Mirco Buchwitz & Rikje Stanze – Arschbacken zusammenkneifen, Prinzessin! (Hörbuch, gelesen von Carolin Kebekus)

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Buchwitz/Stanze - Arschbacken zusammenkneifen - Cover © Der Audio VerlagDie Namen Buchwitz und Stanze dürften jenen, die nicht gerade dem Poetry Slam zugetan sind, kaum etwas sagen. Während Mirco Buchwitz seit über zehn Jahren Bühnenluft schnuppert und bereits einen Roman namens „Nachtleben“ veröffentlicht hat, ist Rikje Stanze erst 2010 auf deutschen Bühnen in Erscheinung getreten. Nun haben sich die beiden zusammengetan, um mal eben einen der witzigsten und ehrlichsten Romane der letzten Jahre zu schreiben, der zudem ein ausgestreckter Mittelfinger gen Standardromanze ist.

Protagonistin dieses mit einem frechen Cover (Frau beugt sich vornüber und erbricht Herzen) versehenen Werks ist die Frühdreißigerin und Callcentermitarbeiterin Ina Maibach, die so gar nicht den Frauen- und Mädchenklischees entspricht. Shopping, Beautyprogramm, auf ihren Smartphones mit ihren ABF tratschen, Prosecco schlürfen? Das ist beileibe nicht ihr Ding, und bei ihrer Kollegin Jeanette sieht sie all diese Klischees in erschreckend geballter Form – kaum jemand ist als abschreckendes Beispiel besser geeignet als sie. Ina tickt komplett anders. Anstatt sich also der Tussi-Armada anzuschließen, fläzt sie sich lieber auf ihr Sofa und schaut sich zum weißdergeierwievielten Mal das „Kettensägenmassaker“ und zahlreiche andere klischeemädcheninkompatible Filme an. Romanzen bitte nur mit Kotztüte.

Während ihre Geschlechtsgenossinnen aufgebrezelt durch Discos wackeln und sich anbiedern, lässt sie es mit der Kriegsbemalung lieber sein, verabredet sich mit ihrem besten Kumpel, um mal wieder zünftig einen zu bechern. Schick kleiden? Wozu denn, wenn die Trainingsjacke doch so scheißbequem ist? Und anstatt wie so viele andere Frauen einen auf Lady zu machen, ist sie niemals um ihre Meinung verlegen, und auch ihre Ausdrucksweise ist eher burschikos (»…auf Jeden, Keule!«) bis derb (in den USA würde der verfpieeep schpiiiiep Zensur-Piepton zum Dauereinsatz kommen).

Selbstbewusst und ‚angeheitert für Fortgeschrittene‘ wie sie ist, schnappt sie sich eines Abends dann auch mal wieder einen Kerl. Doch am Morgen danach das böse Erwachen: Wer zum Henker ist dieser Typ, neben dem sie in einem mit Bayern-München-Bettwäsche bezogenen Schlafgemach liegt? Ihr wird klar: So wird das nichts mit den Kerlen. Oder, wie es auf dem Backcover zu lesen ist: »Man schleppt den Traummann nicht sturzbetrunken an einer Theke ab.« – und fortan macht sie sich ernsthaft auf die Suche nach dem Richtigen. Oder besser gesagt, sie versucht, um noch einmal das Backcover zu zitieren, »…zumindest Mr. Not-Completely-Fucking-Wrong« zu finden. Mit dem Callcenter-Teamleiter Karsten Kronenbergh könnte man es ja durchaus mal versuchen, was sich dank Inas Verhalten jedoch als kompliziert erweist. Nicht nur, dass sie hierbei im übertragenen Sinn über ihre eigenen Füße stolpert… denn so recht entscheiden kann sie sich nicht zwischen ihm und diesem sonderbaren Kerl, der ihr laufend SMS schreibt.

Ina gerät auf ihrer Suche nach Geborgenheit teilweise nahezu in eine Sinnkrise, fragt sich oftmals, inwiefern sie Zugeständnisse machen kann/muss/überhaupt will, ohne sich selbst untreu zu werden. Ihre Freundschaften und Liebschaften schicken sie hierbei permanent auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Damit genug, denn obendrein gibt es auch noch permanent Stress mit einer lärmempfindlichen, streitsüchtigen und überaus neugierigen Hausnachbarin. Auch entgeht Inas Kolleginnen das Beziehungschaos nicht,  Und dann wäre da noch die Familie, die sich über vier Generationen erstreckt…

„Arschbacken zusammenkneifen, Prinzessin!“ ist eine zuweilen nachdenkliche, aber stets unglaublich komische Geschichte, mitten aus dem Leben, ohne Umwege, ohne Ausschmückungen, ohne literarische Massenkompatibilitätsanpassungen. Ina ist die sympathisch unperfekte, unkonventionelle, mit Ecken und Kanten versehene, kumpelhafte Frau, prollig auf eine charmante Art, und irgendwo tief in ihr drin, da sitzt doch noch ein drolliges, tapsiges Bärenjunges und ein kleiner Funke Mädchen – und das macht sie einerseits zu einer Protagonistin, für die man sich einerseits gelegentlich fremdschämt und bei der man seufzend die Augen rollen muss, die man andererseits in ihrer Art jedoch einfach gern haben muss und sie entsprechend schnell in sein Herz schließt. Stets möchte man sie, weil sie so ist, wie sie ist, wahlweise drücken (»Mensch, du bist mir vielleicht eine…«) oder ihr einen mahnenden Klaps auf den Hinterkopf geben (»Boah… Mädel! Echt mal! Hallo, geht’s noch?«).

Sehr schnell bekommt man ein Bild von all den Charakteren, die diese Story allesamt auf ihre Art bereichern. Vor dem inneren Auge werden aus den Silhouetten scharfe Konturen, und innerhalb selbiger bilden sich mehr und mehr Details, sodass bereits nach zwei bis drei der aus Filmtiteln bestehenden Kapiteln das Kopfkino in all seinen Farben, mit gestochen scharfem Bild und zudem perfekter Akustik, durch die Gehirnwindungen rattert. Beinahe fühlt man sich wie Inas unsichtbarer Kumpel, der überall mit dabei ist.

Wie das Buch in gedruckter Form wirken mag, weiß der Verfasser dieser Zeilen nicht, doch es dürfte davon auszugehen sein, dass „Arschbacken zusammenkneifen, Prinzessin!“ erst in (übrigens ungekürzter) Hörbuchform seine Wirkung komplett zu entfalten in der Lage ist. Dies ist definitiv der Komikerin Carolin Kebekus zu verdanken, die dem Buch mit exzellenter Arbeit Leben einhaucht und eine unbändige positive Kraft in die Worte legt. Kebekus geht in dieser Story völlig auf, sie durchlebt sie, durchlebt Inas Irrfahrt und gibt auch all den anderen Charakteren ihre eigene Stimme, ganz egal, ob Kumpel, potenzielles Herzblatt, Nachbarin, Großmutter, Rotzlöffel oder die tussige Kollegin. Und man selbst? Hängt an ihren Lippen, lacht und leidet.

Passender hätte die Auswahl der Sprecherin kaum sein können, da Carolin Kebekus ja selbst – zumindest, wenn man sie auf dem Bildschirm wahrnimmt – ein wenig Ina in sich trägt: Einerseits die derbe, schonungslose, selbstbewusste, gerne auch mal ordinäre Antiklischeefrau, die mehr Eier in der Hose hat als so manch männlicher Vertreter, andererseits immer wieder Charme und viel Weiblichkeit, wenn auch anders und verborgen, ausstrahlend. Sollte dieses Buch  jemals verfilmt werden, erübrigt sich demnach die Frage nach einer Darstellerin, die die perfekte Ina mimen könnte.

Einziger, winziger Kritikpunkt wäre, dass die letzten paar Minuten des Hörbuchs doch einen verwirrend schnellen Schluss herbeiführen, sodass man nach den finalen Zeilen erst noch mal kurz innehalten muss, sich denkt: „Hä?“, sich fragt, wie das eben noch mal war – und die letzten ein bis zwei Kapitel noch einmal abspielt. Doch das ist Meckern auf sehr hohem Niveau – somit sollte die Fast-Höchstpunktzahl kein weitere Fragen mehr aufwerfen.

A propos Fragen: Was wird nun mit Ina? Man wüsste es ja schon gern…

Cover © Der Audio Verlag

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Mirco Buchwitz & Rikje Stanze – Arsch…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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