A Touch Of Sin (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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A-TOUCH-OF-SIN_DVD-CoverEs grenzte an ein Wunder, dass Regisseur Jia Zhangke eine Drehgenehmigung in China für „A Touch Of Sin“ bekam. Dass eine Kinoauswertung erfolgen würde, hätte die Grenze locker überschritten. In einem Land, bei dem sogar Kinderkram wie „Iron Man 3“ oder „Transformers 4“ zensiert und in noch leichter verdauliche Häppchen zerschnitten wird. Kurzum, traurig und wenig verwunderlich: In den chinesischen Kinos ist „A Touch Of Sin“ nie angelaufen.
Hierzulande schaffte es der Film, im Original mit Untertiteln, immerhin in diverse Programmkinos. Die Zuschauerzahlen bis dato dürften sich in überschaubaren Größen halten. Was bedauerlich ist,  denn das in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnete Werk, war eines der Highlights des Kinojahres 2013.

Jetzt also die Veröffentlichung für daheim, leider nur auf DVD, ebenfalls im Original mit (nicht abwählbaren) Untertiteln, durch die rührigen und hochgeschätzten Herrschaften von Rapid Eye Movies.

Vier Geschichten, die sich nur an den Rändern streifen, deren Protagonisten sich bestenfalls en passant begegnen, oder im Abseitigen Kontakt mit den anderen Segmenten aufnehmen. Was zu Anflügen von hintersinnigem Humor führt, der bei aller Düsternis und Gewalt immer wieder aufblitzt.

A-Touch-of-Sin-36056__001Die Sünde, von der alle Hauptfiguren (mehr als) berührt werden, ist das Töten. Gleich zu Beginn erschießt der Motorradfahrer Zhao San drei Jugendliche, die ihn ausrauben wollen. Er wird später als ‚dritter Sohn‘ zur Geburtstagsfeier seiner Mutter fahren, ein paar Tage mit Frau und Sohn verbringen, die ihm mit einer Mischung aus Angst und Zuneigung begegnen, bevor er wieder aufbricht, um in Chongquing einen brutalen Raubmord zu begehen. Warum er sie immer so schnell verlasse, fragt seine Frau. „Ich schieße gern“, ist Zhao Sans lapidare Antwort.

Der bullige Dahai, den Zhao ganz zu Beginn mit dem Motorrad passiert, ist ein Querulant und Unruhestifter. Zumindest in den Augen des Bürgermeisters von Shanxi und des Minenbesitzers ‚Boss‘ Jiao, denen Dahai Korruption und Verschleppung von Dividenden auf Kosten der Arbeiterschaft vorwirft (den Einwand eines ehemaligen Kollegen, dass Dahai sich wohl kaum anders verhalten würde, hätte er die Mine übernommen, als die Privatisierung anstand, wiegelt er schlecht gelaunt ab).

A-Touch-of-Sin-34579_4Seine anklagenden Briefe werden nicht an die entsprechende Behörde verschickt und beim Empfang für Jiao kommt es zum Eklat, in dessen Folge Dahai mit einem Klappspaten blutig geprügelt wird. Nach seinem Krankenhausaufenthalt schnappt sich Dahai, mittlerweile mit dem Spitznamen ‚Golfball‘ belegt, ein Gewehr und beginnt einen so abgeklärten wie konsequenten Amokgang. Schlechte Zeiten für Boss Jiao, seinen Maserati, einen Pferdeschinder und andere Widersacher Dahais. Am Ende steht ein befriedigtes Lächeln.

atouchofsin-photo4-actresszhaotao_actorzhang-jiayiNicht so bei Xiao Yu, die als Rezeptionskraft in einem Saunaklub arbeitet, seit langem einen verheirateten Geliebten hat, der seine Frau natürlich nicht verlässt. Was Xiao Yu schmerzhaft zu spüren bekommt. Als ein aufdringlicher Saunabesucher vehement Sex gegen Geld von ihr fordert, lehnt sich die gedemütigte Frau messerscharf auf. Keine Befriedigung, nur Leere und ein schlechtes Gewissen bleiben.

Der letzte Erzählstrang, vor einem Epilog, bei dem wir Xiao Yu wiederbegegnen, gehört dem jungen Xiao Hui, der in einer großen Näherei arbeitet. Der Arbeitsunfall eines Kollegen führt zum Verdienstausfall für Xiao Hui. Er verschwindet und bekommt dank eines Freundes einen Job als Kellner. Doch das Hotel entpuppt sich als Luxusbordell, eine Themenoase für wohlhabende Chinesen und bevorzugte Ausländer. Hui verliebt sich, wird abgewiesen und flieht, als er seine Freundin bei der Arbeit beobachtet. Ein weiterer Job in einem Massenbetrieb, geleitet von einem Taiwanesen (stolz auf die Beschäftigung bei einem großen ‚global player‘), steht an. Doch nicht für lange, denn die einzige Entscheidung im gesamten Film für einen Verzicht auf Gewalt, führen zu Xiao Huis kurzer, finaler Flucht mit hartem Aufprall.

a-touch-of-sin-stills-xiao-hui-luo-lanshan„A Touch Of Sin“ ist ein exzellent fotografierter Film, der ohne schnelle Schnitte auskommt und über seine Laufzeit von mehr als zwei Stunden zu keiner Sekunde langweilt. Jia Zhangke zeigt ein China, in dem eine weitere Todsünde herrscht: Die Gier. Nach dem staatlich verordneten Kommunismus führt die Ermöglichung des Anhäufens von Privateigentum nicht zu sozialer Marktgerechtigkeit, sondern zu Turbo-Kapitalismus. Alles wie gehabt. Wenige bereichern sich, die Masse der Arbeiter wird verschlissen, immer wieder schafft der Regisseur eindrucksvolle Bilder, die zeigen wie Menschen zu austauschbaren und käuflichen Teilen der Industriegesellschaft degradiert werden. Frauen sind kaum mehr als Mietobjekte, die man nach Belieben (und Bezahlung) misshandeln kann.

Die Unwirtlichkeit der Städte, Mobilität, die erdrückt – überfüllte Bahnhöfe und Züge, Unfälle auf Straßen und Schienen, monströs große LKWs und Statussymbole wie Privatjets und Luxusautos, dazu gegensätzlich wie ergänzend Landschaften, von beengenden Schluchten bis zur Weite in den Bergen und Steppen: Betont wird die Verlorenheit des Individuums.A-Touch-of-Sin-36056__007

Wirkungsvolle plakative Szenen und stille Momente vereint „A Touch Of Sin“ mit Leichtigkeit; ob der furiose Aufmarsch der jungen Prostituierten, verkleidet als Rotgardistinnen und begafft von ihren geifernden zukünftigen Kunden – freundliche Grüße an Federico Fellini – oder das Innehalten der Außenwelt für einen Moment der Magie, als die verprügelte Xiao in den mobilen Arbeitsplatz der wahrsagenden Schlangenlady stolpert und wortlos ein Tuch zum Abtupfen des Blutes gereicht bekommt; „A Touch Of Sin“ bleibt jederzeit stimmig. Graphische Gewalt, schwarzer Humor, der Jadekaiser und die Peking-Oper, Poesie am Rande des Surrealismus, Sequenzen von schmerzhafter Schönheit, die ein Verweilen geradezu einfordern, ergeben trotz der Episodenstruktur ein kohärentes Ganzes, das auf popkulturelle Effekthascherei gänzlich verzichten kann.

a-touch-of-sin-stills-xiao-yu-zhao-taoUnd dann gibt es noch diesen einen Augenblick, der die Magie des asiatischen Kampfkunstkinos beschwört, der Hauch einer blitzschnellen Bewegung, ein Schnitt, der zuerst wie eine geträumte Befreiung erscheint, bevor die ganz alltägliche Gewalt zum Zuge kommt, blutig und tödlich. Danach setzt angstvolle Erkenntnis ein und am Ende verweist die Vergangenheit auf das schuldige Gewissen der Gegenwart. „Vorwürfe nur an den Jadekaiser“ heißt es irgendwann zu Beginn des Films. Doch der spielt nur noch vor kleinem Publikum eine Rolle, ist als Ablassverwalter denkbar schlecht geeignet.

„By far the best action film of the year“, resümiert film.com. Das nun doch nicht (wäre im Moment „The Raid 2“). Liegt aber auch nicht in der Absicht und im Wesen von „A Touch Of Sin“, der als vielschichtiges, visuell atemberaubendes Werk fasziniert und überzeugt.

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Cover und Szenenfotos © Rapid Eye Movies

  • Titel: A Touch Of Sin
  • Originaltitel: Tian zhu ding
  • Produktionsland und -jahr: China, Japan, 2013
  • Genre:
    Drama, Action, Kunst, Politik
  • Erschienen: 01.08.2014
  • Label: Rapid Eye Movies
    126 Minuten auf  DVD
  • Darsteller:
    Jiang Wu
    Thao Tao
    Wang Baoquiang
    Luo Lanshan
  • Regie: JIA Zhang-Ke
  • Drehbuch: JIA Zhang-Ke
  • Kamera: Yu Likwai (Nelson Yu Lik-wai)
  • Musik: Giong Lim
  • Extras:
    Kinotrailer
    Booklet
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1:2,35 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    Kantonesisch, Mandarin
    DD 5.1
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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