Juli Zeh – Unterleuten (Buch)

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Juli Zeh - Unterleuten (Cover ©Luchterhand Literaturverlag)Glaubt man Rainald Grebes Brandenburghymne, die auch Eingang in Juli Zehs Gesellschaftsroman Unterleuten gefunden hat, ist Brandenburg ein Ort der Öde, der Langeweile – und der unberührten Natur. Das liegt vor allem daran, dass es wenige Einwohner hat.

Letzteres kann auch von Unterleuten gesagt werden, einem fiktiven Ort mit einer Handvoll Einwohnern, mehrheitlich alteingesessenen. Schon zu DDR-Zeiten schwelten dort die Konflikte zwischen treuen Kommunisten und Regimegegnern bzw. früheren Großgrundbesitzern. Nach der Wende wurden die Karten zwar im Grunde neu gemischt – und doch blieb alles beim Alten.

Im konkreten Fall Unterleuten treten gegeneinander an: Kron, Kommunist und LPG-Angestellter, gegen Gombrowski, Sohn eines Großgrundbesitzers, dessen Boden verstaatlicht wurde. Nach dem Studium der Landwirtschaft war er in die LPG eingetreten und in kürzester Zeit zum Vorsitzenden avanciert, der die LPG zurück in Gewinnzone brachte. Nach der Wende hatte er auf Anraten eines Umwandlungsberaters aus der LPG die Ökologica GmbH gemacht, um möglichst viele Arbeitsplätze zu behalten. Während Kron, der keinerlei positiven Beitrag zum großen Ganzen leistet, es versteht, einige Dorfbewohner hinter sich zu scharen und gegen Gombrowski aufzuhetzen, bleibt Gombrowski, der sich für die Gemeinschaft aufreibt, erstaunlich unbeliebt.

Schon dieser organisch gewachsene Mikrokosmos ist kein Ort der Harmonie und des Friedens. Das gesellschaftliche Gleichgewicht steht zu jedem Zeitpunkt auf Messers Schneide. Doch dann kommen auch noch Zugereiste aus dem Westen hinzu und bringen es völlig aus dem Lot. Da gibt es den Weltverbesserer Gerhard Fließ, einen gescheiterten Akademiker, der mit wesentlich jüngerer Frau und Baby nach Unterleuten gezogen ist, um dort die Leitung des örtlichen Vogelschutzbundes zu übernehmen, und die Pferdetrainerin Linda Franzen, die nach Unterleuten kam, um dort eine Pferdezucht aufzubauen.

Man könnte meinen, die Gemeinsamkeit, als Wessis in ein kleines ostdeutsches Dorf zugezogen zu sein, würde verbinden, doch ihre Interessen lassen sich nicht vereinen, denn Fließ will Franzen eine Weide verweigern, um seine seltene Vogelart besser schützen zu können. Auch hier also keine Harmonie. In diese explosive Mischung wird noch ein Ingolstädter Investor geworfen, der bei einer Versteigerung spaßeshalber in Unterleuten und Umgebung große Flächen erworben hat. Doch es geht erst so richtig rund, als am Rande von Unterleuten ein Windpark gebaut werden soll, damit das Dorf, dem es ständig an Geld fehlt, von der Gewerbesteuer profitieren kann.

Juli Zeh hat in ihrem Roman eine wunderbare Versuchsanordnung geschaffen und dann beobachtet, wie sich die einzelnen Figuren in dieser Konstellation entwickeln, nicht nur im Verhältnis zueinander, sondern auch zu ihrem jeweiligen Partner oder anderen Familienmitgliedern. Es gibt keine eindeutige Hauptfigur, sondern der Leser erfährt sowohl die Vorgeschichte als auch den Fortgang des aktuellen Geschehens aus den verschiedenen Perspektiven der wichtigsten Figuren. Entsprechend kann er sich aussuchen, mit welcher Figur er sich am ehesten identifiziert oder ob er einfach nur als neutraler Beobachter dem bunten Treiben zuschauen möchte.
In Unterleuten treffen zwei Welten aufeinander: die des 20. und des 21. Jahrhunderts. War im letzten Jahrhundert im Großen und Ganzen das Leben wenig komplex und vorhersehbar und die Identitäten so gut wie vorgegeben und recht rigide, so zeichnet sich das 21. Jahrhundert durch fast unbegrenzte Wahlmöglichkeiten aus, was für viele Menschen zur Folge hat, dass sie sich nicht entscheiden können und sich nirgends zu Hause fühlen.

Wie wirkt sich diese Konfrontation nun im Roman aus? Katastrophal. Von der anfänglichen – wenngleich trügerischen – ländlichen Idylle bleibt am Schluss nur wenig übrig. Wer letzten Endes in diesem Roman zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern gehört, ist allerdings überraschend. Allein das macht diesen Roman schon extrem lesenswert.

Als kleines Extra hat Juli Zeh für die Spielernaturen unter ihren Lesern noch einige Webseiten in den Roman eingebaut, die sie auch tatsächlich liebevoll hat einrichten lassen. Ein unterhaltsames Klickerlebnis.

  • Autor: Juli Zeh
  • Titel: Unterleuten
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
  • Erschienen: 2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 640
  • ISBN: 978-3-630-87487-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Christina Brunnenkamp


„Mit viel Faulheit fing es an“ hieß mein allererstes Druckschriftbuch – und was bin ich froh, dass meine Kinder weniger moralisierende Bücher lesen können! Trotzdem habe ich seit jener Zeit immer ein Buch zur Hand, sei es in Papierform oder elektronisch. Schon vor Langem wurde ich deshalb von meinen Freunden zum Leseratgeber erkoren – und weil ich so gerne Menschen zum Lesen anstifte, teile ich meine Leseeindrücke heutzutage online.

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Juli Zeh – Unterleuten (Buch)

von Christina Brunnenkamp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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