Chris Whitaker – Was auf das Ende folgt (Buch)


Chris Whitaker – Was auf das Ende folgt (Buch)

Willkommen im Panoptikum, willkommen in Tall Oaks.

Was auf das Ende folgt
© Piper

Im Tiefparterre ihres Hauses hat Jessica „Jess“ Monroe für ihren dreijährigen Sohn ein Zimmer eingerichtet, welches sie über ein Babyfon kontrollieren kann. Zwei Stockwerke höher versucht Jess gerade einzuschlafen als sie durch das Gerät ihren Namen hört. Zunächst schenkt sie dem wenig Bedeutung, schiebt es auf ihre Müdigkeit, doch als ihr Name erneut genannt wird schaut sie auf das Display, worauf die Kamera von Harrys Bett wegschwenkt und einen Schaukelstuhl einfängt. Auf diesem sitzt ein Clown. Jess rennt hinunter, dort angekommen fehlt vom Clown jede Spur. Hatte sie sich diesen nur eingebildet? Nein, denn nicht nur der Clown ist weg, sondern auch Harry.

Tall Oaks ist eine Kleinstadt in Kalifornien, wo es den Menschen gut geht. Ab und an mal ein Diebstahl, eine Sachbeschädigung oder eine Schlägerei, aber Kapitalverbrechen gibt es hier nicht. So hat Sergeant Jim eigentlich ein beschauliches Leben, in welches das Verschwinden eines Dreijährigen nun wahrlich nicht passt. Die große Ermittlungswelle ist vorbei, der Medienzirkus hat sich längst wieder verabschiedet, doch Jim ermittelt weiter mit großer Besessenheit. Allein, es gibt nichts zu ermitteln. Keine Spuren, keine Zeugen, gar nichts.

Jess hängt weiterhin fleißig Plakate auf, ergibt sich ansonsten aber Alkohol und fremden Männern. Dabei geht es einigen anderen Bewohnern von Tall Oaks kaum besser. Sie taumeln ebenfalls einem Abgrund entgegen.

Krimiplot trifft Groteske. Klasse!

Chris Whitaker sorgte mit seinem großartigen Roman „Von hier bis zum Anfang“ – siehe Rezension – für allerhand Aufsehen. Nun folgt sein zweiter Roman, der in Wahrheit sein erster ist. Während aber bei anderen Fällen schnell im Erfolgsfall bis dato erfolglose Werke neu aufgelegt werden um Kasse zu machen, verhält es sich hier anders. „Was auf das Ende folgt“ ist ein lesenswerter, wenngleich grotesker Krimispaß. Zunächst verschwindet Harry, dann werden einige Bewohninnen und Bewohner der Kleinstadt vorgestellt. Jess kennt man bereits, ihren Mann Michael, der die Familie für eine andere Frau verlassen hat, lernt man später kennen, wobei dieser auffällig wenig Interesse am Schicksal seines Sohnes hat.

Aber Jim wusste, dass es jemanden gab, dem Jess die Schuld geben konnte. Sie konnte ihm die Schuld geben. Weil es seine Stadt war. Er hatte nicht für Sicherheit gesorgt, und jetzt konnte er Harry nicht zurückbringen. Er hatte bei der einzigen Aufgabe versagt, die er zu erledigen hatte. Und dass er das wusste, machte ihn fertig.

Dann gibt es da noch Manny, der eine große Vorliebe für Filme, vor allem Gangsterfilme hat. Kurz vor seinem Schulabschluss verfolgt er das Ziel, gemeinsam mit seinem besten Freund Abe die Herrschaft über Tall Oaks zu übernehmen. Schutzgelderpressung im großen Stil, man hat ja oft genug gesehen wie es geht. Mannys Mutter Elena, deren Mann sich vor zwei Jahren verabschiedete, lernt derweil den Autoverkäufer Jared kennen. Ein sympathischer Mann, eigentlich, aber warum gehört seine Sozialversicherungsnummer zu Frank Tromb, der vor Jahren verstarb? Und warum hält er es nie lange an einem Ort aus?  Da sind noch Henrietta und Roger, deren Ehe schon lange nicht mehr als solche zu bezeichnen ist. Fraglich, wer von beiden das größere Geheimnis mit sich trägt? Lisa und Max sind ebenfalls ein illustres Paar, wenn man es als solches bezeichnen kann. Endlich verlobt, hofft Lisa auf die große Liebe, während Max anderen Frauen hinterhersteigt. In seinem Fotogeschäft arbeitet vor allem Jerry, der sich zudem um seine kranke Mutter kümmert. Wenig überraschend, auch Jerry und seine Mutter sind alles andere als „normal“.

Ist dir jemals der Gedanke gekommen, dass es in Tall Oaks von schrägen Typen nur so wimmelt?

Die vorgenannten Personen werden abwechselnd in Szene gesetzt, wobei bei Weitem nicht alle Handlungsstränge mit dem Verschwinden Harrys in Zusammenhang stehen. Ganz im Gegenteil. Jedoch versteht es Chris Whitaker geschickt, zumindest (fast) alle irgendwie verdächtig zu machen. Alle haben ihre Geheimnisse, ihre Macken und Aussetzer, die im späteren Verlauf aufgeklärt werden. Überraschungen inklusive. Der packende Schreibstil treibt voran, wobei man sich zwischenzeitlich wiederholt fragen dürfte, wo denn der Krimiplot geblieben ist? Immerhin, Jim bleibt dran, hört immer wieder alte Bandaufnahmen der Verhöre ab. Nicht zuletzt, weil er in Jess verliebt ist.

Das war schon eine Leistung. Man sollte ihm das Service Cross oder die Medal of Valor verleihen. Ja, das gefiel ihm, die Medal of Valor dafür, den Jungen nicht gefunden und die Mutter gevögelt zu haben. Wenn das nicht tapfer war, dann wusste er nicht, was tapfer war – diese vollkommene Missachtung von Moral und des Schadens, den er dem Fall zufügte.

Wer in „Von hier bis zum Anfang“ mit der 13-jährigen Duchess mitfieberte, wird in „Was vom Ende übrig blieb“ mit Manny – aus anderen Gründen – eine ähnliche Figur finden. Ein weiterer Kandidat wäre Jerry, der nur wenig geregelt bekommt, dem man aber jederzeit die Daumen drückt. Beide, Manny wie Jerry, werden letztlich auf ihre Art zu Helden. Ein Paukenschlag ist zudem die Aufklärung, denn es steht ja nicht nur die Frage im Raum, was mit Harry geschah, sondern vor allem: Wer ist der Clown? Nicht alle werden vorab auf den richtigen Namen kommen, denkt man aber in der auflösenden Sequenz darüber nach, so ist man womöglich überrascht. Ja, entsprechende Hinweise hätte man als solche erkennen können. Sehr deutlich sogar. Oder etwa nicht?  

  • Autor: Chris Whitaker
  • Titel: Was auf das Ende folgt
  • Originaltitel: Tall Oaks. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
  • Verlag: Piper
  • Umfang: 400 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Juni 2022
  • ISBN: 978-3-492-07152-9
  • Produktseite  


Wertung: 12/15 dpt

 


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