Berndt Anwander & Thomas Askan Vierich – Praterglück. Eine Krimi-Groteske (Buch)

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Anwander & Vierich - Praterglück (Cover © Atlantik Verlag)Der Wiener Balthasar war in der Vergangenheit eher ein Halbkrimineller. Und mit Wiener ist ein echter Wiener gemeint. Inklusive Schmäh und den typischen Werten, die den Wiener zum genuinen Wiener machen. Oft erscheint er einfach gestrickt.

Der etwas jüngere Berliner Paul hingegen ist aus einem ganz anderen Holz geschnitzt und ist eher hip, alternativ und intellektuell. Zumindest hält er sich für all das. Entsprechend war seine berufliche Vita eher sonderbarer Natur – so lieferte er einst beispielsweise für Baumarktkataloge die Texte ab. Ein echter Gegen-den-Strom-Schwimmer, der Paule.

Als Paul und Balthasar erfahren, dass sie von ihrer Tante im Wiener Prater den Würstlstand „Praterglück“ … nun ja… ‚erben‘, wissen sie noch nicht, dass sie Brüder sind. Nun müssen sie in Schichten abwechselnd antreten und die Hälfte ihrer Einnahmen der Tante zuschieben. Paul und Balthasar können einander von Anfang an nicht ausstehen, weswegen sie sich konsequent aus dem Weg gehen. Anstatt wie normale Menschen miteinander zu sprechen, kommunizieren sie ausschließlich schriftlich – sei es durch Zettel, SMS, E-Mails, Textdateien oder Briefe. Nett ist der Austausch zwischen Balthasar und Paul nicht.

Dass die beiden sehr verschiedenen Männer (wie auf dem Backcover schön beschrieben: »unterschiedlich wie Currywurst und Käsekrainer«), die sich in ihren Mitt- und Endvierzigern befinden, sehr selten einer Meinung sind, überrascht hierbei kaum. Doch als urplötzlich eine Leiche auftaucht, ist die Panik groß – denn beide geraten unter Mordverdacht.

Die aufkommende Befürchtung, dass sich der schriftliche Austausch der beiden etwas trocken oder langweilig lesen könnte, zerschlägt sich bereits ganz am Anfang, denn die unterbrechungsfreien Ausführungen der beiden, die sich zuweilen doch sehr lange Nachrichten und Briefe schreiben, lassen die wunderbaren Boshaftigkeiten, Beleidigungen und Gemeinheiten, die sich die beiden inmitten ihrer Arbeitsanweisungen an den Kopf werfen, herrlich ausufern.

Es überrascht kaum, dass es sich der Ösi und der Piefke dabei nicht nehmen lassen, mit zahlreichen Ressentiments gegenüber dem anderen Volk aufzutrumpfen, doch auch die Missverständnisse, die die deutsch-österreichische Kommunikation mit sich bringen kann, kommen keinesfalls zu kurz. Die beiden Autoren – Anwander ist gebürtiger Bregenzer und Wahlwiener, Vierich wurde in Hannover geboren, lebte lang in Berlin und zog im Jahre 2002 nach Wien – dürften einen ausgedehnten Katalog an Klischees erlebt haben, und es scheint ganz so, als hätten sie all das in „Praterglück“ verarbeitet haben.

Doch „Praterglück“ ist beileibe keine Aneinanderreihung von Beschimpfungen, sondern offenbart manchmal Gedankengänge, die irgendwo zwischen entwaffnender Philosophie oder völlig spinnerten, skurrilen, ja absurden Gedankengängen hin und her pendeln.

Zu köstlich ist es, wie sehr sich die zwei in ihrem vorurteilsschwangeren Klischeedenken über den jeweiligen anderen und sein Volk auslassen – manchmal allerdings, wenn man zwischen den Zeilen liest, könnte man allerdings auch glauben, dass zwischen den beiden irgendwie doch brüderliche Gefühle entstehen. Oder sind die beiden in ihrer auf Gegenseitigkeit beruhenden Arroganz einfach nur höllische Ironiker und Sarkasten?

„Praterglück“ ist Kurzweil auf rund 160 Seiten – die restlichen Seiten des Buches beinhalten noch einen aufklärenden Teil namens „Deutsch-österreichische Begriffskunde und Wurstglossar“, und hier bekommt man beispielsweise erklärt, um welche Wurstart es sich bei Debreczinern oder Käsekrainern oder einem Burenhäutl handelt, doch man erfährt genau so, was eine „Beisl“,eine „Funsn“, „Gejeier“, eine „Sneks“ oder „eintrankeln“, „Meier gehen“, „brunznbladlfett“ oder „mit dem Arsch auf die Uhr schauen“ ist. Und selbst das ist, wenn man kein Wiener und/oder Berliner ist, eine amüsante Angelegenheit.

Es dauert nicht lang, und man hat das Wienerische und das Berlinerische bereits während der Lektüre im Ohr. Daher wäre es gar nicht abwegig zu behaupten, dass „Praterglück“ in vertonter Form bestens funktionieren könnte. Wo bleibt also das Hörbuch?

Cover © Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag

Wertung: 12/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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