Martell Beigang – Viel Lärm um mich (Buch)

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Martell Beigang-Viel Lärm um mich„Viel Lärm um dich“ ist ein Album von Hallo*Erde. Der Drummer darauf heißt Martell Beigang. Seine Diskographie ist länger als die Einkaufsliste Paris Hiltons. Neben vielen anderem spielte Beigang  Pop mit Sasha (aka Dick Brave), rockte  mehr als ein halbes Jahrzehnt mit M. Walking On the Water und ist ein exzellenter Jazz-Drummer (wie auf dem vorzüglichen „fields“ von Stefan Heitzmann & Friends, das ich Euch allen nur wärmstens ans Herz legen kann).   Außerdem ist er Co-Komponist der einprägsamen „Stromberg“-Titelmelodie.

Als ob das nicht reicht, schreibt Martell Beigang auch noch Bücher. „Viel Lärm um mich“ ist sein dritter Roman. Im Zentrum steht – welch Wunder – ein Musiker. Doch kein Jazzer, kein Popper, ein harter Rocker: Sebastian Lauterbach (der Name spricht!) ist Gitarrist der überaus erfolgreichen Metal-Combo Voodoo Psycho und Anhänger hoher Lautstärken. „Lautstärke ist Sex!“ gibt er als Credo in einem Interview preis und meint damit: „Wenn die Musik richtig laut ist, verstummen die Stimmen in meinem Kopf, und es schweigt das Lamento meiner Selbstzweifel. Dann bin ich bei mir, fokussiert auf den Moment.“

In solch einem fokussierten Moment beginnt in Sebastians Kopf ein Pfeifen, die Musik ist wortwörtlich ohrenbetäubend. Der Horror für einen Guru des ungezügelten Lärms. Doch der Tinnitus und die damit einhergehende Angst vor Taubheit führen Sebastian in den Weidenhof, „die Betty Ford Klinik für Lärmgeschädigte“. Zwischen Laotse und alternativen Heilmethoden, findet sich Sebastian auf dem OP-Tisch wieder als eine Art Versuchsäffchen. Der Eingriff gelingt. Zu gut sogar, denn nach der Operation ist nicht Schwerhörigkeit das Problem, sondern eine gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit. Vom stillen Regen in die tosende Traufe.

Sebastian flüchtet. Aus der geräuschreichen Großstadt in ein einsames bayrisches Naturschutzgebiet. Nach freundlicher (und wie sich herausstellen wird folgenschwerer) Telefonauskunft tritt der Gitarrist eine Stelle als Ranger, zuständig für die Brandwacht, an. Die Waldeinsamkeit tut ihm gut, er erholt sich und findet langsam seine innere Balance wieder. Wenn da nicht die unbestimmte Sehnsucht nach der liebreizend klingenden Telefonistin wäre. Der oberflächliche Groupie-Vernascher verliebt sich in eine Stimme ohne Gesicht.

Dann werden die Festplatten mit den Daten der neuen CD gestohlen und der hyperempfindliche Sebastian findet sich schneller als gewollt in der lärmigen Großstadt wieder. Was folgt ist eine kleine Gaunerplotte, die natürlich mit Sebastians neu gewonnen Fähigkeiten – und einem schwachen, sprich ehrlichen Interviewmoment – zu tun hat.  Doch der Krimifaktor gewinnt nicht Oberhand. Ein bisschen Thrill, der Einsatz der akustischen Überempfindlichkeit im Dienst der guten Sache – und der Weg in die Charts kann angetreten werden. Selbst für die Live-Auftritte Voodoo Psychos fällt dem lauteren Gitarristen eine vorübergehende, virtuelle Alternative ein.  

Jetzt gilt es nur noch die bezaubernde Madlena aufzuspüren, die Samtstimme der Telefonauskunft. Zweifel, dass Sebastian auch dies gelingen wird erschallen von nirgendwo. Eine sanfte Melodie zu Akustikgitarre und Liebesgeflüster und der Sonnenuntergang kann kommen.

„Viel Lärm um mich“ ist ein Buch über Sinneslust. Deren Bedeutung dem Protagonisten erst bewusst wird, als ihm sein Hörsinn schwindet und später eine gravierende Veränderung erleidet. ‚“Leid‘ ist eigentlich das falsche Wort, denn nach dem ersten Schock gewinnt der eitle Musiker einen neuen, schärferen Blick auf sein Leben, der ihm erst dessen Bedeutung und Wert bewusst macht.   Sebastian Lauterbachs Lehrjahre quasi, obwohl es sich eigentlich nur um Monate handelt.

Martell Beigang erzählt davon in lockerem Ton, füllt die Sinnsuche seiner Hauptfigur mit stimmigen Schilderungen, hilft die eigene Wahrnehmung zu schärfen und entwirft eine kleine Odyssee zwischen Angst, Lust, Hoffnung und der Relevanz von Veränderung. Ebenso ist „Viel Lärm um mich“ ein Roman über Freundschaft, Vertrauen und die Kraft der Musik.

Wohltuend vermeidet der Autor Pathos und überbordendes Drama, der lakonische, unaufgeregte Tonfall tut dem Roman gut und gleicht seine Schwächen aus. Als da wären die etwas zu  bilderbuchmäßige Schilderung des Rock’n’Roll-Lifestyle zu Beginn, die Schlimmes erahnen lässt, das dann glücklicherweise nicht eintrifft sowie die ziemlich süßliche und vom Auslöser her zu schwach motivierte Liebesgeschichte. Ein gewerbsmäßiger Anruf von wenigen Sekunden führt zur einzig wahren, großen Liebe, deren körperliche Disposition die derart Auserwählte ebenfalls zu einer Koryphäe in puncto ‚ich höre was, was du nicht hörst‘ macht? Das ist arg dick aufgetragen.

Mindert aber das Lesevergnügen an einem charmanten (von den ersten Seiten abgesehen), oft witzigen und mild spannenden Buch nur marginal.

Cover © Europa Verlag Zürich

Wertung: 10/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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