Nathanael West – Der Tag der Heuschrecke (Buch)

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Nathanael West - Der Tag der Heuschrecke CoverHollywood gilt vielen als Inbegriff des Künstlichen, „Traumfabrik“, Illusionsmaschinerie und Anziehungspunkt für unzählige Künstler, die sich eine große Karriere im Filmgeschäft  versprechen. Das war, wirft man einen Blick auf Nathanael Wests 1939 erschienenen Roman ‚Der Tag der Heuschrecke‘, damals nicht anders als heute. Und so wurde der berüchtigte Stadtteil von Los Angeles zur Pilgerstätte für Tagträumer und Lebenskünstler, die stadtgewordene Überzeugung unbegrenzter Möglichkeiten. Nathanael West, dessen Roman nun in der Übersetzung von Klaus Modick im Manesse Verlag vorliegt, verdingte sich selbst einige Zeit als Drehbuchschreiber in Hollywood und veröffentlichte zu Lebzeiten einige mehr oder weniger erfolgreiche Romane. Er wusste um die Strukturen der gerade erwachenden Branche, wusste um ihre Gewinner und Verlierer.

Mit scharfer Feder präsentiert uns Nathanael West Figuren, die im Dunstkreis Hollywoods versuchen, ihr persönliches Glück und ein finanzielles Auskommen zu finden. Da ist Tod Hackett, der für eine große Produktionsfirma Bühnenbilder malt, da ist Faye Greener, eine bezaubernde und reine Schönheit, die sich die Aufrechterhaltung ihrer cineastischen Träume mit gelegentlicher Prostitution finanziert sowie ihr Vater Harry, der wie ferngesteuert in den unmöglichsten Situationen seine komischen Bühnennummern zum Besten gibt – selbst dann noch, als er den letzten Atemzug tut. Wests Roman wimmelt von skurrilen Gestalten jedweder Färbung, Möchtegern-Cowboys, Zwergen und einem Mann namens Homer Simpson, der, wir können es uns heute schwerlich vorstellen, wenig mit dem genusssüchtigen gelben Vorstadttrottel aus Matt Groenings Serie zu tun hat.

Foto © Sunset Blvd.1937, TASCHEN, Los Angeles, Portrait of a City (2009)Sie alle eint die Langeweile und die Erfolglosigkeit. Sie alle eint ein Gefühl der Leere, ..’da, wo die meisten von ihnen herkamen, gab es keinen Ozean, aber wenn man eine Welle gesehen hat, hat man alle gesehen‘. Einst kamen sie mit Träumen und Idealen, manch einer erweckte auch den Eindruck, er käme zum Sterben nach Kalifornien, bemerkt Tod Hackett trocken. Sie alle mussten aufgeben, ersetzbar wie sie sind in einem Haifischbecken, das unablässig voller und voller wird. Mit einer feinen Beobachtungsgabe und der nötigen Prise Bösartigkeit führt uns Nathanael West die Blutleere eines Ortes vor Augen, dessen Daseinsberechtigung die Illusion und das damit verdiente Geld bilden. Ein Ort unerhörter Anziehungskraft, besonders für jene, die ihre Illusionen eigentlich längst verloren haben. Ein Ort, an dem selbst Kinder bereits zu kleinen Filmstars herangezogen werden – auch daran dürfte sich seit damals wenig geändert haben.

Nathanael West hat wenig Mitleid mit seinen Protagonisten, die sich mehrheitlich selbst fremd geworden sind. Was ist echt, was nur Fassade? Was bin ich und was nur ein Abziehbild eines Traumes, den zu begraben ich unfähig bin? Im fulminanten Ende des Romans findet Tod sich auf dem roten Teppich einer Filmpremiere wieder, jedoch nicht etwa als sehnsüchtig erwarteter Star, sondern inmitten des drängenden Publikums. Kaum noch unterscheidbar von denen, die sie anhimmeln, die Produkte der Filmindustrie. Bernd Eilert erwähnt in seinem Nachwort nicht zufällig die geplante Stadt ‚Celebration‘, die 1994 von der Walt Disney Company in der Absicht erbaut wurde, die perfekte und harmonische Stadt zu konstruieren, die sonst nur im Film und der Vorstellungskraft des Publikums existiert. Eine Stadt gegen Tristesse und die menschliche Natur, zauberhaft wie ein Produktionsstudio. 2010 lebten dort knapp 7400 Menschen.

Niemandem kann die Sehnsucht nach Schönheit und Harmonie zum Vorwurf gemacht werden, weniges jedoch, schreibt West, ist trostloser als das wahrhaft Monströse. Das jedoch hat er in seinem letzten Roman auf besondere Weise dargestellt. So liegen Komik und Tragik, Zynismus und Ernst so nah beieinander, dass sie sich immer wieder überlappen. Ein sprachlich und inhaltlich hochaktuelles Werk mit vielen kulturellen Querverweisen, lohnenswert bis zur letzten Seite!

Foto © Sunset Blvd.1937, TASCHEN, Los Angeles, Portrait of a City (2009)
Cover © Manesse Verlag

  • Autor: Nathanael West
  • Titel: Der Tag der Heuschrecke
  • Originaltitel: The Day Of The Locust
  • Übersetzer: Klaus Modick
  • Verlag: Manesse Verlag
  • Erschienen: 09/2013
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 272 Seiten
  • ISBN: 978-3-71752-272-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite zum Buch

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

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Ehemalige Redakteurin (verließ uns 2014 wieder, um sich wieder voll ihrem Blog „Literaturen“ zu widmen)

Was gibt es so über mich zu erzählen, was in einen möglichst prägnanten und hübschen Fließtext passt? Ich bin 23 Jahre und bin mittlerweile ausgebildete Buchhändlerin. Ein antiquierter Beruf, mögen manche vielleicht denken, andere meinen, man säße als Buchhändler den ganzen Tag in dunklen Kammern zwischen staubigen Büchern und lese – die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

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Nathanael West – Der Tag der Heuschrecke (…

von Sophie Weigand Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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