Blutjunge Verführerinnen, 1. Teil, Was Eltern wissen müssen (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Blutjunge Verführerinnen- teil 1- Blu-Ray-Cover © Ascot EliteEs ist schon ein  Leid mit der Sauregurkenzeit! Der Chefredakteur der „Constanze“ ist verzweifelt. Der große Intimreport „pfeift aus dem letzten Loch“, das „Sexleben der grünen Witwen“ ist out, es muss etwas Neues her. So eine Art „Schülerinnenreport“. Vielleicht was mit „Blutjungen Verführerinnen“? Jau, die gesamte Redaktion weiß kleine Anekdötchen zu erzählen, in denen es hauptsächlich darum geht, wie launige lasterhafte Luder wehrloses älteres Manns- und einmal auch Weibsvolk verführen. Einmal erwischt es sogar einen „möblierten Herren“. Und man ist ein bisschen traurig, dass solch metaphorische Begrifflichkeiten aussterben.

Erwin C. Dietrich, dem großen Volksökonom, war natürlich nicht entgangen, dass der „Schulmädchen-Report“ (und seine Folgen) ein Dukatenesel sondergleichen war. Folglich musste etwas Eigenes her und „Blutjunge Verführerinnen“ durften sich durch flockige Interieurs direkt aus dem barocken Herzen Gelsenkirchens wälzen. Es wurde eine Trilogie daraus, wobei die Teile außer dem Titel und der losen Episodenstruktur nichts gemein haben.

Rahmenhandlung des ersten Teils „Was Eltern wissen müssen“ ist die Redaktionssitzung, die in einem plüschigen Wohnzimmer stattfindet, und auf der die Träger prächtiger Koteletten kleine Schnurren von sich geben, die mit ein bisschen nackter Haut, biederen Dekorationen, vielen Großaufnahmen und unter Abwesenheit einer irgendwie gearteten Dramaturgie beziehungslos vor sich hinplätschern. Walter Baumgartners Soundtrack bewegt sich salopp zwischen Debussy und frohgemutem Easy Listening, nicht ganz auf der Höhe seiner sonstigen Kunst und auch nicht Ohr an Ohr mit Gert Wilden, der die wesentlich erfolgreicheren Schulmädchen psychedelisch-poppig begleitete.

Ingrid Steeger darf während eines flüchtigen Auftritts ihre Klavierlehrerin zwecks Unterrichtsbefreiung verführen, weshalb der kleine Film großsprecherisch in der „New Ingrid Steeger Collection“ veröffentlicht wird.  

Ansonstblutjunge-verführerinnen-1en zeichnet sich das bescheidene Werk durch seine Harmlosigkeit, Unbedarftheit und gelegentliche Absurdität aus, was von vornherein verhindert, dass man das bedenkliche Frauenbild auch nur ansatzweise ernst nehmen kann. Verklemmte Kleingeister, deren Horizont mittenmang vor der engen Stirn endet, mögen von „Kleinmädchen-Erotik“ sprechen; doch die meisten Darstellerinnen haben die Zwanzig bereits deutlich hinter sich gelassen – Zöpfe zu flechten macht aus einer gestandenen Frau noch lange keine ‚blutjunge Verführerin‘ – und mit „Erotik“ ist es bei den drolligen Nudisteneinlagen auch nicht weit her. Hier bleibt Erwin C. Dietrich erstaunlich dezent und ein wenig geschmäcklerisch, sodass einer Freigabe der DVD/Blu-Ray ab 16 rein gar nichts im Weg steht.  

Wie damals üblich wurde der Film stumm gedreht und professionell nachsynchronisiert. So klaffen der Sprachgestus und die bestenfalls mediokren Schauspielerleistungen ziemlich weit auseinander. Obwohl die Mixtur aus Pippi-Langstrumpf-im-Rotlichtviertel und wenig pointiertem Rainer Brandt-Sprech,  den Film mit Schmackes Richtung Absurdistan treibt.

Die erste Episode zumindest gibt Vollgas, versprüht aber fast den gesamte, ähem, ‚Esprit‘ des Films auf einen Schlag. Im Folgenden wird meist nur schaumgebremst vor sich hin gequasselt.

Aber die Start-Up-Unternehmung, bei der ein „Knabe aus Schwabing“ auf Rosmarie, eine „Göre aus Wannsee“, an dessen Strand trifft, hatte den Schalk und einen Clown zum Frühstück. Der malende Pornobalken-Besitzer mit wunderhübsch grünrotblaugelb gestreifter Stoff-Badehose stellt angesichts der barbusigen Rosmarie sogleich mit Griff in den Schritt fest: „Oi joi joi, die kann ja Ebbe in Flut verwandeln“.

Nach sehr kurzer Kennenlernphase freundet man sich an: „Wieso können Sie in der Woche faulenzen? Rocker oder Playboy?“ – „Freischaffender Künstler!“ – „Ah, Hungerleider! Schriftsteller, hää?“
Nein, der gute Mann ist Maler (und R4 Fahrer, selige Nostalgie) und möchte der blonden Rosmarie liebend gern sein Atelier zeigen. Mangels Briefmarkensammlung? Nach wenigen Berlin-AußenaufnahBlutjung-ateliermen ist man bereits auf dem Weg in den siebten Stock,   was den Off-Sprecher zu einem gewagten Vergleich von Rosmaries Ambitionen („Karriere machen ist keine zweckfreie Tätigkeit“), dem unbedingten Willen zum Erfolg und Treppensteigen veranlasst, der in der Bemerkung gipfelt, dass Rosmarie eine „Blitzkarriere als Fotomodell“ geradezu wittert. Beim Maler?

Im Atelier erläutert der Künstler seine abstrakten Gemälde kenntnisreich der etwas naiv fragenden Blondine: „Däs ist ein weiblicher Akt in existenzieller Verwirrung [die den Zuschauer auch des Öfteren befällt], und das ist meine gefesselte Physis und das der Urinstinkt des Maskulinen auf seiner langen Suche nach grmgrmgrm [oder so].“
Rosmarie lehnt sich lieber aus dem Fenster und befindet: „Mann, dufte die Welt aus der Vögelperspektive, hoho.“ Nach einem kleinen, ziemlich meschuggen Diskurs über die ‚Unergiebigkeit Frauen zu zeichnen‘ („Für mich sind Frauen ohne Geheimnis“) wird die Vögelperspektive in der Waagerechten mit viel Weichzeichner eingenommen. Wäre ja ganz schmusig, wenn der Reporter im Hintergrund nicht unablässig salbadern würde, bis das Episödchen zu Ende ist.

Die zweite Anekdote ist ein Stück Zeitgeschichte und der Wahnwitz im Benzintank. Selbstverständlich wieder ohne jede Spannungskurve und Höhepunkt wird erzählt wie ein Tankstellenbesitzer eine verwanzte Garage zum Minibordell umfunktioniert und zu jeder Tankfüllung ein Nümmerchen feilbieten lässt. Was von dem zuständigen Redakteur mit den philosophischen Worten präsentiert wird: „Wenn die Autos demnächst sterben, können wir sagen, wir sind dabei gewesen! […] Der unaufhaltsame Zusammenbruch des Transportsystems macht auch den kleinen Mann erfinderisch.“

Those were the Times, lange ist es her.  Heute kann man getrost und ein klein wenig betrübt feststellen: Das Auto und das Transportsystem via Straße haben überlebt! Doch 1971 verteilten die großen Konzerne Präsente für jede Tankfüllung und der „kleine Mann“ ließ eine junge Frau für sich anschaffen. Was vor einem Richter endete. So wird erzählt. Bis dahin floriert das Geschäft und Volltanken inklusive Fensterreinigung und  schnellem Sex kostet 23,20 DM.

the-young-seducers-movie-poster-1974-1020417804Konsequent verweigert sich Erwin C. Dietrich jedes gesellschaftskritischen Kommentars. Er nimmt den Reportage-Modus hin, weil das halt Usus ist, ansonsten will er bloß spielen und ein bisschen Geld verdienen. Das mag in bescheidenem Rahmen gelungen sein, doch bis auf die genannten Abstrusitäten, eine ganz ulkige Folge um einen Bodybuilder, der so tut als wäre ein Fußballer, aber kaum einen Schritt geradeaus gehen kann, und seine junge Nachbarin, die Batterien für ihren Vibrator kauft sowie eine ziemlich versaubeutelte Schlusspointe (eigentlich sind es sogar zwei) ist „Blutjunge Verführerinnen“ eine rechte Schnarchnase von Film.

Mit weniger als achtzig Minuten aber nicht lang genug, um richtig langweilig zu sein. Dafür gibt es auch zu viele erstaunliche Kleinigkeiten, Bilder und Begriffe am Wegesrand, die zumindest schmunzeln lassen. Das Ganze ist, wenn man von den wenig attraktiven Darstellern absieht, ganz ansehnlich auf Blu-Ray transferiert worden.

Der beste Satz des Films fällt gleich zu Anfang, als das Reporterrudel in  die Biedermeier-Redaktion schlurft: „Jochen hat heute wieder seine sensible Strähne“. Bei ECD immer.

Cover & Szenenfotos © Ascot Elite Home Entertainment/Original-Poster © Cinefacts

  • Titel: Blutjunge Verführerinnen, 1. Teil, Was Eltern wissen müssen
  • Produktionsland und -jahr: Schweiz, 1971
  • Genre:
    Erotik
    Softsex
    Drama
    Komödie
  • Erschienen: 22.07.2014
  • Label: Ascot Elite Home Entertainment
  • Spielzeit:
    74 Minuten auf DVD
    77
    Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller:
    Ingrid Steeger, Rena Bergen, Margret Cicek,
    Claus Jurichs, Herbert Kluever, Andreas Mannkopff,
    Evelyne Traeger, Bernd Wilczewski, Bernd Zahn, Yvonne Zolliker
    Regie: Erwin C. Dietrich als Michael Thomas
  • Drehbuch: Erwin C. Dietrich als Manfred Gregor
  • Kamera: Peter Baumgartner
  • Musik: Walter Baumgartner
  • Extras:
    Originaltrailer, Fotogalerie, Trailershow,

  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1.78:1/16:9
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Dolby Digital 2.0
    Englisch, Dolby Digital 2.0
    Französisch, Dolby Digital 2.0
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1.78:1/16:9 – 1080 24p HD
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, DTS-HD Master Audio 5.1
    Englisch, DTS-HD Master Audio 5.1
    Italienisch, DTS-HD Master Audio 2.0
    Französisch, DTS-HD Master Audio 2.0
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink

Wertung: 7/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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