The Saints (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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The Saints Cover © Koch MediaKann es in Deutschland eigentlich noch Geheimtipps geben? In Zeiten, in denen fast alles überall und jedem zugänglich ist und in denen Rezensionen aus jeder Ecke der Welt zu einem Metascore zusammengewurschtelt werden, kann dem interessierten Kulturkonsumenten da eigentlich noch etwas durchrutschen? Mit ein wenig Mut zu Experimenten und den ausreichenden finanziellen Mitteln fällt es mit Online-Diensten und Export-Versand-Möglichkeiten im Hinterkopf schwer, die Frage zu verneinen. Allerdings schließt das eine wichtige Komponente des Konsums aus.

Wer ein Fan des Albums x von Künstler/Künstlerin y ist, der hegt in der Regel auch den Wunsch, ein Konzert der dazugehörigen Tour zu besuchen. Doch leider kommt es immer häufiger vor, dass Musiker, wenn überhaupt, im nahen Ausland zu Gast sind, um Deutschland (Berlin meist ausgenommen) aber einen Bogen machen. So ähnlich sieht es auch im Filmgeschäft aus: Während in anderen Ländern die Filme einfach mit Untertiteln gezeigt werden, findet sich in Deutschland immer mal wieder kein Verleih, der bestimmte audiovisuelle Kulturgüter in die heimischen Kinos bringt. Damit fällt nicht nur der Genuss der Bilder auf der großen Leinwand flach, sondern auch das Aufschnappen der spontanen Reaktionen des Publikums. Bei manchem Film ist eine Vermarktung aber auch wahrlich nicht einfach. „The Saints“ gehört sicherlich dazu.

The Saints Szenefoto 1 © Koch MediaDer eigentlich mit „Ain’t Them Bodies Saints“ betitelte Film, der in den USA schon im August 2013 anlief, könnte mit Blick auf den Plot eine typische Bonnie & Clyde-Geschichte sein, an der sich schon viele Regisseure mit unterschiedlichem Erfolg versucht haben. Doch „The Saints“ beginnt genau an der Stelle, an der diese Geschichten normalerweise enden: das junge Paar Ruth (Rooney Mara) und Bob (Casey Affleck) ziehen im Texas der 1970er-Jahre zusammen mit ihrem Freund Freddy (Kentucker Audley) einen Überfall durch, der in einer blutigen Schießerei endet. Während Freddy im Sterben liegt, trifft Ruth den Polizisten Patrick Wheeler (Ben Foster) mit einem Schuss an der Schulter. Als Bob merkt, dass es keinen Ausweg gibt, beschließt er sich zu ergeben und die Schuld auf sich zu nehmen, um seine Liebste vor dem Gefängnis zu bewahren. Bei seiner Verhaftung bittet er Ruth auf typisch romantische Art darum, auf ihn zu warten, damit sie ein neues Leben beginnen können, mit einem eigenen Haus an einem ruhigen Platz, wo sie niemand kennt.

The Saints Szenefoto 2 © Koch MediaDie Pointe des Plots verbirgt sich aber in einem nicht zu verachtendem Detail: Ruth ist hochschwanger mit ihrem und Bobs ersten Kind. Für den Vater ist das ein weiterer Ansporn die Zukunft naiv zu romantisieren, damit er seine mehrjährige Haftstrafe leichter herum bekommt. Doch Ruth lebt nun ein anderes, relativ gutes Leben, das auf einer großen Lüge fußt, mit der sie jeden Tag konfrontiert wird. Sie darf beispielsweise in einem der Häuser von Freddys Vater Skerritt (Keith Carradine) leben, da er annimmt, dass die junge Mutter unwillentlich in die Sache hineingezogen wurde. Es ist also ganz logisch, dass die von diesen Konfrontationen und dem Muttersein geprägte Ruth auf die Probe gestellt wird, als Bob die Flucht aus dem Gefängnis gelingt.

Dass Regisseur David Lowery bislang erst einige Kurz- und zwei, nicht weiter nennenswerte Langfilme inszenierte, ist „The Saints“ nicht anzumerken. Das Drehbuch ist simpel gehalten, kommt mit wenigen Figuren aus und deutet viele Informationen nur an, gibt jedoch reichlich Platz für eigene Deutungen und Überlegungen auf der Zuschauerseite. Genau das hat auch die Hauptdarsteller überzeugt, die laut Lowery allesamt seine erste Wahl waren. Das ist gleich aus mehrerlei Hinsicht beachtlich: Zum einen kommen mit Rooney Mara, Casey Affleck und Ben Foster gleich drei Künstler zusammen, die immer noch zur jungen Garde Hollywoods gehören, aber nicht wirklich zu den Gesichtern, mit der die Traumfabrik für sich wirbt. Rooney Mara wirkt nicht nur, sondern ist tatsächlich eine unnahbare Person, die sich als Lisbeth Salander in der Fincher-Verfilmung von „Verblendung“ aber unbestritten selbst übertroffen hat. Casey ist viel mehr als der kleine Bruder von Ben Affleck, nicht zuletzt weil er der bessere Schauspieler ist, die große Rolle in einem großen Film blieb ihm aber bislang verwehrt. Auch Ben Foster wird gerne und oft übersehen und unterschätzt, könnte sich aber bald mit seiner Darstellung von Lance Armstrong einen Namen machen.

The Saints Szenefoto 4 © Koch MediaZum anderen haben alle Hauptdarsteller etwas vorzuweisen, was sie für ihre Rolle qualifiziert. Rooney Maras Unnahbarkeit schlägt sich auch in Ruth nieder, die niemanden an sich ran lässt und nur schwer zu lesen ist. Auch ohne den Plot zu kennen, würden ihr viele eine dunkle Seite praktisch ansehen. Aber Mara spielt Ruth noch viel facettenreicher und weiß den inneren Konflikt zwischen ihrer Vergangenheit, der Zukunft und der Gegenwart als liebevolle Mutter mit texanischem Akzent zu einem bemerkenswerten Ausdruck zu bringen. Casey Affleck kennen wir schon aus den verschiedensten Gangsterrollen, doch was ihn dabei besonders macht, sind seine markanten, aber doch weichen Gesichtszüge, die ihn schon in „Die Ermordung des Jesse James…“ zu einer gefährlichen Figur machte. Ben Foster hat in seiner Karriere schon häufiger ein Herz für Frauen in schwierigen Situationen gehabt, scheint aus den herzzerreißenden Szenen aus „The Messenger“ oder serientechnisch aus „Six Feet Under“ (glücklicherweise) nichts gelernt zu haben. Keith Carradine hingegen begann seine Karriere 1971 mit „McCabe & Mrs. Miller“ und spielte unter anderem in „Diebe wie wir“ mit. Da schließt sich der Kreis auf fast traumhafte Weise, denn Lowery ist ein großer Fan von Regisseur Robert Altman und dem erstgenannten Film, den er unumwunden als Einfluss für „The Saints“ angibt. Bei anderen Querverweisen tut sich der Zuschauer aber etwas schwerer.

Schon in der ersten Szene fällt auf, dass der Regisseur viel Wert auf das Aussehen des Films gibt. Die Kamera dreht sich um das Paar, spielt mit dem Einfall der Sonne und bereitet den Zuschauer auf die Schönheit der kommenden 90 Minuten vor. Es ist eine Landschaftspoesie (im Übrigen von Bradford Young abgedreht, der gerade mit „Selma“ und „A Most Violent Year“ in die Champions League der Kameramänner aufgestiegen ist), die auch den Verfasser dieser Zeilen an die Kunst Terrence Malicks erinnert, ohne dass er mit den oft mit „The Saints“ in Verbindung gebrachten „Badlands“ und „In der Glut des Südens“ vertraut ist. Dementsprechend kann an dieser Stelle nur konstatiert werden, dass in „The Saints“ vieles ausprobiert wird – die Szenen in absoluter Dunkelheit sind besonders gelungen -, was aber dann doch teilweise zulasten des Erzählflusses geht. Der Film braucht eine gute halbe Stunde um so richtig in Fahrt zu kommen, was besonders aufgrund der Positionierung Lowerys zum Geschehen auffällt.

The Saints Szenefoto 3 © Koch MediaDer Regisseur bietet nämlich einen möglichst neutralen Blick auf das Geschehen, womit er die Beantwortung der Fragen nach Schuld(-gefühlen), Vergebung und Gerechtigkeit dem Zuschauer überlässt. Das ist richtig und konsequent, denn der Film soll weh tun, in der visuellen Aufbereitung fehlt diese Konsequenz allerdings. Während bei den Charakteren an Einfühlungsvermögen gespart wird, ziehen unzählige Landschaftsaufnahmen an einem vorbei, die berühren und auf BluRay fast noch schöner sind als Gemälde. Ab und an liegt sogar die Idee nah, dass der Film sich eher für die Bilder interessiert als für den Plot, was die Terrence Malick-These ein gutes Stück stützt. Wie gesagt verfügt das Drehbuch über einige knifflige Stellen, die nach Antworten fordern, es könnte aber sein, dass die Fragen erst nach dem Schauen sichtbar werden, wenn der Zuschauer noch einmal über die Figuren nachdenkt und die schönen Bilder beiseite lässt. Vielleicht liegt es aber auch an der behutsamen Erzählweise, die dem Gefühl den Vorzug vor der Action gibt, was bei Gangsterfilmen nicht unbedingt zu erwarten ist. Dabei macht Lowery vieles richtig (nicht zu viel Kitsch, nicht zu viel Blut…) und zeigt sein Talent, der Feinschliff inklusive eigener Handschrift sollte aber folgen.

FAZIT: „The Saints“ ist alles andere als ein typischer Gangsterfilm. Er beginnt dort, wo andere Filme dieses Genres enden und legt viel Wert darauf unangenehme Fragen zu stellen. Regisseur David Lowery inszeniert den Film ruhig, setzt die Action wohldosiert ein und produziert Aufnahmen, die von wunderschöner Poetik sind. Insgesamt ist das aber zum Teil zu nah an den Filmen von Terrence Malick angesiedelt und verhindert einen stimmigen Erzählfluss. Wenn sich Lowery von weiteren Vorbildern wie Robert Altman löst und sie weiterhin wie zum Beispiel „Bonnie & Clyde“ nur als Inspiration nimmt, dann könnte der Feinschliff gelingen und dem Regisseur eine Karriere erwarten.

Cover © Koch Media Film

  • Titel: The Saints – Sie kannten kein Gesetz
  • Originaltitel: Ain’t Them Bodies Saints
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2013
  • Genre:
    Thriller
    Drama
    Romance
  • Erschienen: 19.03.2015
  • Label: Koch Media Film
  • Spielzeit:
    92 Minuten auf 1 DVD
    96 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Rooney Mara
    Casey Affleck
    Ben Foster
    Keith Carradine
    Nate Parker
    Charles Baker
    Rami Malek
  • Regie: Dave Lowery
  • Drehbuch: David Lowery
  • Kamera: Bradford Young
  • Schnitt: 
    Craig McKay
    Jane Rizzo
  • Musik: Daniel Hart
  • Extras:
    – Untitled Ross Brothers Dokumentation (ca. 13 Minuten)
    – Geschnittene Szenen (ca. 9 Minuten)
    – Behind The Scenes (ca. 5 Minuten)
    – Outtakes (ca. 2 Minuten)
    – Original Kinotrailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2.35:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2.35:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 10/15 dpt


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The Saints (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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