Gitta Mikati – Berlin Beirut. Eine Lüge zuviel (Buch)

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Gitta Mikati - Berlin Beirut - Cover © Divan VerlagBeim Ausheben des Teiches, den Jasmin ihrem Onkel zum Geburtstag schenken möchte, findet sie eine Leiche, neben der eine Polaroidkamera liegt. Als sie ihrem Onkel und ihrer Mutter den grausigen Fund zeigt, erfährt sie zum ersten Mal mehr über ihre eigene Geschichte.

Onkel Albert (in Berlins Nachtleben der 70er besser bekannt als Ali) ist Besitzer des Big Apple, einer Diskothek. Außerdem verschiebt er Autos in den Libanon, verkauft dort Visa und schmuggelt Libanesen nach Westberlin. Ihre Schulden müssen sie bei ihm abarbeiten. Im Frühjahr 1977 schleust seine Nichte Maria (und Jasmins Mutter) Mahmoud nach Westberlin. Nach anfänglichen Missverständnissen arbeitet er zunächst im Big Apple und später als Mechaniker in der Werkstatt. Maria findet Mahmoud sympathisch und setzt sich gegenüber ihrem Onkel für ihn ein. Als Leute für einen Autokonvoi in den Libanon ausfallen, springen die beiden ein und fahren mit drei anderen Teams. Auf dem Weg in den Libanon begreift Maria, dass Hassan, ein Angestellter von Albert, ihn um sein Geld betrügt. Doch zunächst plagen sie andere Sorgen. Sie erwartet ein Kind von Mahmoud und startet den Versuch, ein Leben ohne Kriminalität zu führen.

Das Buch ist düster. Es zeichnet eine Welt auf, die zwar selbst gewählt, am Ende aber doch aussichtslos erscheint. Der Leser hat zunächst das Gefühl, dass Maria glücklich ist als Kassiererin im Big Apple. Doch schon bald wird offensichtlich, dass sie an mehreren Fronten kämpft. Zum einen für die Achtung und die Wertschätzung durch ihren Onkel; Dieser liebt sie zwar über alles und schätzt ihre Unterstützung beim Geschäftsbücher frisieren, hält sie  aber eigentlich für ein unerfahrenes Mädchen. Erst nach und nach gelingt es ihr seine Anerkennung zu gewinnen. Zum anderen versucht sie, sich vor den Mitarbeitern ihres Onkels als Respektperson zu behaupten.

Die Rahmenhandlung wird aus Yasmins Sicht wiedergegeben. Die Haupthandlung ist die Erzählung von Maria an Yasmin. Es ist in kurzen und prägnanten Sätzen erzählt, in denen auf ausschweifende Erklärungen und Gefühle verzichtet wird. Maria erzählt die Geschehnisse so, wie sie diese aus ihrer Sicht erlebt hat, ohne sie zu verklären. Dadurch wirkt die Atmosphäre fast immer erdrückend. Nur die Momente in denen Maria für ihre kleine Familie kämpft erscheinen wie ein Silberstreif am Horizont.

Aufgrund ihrer Kämpfernatur weckt Maria schnell Sympathien. Jeder Hoffnungsschimmer stimmt den Leser froh, dass sie endlich ihre Ziele erreicht. Trotzdem rutscht sie immer wieder von einer ausweglosen Situation in die nächste. Dabei kann sie sich selten auf ihre Feunde und Familie verlassen, da jeder eigene Ziele verfolgt. Am Ende weiß keiner mehr, wem man noch trauen kann und wer hier wen verrät. Jeder ist auf sich alleine gestellt.
Häufig erfährt der Leser zu den Personen keine Hintergründe. Besonders die Nebenfiguren wirken austauschbar und sind häufig nur schemenhaft charakterisiert. Dennoch wirkt das Buch durch die vielen Dialoge und die lebensnahe Maria realistisch und menschlich.

Einziger Kritikpunkt ist, dass die Verhältnisse, wie genau das Schmuggeln funktioniert, sowie einige andere Zusammenhänge durch die knappe Sprache nicht gut deutlich werden. Auch aus dem erklärenden Anhang wird der Leser nicht richtig schlau, zumindest ohne gute Kenntnisse von Ost- und Westberlin.

„Berlin Beirut. Eine Lüge zuviel“ ist sehr kurzweilig geschrieben und gut lesbar, dabei regt es auch zum Nachdenken an. Welche Chancen bekommt wer? Und haben alle die gleichen Chancen? Verbauen sich Menschen ihre Chancen selbst oder wissen sie es manchmal einfach nicht besser? Die Sprache, welche eher zu einer gesprochenen Erzählung als einem geschrieben Text passt, unterstreicht den Inhalt des Buches. 

Cover © Divan Verlag

Wertung: 10/15 Big Apples


Über den Autor

Josefine K.


Im Ruhrpott aufgewachsen, zog es mich zum Studieren in den Norden. Seitdem ich lesen konnte, verschlang ich alles, was Buchstaben hatte. Zu Weihnachten und an Geburtstagen freute ich mich auf neuen Lesestoff, und die Stadtbibliothek besuchte ich regelmäßig, um stapelweise Bücher nach Hause zu tragen und in ihnen zu schmökern.

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Gitta Mikati – Berlin Beirut. Eine Lüge z…

von Josefine K. Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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