch auf Formans ursprünglichem Skript „Mozart – Vier Fäuste geigen Dur“ zurückzuführen ist. Auch F. Murray Abraham gewann einen Oscar für seine Darstellung des Salieri, die Rolle, die ursprünglich Bud Spencer zugedacht war (welcher niemals einen Oscar gewann oder eine Zahnbürste mit integrierter Zahnpasta erfand, wie er 1995 bei „Wetten, dass..?“ gestand).

Glauben Sie nicht?

Vinyl-Terrorist #4Ich schon. Denn zu den Klängen von Rondo Venezianos “fantasia venezia“ wird dieses großartige Filmprojekt Wirklichkeit. Rondo Veneziano, die in den 1980ern versuchten, dem kulturferneren Publikum klassische Klänge näher zu bringen, indem sie die Raffinesse barocker Akkordschemata auf das Minimum reduzierten (mit einigen Substitut- und Durchgangsakkorden, und dann – *ZACK* –, eine Reharmonisierung, die einem einen wohligen Schauer in die Nackenhaare zauberte) und das Ganze mit elektrischem Bass und Schlagzeug unterlegten, so dass man „Klassik“ nun auch hervorragend bei dröhnendem Motor auf der Autobahn konsumieren konnte. Rondo Veneziano mischen Vivaldi- und Mozart-ähnliche Liedchen mit dem Sound der Oliver Onions, bekannt aus den Soundtracks so ziemlich aller Hill und Spencer-Filme. Bei den ruhigeren Nummern sieht man Hills blaue Augen und sein verschmitzt-schüchternes Lächeln zu einer holden Maid gleiten (nein, den herumhurenden und feiernden Mozart gibt es hier nicht), bei den flotteren Nummern zerschellt eine Fiedel auf des Haushofmeisters Kopf und ein Gegner wird gegen einen großen Gong geknallt, dass die ganze Kapelle scheppert.

Um ehrlich zu Ihnen zu sein: Früher mochte ich diese Musik wirklich. Oder wie man damals sagte: die fand ich echt geil! Ich bin in einem musikliebenden Haushalt aufgewachsen. Mein Vater hatte sämtliche Beatles-Platten und nahm mich mit zu den Stones (Vodoo-Lounge-Tour 1994, Zitat meines Vaters: »Ist vielleicht das letzte Mal, dass man die alten Geronten noch lebendig sieht.«“); meine Mutter, Mitglied des Kirchenchores und Verehrerin der klassischen Musik, fragt mich nach wie vor, ob ich beim Weihnachtsoratorium mitsingen möchte. Mittendrin: ich, verwirrt ob dieser vielfältigen musikalischen Einflüsse, entschied mich für einen vermeintlichen Kompromiss: Rondo Veneziano.

Aber seien wir ehrlich, es waren andere Zeiten, das ausgehende 20. Jahrhundert war ein finsteres Zeitalter – Kohl-Ära, die Zeiten während und nach dem Kalten Krieg, die einen in einer kämpferischen Leere zurückließen, die Kinder vom Bahnhof Zoo – und das A-Team ließ sich trotz allem nicht blicken, um mir die Richtung zu weisen. Was liegt da näher, als Befriedigung in der bagatellisierenden Wirkung der simplen Emotionalität zu suchen? Bud Spencers Fäuste vermochten dies ebenso, wie Rondo Venezianos pseudo-intellektueller Handkäs. Wenn ich diese Musik nun wieder höre, ist mein Herz erfüllt von Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach den 1980ern und 90ern, in denen alles schlechter, aber irgendwie auch einfacher war. Als die Bravo noch meinungsbildend war und die Frisuren von Roxette vorbildhaft. Als Videotext als eine großartige Errungenschaft neuer Medientechnologie galt. Als ich mich noch nicht rasieren musste.

Es war eben das 20. Jahrhundert und ich war jung und Rondo Veneziano brauchten das Geld.

»Der Glaube ist eine uneinnehmbare Festung!«, sagte der müde Joe, gespielt von Terrence Hill ,in „Die rechte und die linke Hand des Teufels“. Und deshalb ist es mir auch ziemlich wurscht, ob Sie mir glauben oder nicht.

Rondo Veneziano – fantasia veneziana

Erhältlich für 1 € (wer mehr bezahlt ist selber schuld)

Baby Records Milan, Gini Musikverlag, Topac 1986

Foto & Zeichnung © privat

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Über den Autor

Philipp Hoffmann

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Hallo booknerds-Publikum, Zeit mich hier vorzustellen. Ich bin ein Schöngeist. Meinen Eltern war es immer wichtig, dass ich die Chance auf eine gute Bildung hatte, und so konnte ich mit Hilfe von unermesslichem Talent und Ehrgeiz im Jahre 1990 die Grundschule Niederkaufungen abschließen.

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von Philipp Hoffmann Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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