Kekse für alle! oder: Das Bloggerschäfchen als Schweizer Taschenmesser.

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Bloggerschaf © booknerds.deUns und zahlreiche andere Blogs erreichte heute per E-Mail die Anfrage eines kleinen Verlags, der sich hinsichtlich Genres nicht unbedingt festlegt. Das ist durchaus sympathisch, da wir ähnlich ticken. Cool. Auch wenn unser Selbstverständnis eher das eines Magazins ist, fühlen wir uns der Bloggerszene doch recht nah und sind mit ihr ganz gut vernetzt. Zwischen den Stühlen fühlen wir uns eben wohl. Und deswegen doch irgendwie den Bloggern zugehörig. Der Verlagsmitarbeiter betont gleich zu Beginn der Mail, wie wichtig „wir“ doch seien und welch wundervollen und exzellenten Dienst wir der Literaturszene mit unserer Arbeit leisten. Doch die rechte Augenbraue wurde schon unruhig und teilte mir mit: „Hey, dein Gehirn meldet Skepsis, ich kann das nicht mehr lang blockieren.“ – und schon verharrte die Augenbraue in Höhe der ersten Stirnfalte. So schön das Lob auch ist, wenn es denn ernst gemeint ist.

Anschließend stellt sich der Verlag vor und präsentiert sein Programm, betont aber, dass man Rezensionsexemplare selbstverständlich als sich noch im Aufbau befindendes Unternehmen nur als kostenfreies e-Book versenden könne. Das ist absolut nachvollziehbar und soll auch gar nicht zur Debatte stehen. Passt. Machen viele kleine Verlage so.

Doch im weiteren Verlauf des Mailtextes fanden sich gleich zwei Textpassagen, die den Verfasser dieser Zeilen gleichermaßen wütend werden, laut auflachen und „WTF?????222zweidrölfundneunzig“ denken ließen. Zuerst fordert man von den potenziellen Rezensenten ein (beziehungsweise bettelt darum), die Rezension – möglichst zeitnah, wohlgemerkt! – bei amazon einzustellen, mit der Begründung, dass (sinngemäß) die Bücher nur durch ausreichende amazon-Rezensionen gute Positionen erlangen und von amazon dann stärker beworben würden.

Hätte sich der Verlagsmitarbeiter auch nur ansatzweise über uns informiert, wäre ihm sicherlich aufgefallen, dass wir …

a) unsere Rezensionen bis auf wenige Ausnahmen exklusiv hier auf dieser Seite veröffentlichen (FAQ, Frage B03),
b) äußerst amazon-kritisch sind und mit unseren Lesern Alternativen suchen und
c) auch in unserem Mediakit darauf hinweisen, dass wir nicht „fremdplattformen“.

Doch da diese Mail in identischer Form an zahlreiche andere Blogger ging, konnte man ohnehin nicht davon ausgehen, dass auch nur ein klitzekleines Bisschen Recherche betrieben wurde.

Es zeugt von ungeheurer Dreistigkeit, von den Bloggern, die Stunden des Lesens und Schreibens in ihren Blog investieren, zu erwarten, dass sie ihre Inhalte an einen großen Konzern und den Verlag verschenken und somit dem Verlag die Steine aus jenem Weg kehren, den er selbst gehen muss. Glaubt der Verlag ernsthaft, wir seien dumme Blogschäfchen?

Lieber Verlag (den ich hier nicht nennen werde) und liebe ähnlich gestrickte Verlage: Wenn ihr amazon-Rezensenten sucht, dann fischt nicht in der Blogszene, die aufgrund schwarzer Schafe ohnehin seit Jahren um ihren Ruf kämpfen muss und in welcher die seriösen und integren Blogger tagtäglich harte Arbeit leisten! Wenn ihr amazon-Rezensionen wollt, dann sucht gezielt nach entsprechenden Rezensenten, beispielsweise via Facebook, auf der Homepage – die Möglichkeiten sind reichhaltig vorhanden.

Der zweite Hammer kam gleich hinterher, denn obendrein bietet der Verlag den Bloggern ein „Partnerprogramm“ an. Dieses soll so aussehen, dass der Blogger einen Button auf seinen Blog platzieren soll, damit man verlagsseitig im Partnerprogramm gelistet wird. Wenn man nun jeweils x Bücher auf Amazon rezensiert hat, dürfe man sich als „Schmankerl“ aus dem Verlagsprogramm ein Printexemplar aussuchen. Wie gütig. Und selbstverständlich bugsiert sich der Blogger damit ja überhaupt nicht in die Abgreiferfalle… wie käme man denn auf so etwas?

Lieber Verlag: Ihr habt offenbar nicht das Prinzip des Gebens und des Nehmens verstanden, denn das Interesse ist hier eindeutig einseitig. Böse formuliert bekommt man für einen Haufen Arbeit und Mühe einen feuchten Keks als Dankeschön.

Ich lege solchen Verlagen eindringlichst ans Herz: Habt Respekt vor den Bloggern und ihrer Arbeit und zeigt diesen auch!

Auf Verlage, die uns und andere Blogger mit fragwürdigen Kooperationsanfragen wie diesen zu ködern und im wirtschaftlichen Interesse zu instrumentalisieren versuchen, können und werden wir verzichten.

Und auf die Kekse auch. Bussi auf Bauchi.

Eine Kolumne auf booknerds.de, die diese Thematik zum Teil ebenfalls anschneidet, gibt es übrigens noch hier zu lesen.


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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3 Kommentare

  1. Avatar

    Ich kann dieses “Bitte, bitte, bitte auf amazon die Rezension einstellen, weil wichtig, wichtig, wichtig!“ echt nicht mehr hören/lesen.

    Tatsächlich glaube ich aber, dass diese Sache auch ein bisschen von den Bloggern selbst verschuldet ist, wenn sie auf ihren Seiten schreiben, dass sie für Rezensionen einige Tage brauchen etc. – das erweckt schon den Eindruck als würden alle anderen Blogger genauso ticken. Deswegen ist es schon nachvollziehbar, wie Verlage dann auf solche E-Mail-Aktionen kommen.

    Gut, Recherche wäre eine kühne, wenn auch durchführbare Idee gewesen…

  2. Avatar

    Huhu,

    ich glaube, ich weiß, von welcher Mail du schreibst. Wir haben auch so eine bekommen. Allerdings hat mein Mailprogramm das als „Spam“ eingestuft und direkt in den richtigen Ordner verschoben. Das ist doch äußerst praktisch. Weniger praktisch ist es, wenn sich solche Mails sammeln. Da frage ich mich, für wie doof man eigentlich gehalten wird.
    „Auch wenn unser Selbstverständnis eher das eines Magazins ist, fühlen wir uns der Bloggerszene doch recht nah und sind mit ihr ganz gut vernetzt. Zwischen den Stühlen fühlen wir uns eben wohl. Und deswegen doch irgendwie den Bloggern zugehörig.“ So sehen wir uns auch. Aber hin und wieder frage ich mich, ob diese Haltung nicht doch etwas zu „bequem“ rüberkommt? So oder so fühlen wir uns aber ebenfalls sehr wohl zwischen den Stühlen. :)

    Beste Grüße aus der Bücherstadt
    Alexa

    • Chris Popp

      Hi Alexa,

      haha, dein Spamfilter ist wirklich clever! Nun, es gab auch ein paar verschnupfte Stimmen, dass ich diesen Beitrag hier öffentlich gepostet habe. Aber ich nenne letztendlich ja keine Namen. Es war allerdins an diesem Tag der Punkt erreicht, an dem das Fass endgültig übergelaufen ist. Zwar kommen alle Nase lang teilweise wirklich seltsame Anfragen hier an, aber die war an Bizarrerie kaum zu übertreffen.

      Zwar ruderte man nach meiner sehr deutlichen, ähnlich lautenden direkten Antwort per Mail sehr prompt zurück, aber dennoch wird eine Kooperation mit diesem Verlag wohl nicht stattfinden.

      Was das „zwischen den Stühlen“ angeht, ist es halt immer schwierig. Viele sprechen uns als Blogger an, andere wieder als Magazin, und es ist durchaus auch so, dass wir für ein lupenreines Magazin zu „bloggy“, für einen Blog allerdings zu „magazinig“ sind. Also ist man sich da häufig selbst gar nicht so sicher. Letztendlich kann ich nur sagen, dass ich „uns“ eher als Magazin sehe, aber damit leben kann, wenn die Wahrnehmung der Leser da draußen eine andere ist. ;)

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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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