Mörderland (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Spanien 1980. General Franco ist seit fünf Jahren tot, die erste demokratisch gewählte Regierung gerade einmal drei Jahre im Amt. Überall sind die alten, faschistischen Strukturen noch präsent und damit auch die Personen, die sie prägten. Im Hotelzimmer der beiden Polizisten, die ins Marschland unterhalb Sevillas geschickt wurden, um in einem Vermisstenfall zu ermitteln, hängt noch ein Kruzifix in dessen Ecken Passfotos von Hitler, Mussolini und selbstverständlich Franco angebracht sind. Pedro, der jüngere der beiden Ermittler lässt das Kreuz angewidert in der Nachttischschublade verschwinden.

Während des alljährlichen Jahrmarkts im Sommer sind zwei jugendliche Schwestern verschwunden. Pedro und sein Kollege Juan beginnen mit der Suche und finden bald heraus, dass es nicht die ersten Vermisstenfälle in der Gegend sind. Immer trifft es junge, hübsche Frauen während der Krirmesszeit. Als die Leichen der Geschwister auftauchen, wird schnell klar, dass ein Serienkiller sein Unwesen treibt. Die beiden Polizisten ermitteln akribisch und mit Härte, wenn es erforderlich scheint, stoßen auf kleinere und größere Verbrechen, die nebenbei abgehandelt werden. Sie bewegen sich als störende Fremdkörper durch die dörfliche Gemeinschaft, in der fast jeder verdächtig ist: Familie, Freunde, Saisonkräfte, Jagdaufseher; Großgrundbesitzer und streikende Arbeiter. Zwischen Verzweiflung, Armut, Langeweile und purer Lust verbergen sich unterschiedliche Motive für die brutalen Vergewaltigungen und Morde. Ein komplexes Geflecht aus Abhängigkeiten, Sehnsüchten und kriminellen Gelüsten. Partiell wird es entwirrt, doch wenn die Ermittler sich zurück Richtung Madrid orientieren, bleibt vieles so verschlungen und modrig wie das Flussdelta des Guadalquivir.

„Mörderland“ zeigt nicht jenen Teil Spaniens, in dem der Tourismus boomt (und auch während der Franco-Jahre florierte), sondern jenen Part, in dem Tagelöhner von den Erträgen der Landwirtschaft leben, Fischer tagtäglich aufs Meer hinausfahren, um hart an Deck zu schuften, und die Verlockungen kleinerer und größerer illegaler Geschäfte eine Verheißung sind, wegzukommen aus diesem Landstrich, der „seine Bewohner verschlingt“, in dem der Guadalquivir schmutzigbraunes Wasser durch Seitenarme führt, die von oben aussehen wie ein Fingerabdruck oder verquollene Gehirnwindungen. Und zwischendurch fällt infernalischer Regen.

Regisseur Alberto Rodriguez lässt seinen Film mit einer Luftaufnahme beginnen, und setzt diese im weiteren Verlauf immer wieder kommentierend und begleitend ein. In „Mörderland“ erzählen nicht nur Menschen Geschichten, sondern auch die Topographie. Die Bevölkerung – bis auf den reichen Großgrundbesitzer Don Alfonso – lebt mehr schlecht als recht von dem, was das Marschland hergibt. Deshalb ist die Versuchung groß, den Lebensstandard durch Drogenhandel, Hehlerei oder Wetten zu verbessern, während sich flügge werdende Mädchen von der Möglichkeit in der Touristik Arbeit zu finden, wegzukommen nach Málaga oder anderswohin, verlocken lassen. Könnte sich alles als leere und teilweise tödliche Versprechung entpuppen.

Der Kriminalfall wird fast bedächtig ausgerollt, die stattfindende Gewalt besitzt einen realistischen Anstrich und äußert sich in kurzen, brutalen Attacken, oft auch nur durch verbale Artikulation. Die beiden Beamten aus der Metropole sind viel unterwegs, führen Gespräche, beobachten, setzen Puzzlestück für Puzzlestück zusammen und bekommen doch nur einen Teil des Ganzen zu sehen. Selbst wenn am Ende ein Mörder und sein(e) Helfer überführt werden, bleibt der Eindruck, dass etwas Wichtiges fehlt. Ein Drahtzieher oder ein Gesamtzusammenhang.

Doch der Film gönnt uns keine tröstliche Antwort, schon gar keine einfache. Die beiden Polizisten werden wieder zurück nach Madrid fahren, Pedro in eine vermutlich angenehmere Zukunft, und Juan um an Prostatakrebs zu sterben. An der Flussmündung wird das Leben weitergehen wie zuvor. Immerhin wurde ein Mörder gefasst, ein weiteres Opfer gerettet, die streikenden Arbeiter haben einen Etappensieg erreicht. Armut und Ausweglosigkeit wird es kaum mindern.

„Mörderland“ ist enorm spannendes, hervorragend inszeniertes Kino. Die vorherrschende Sepiatönung wird äußerst sinnvoll eingesetzt, korreliert mit dem Marschland und dem brackigen Wasser der zahlreichen Flussarme. Über der gesamten Szenerie liegt eine Atmosphäre der latenten Bedrohung und Verzweiflung. Selbst das leuchtende Gelb der Felder betont nur die Verlassenheit der Figuren, die sich in diesem Gebiet bewegen oder stillstehen. Die Kamera bleibt dicht an den Figuren und entfernt sich während der Landschaftsaufnahmen, schafft so eine perfektes Austarieren zwischen intimen Skizzen und der Erfahrung des Räumlichen. Unterstützt wird diese analytische und stimmungsvolle Ausgestaltung von einem exzellenten Soundtrack, der keine Lautstärke und erhöhtes Tempo braucht, um seine bohrende Intensität zu entfalten.

Vergleiche mit der ersten „True Detective“-Staffel liegen, nicht nur aufgrund der Figurenkonstellationen, nah, doch geht „Mörderland“ die mystische, ins esoterisch-philosophische abdriftende Dimension und Geschwätzigkeit des dennoch faszinierenden amerikanischen Mehrteiles fast völlig ab. Viel wichtiger ist die spanische Historie, die das Polizistenduo auf Schritt und Tritt begleitet, es gar teilt.

Pedro ist der modernere, aufgeklärte Ermittler, während Juans Vergangenheit im Regime Francos wahrscheinlich von Folter und Mord geprägt ist. Das legen zumindest ein Journalist und von ihm bearbeitetes Fotomaterial nahe. Doch folgt der Film keinem platten guter Cop/böser Cop-Schema. Juan darf sich verletzlich und loyal zeigen und Pedro zaudernd. So schreitet er nie ein, wenn Juan mittels rabiater körperlicher Gewalt gegen Zeugen und Zeuginnen vorgeht, um Ergebnisse zu erzielen. Spanien mag im Wandel begriffen sein, doch manches bleibt konstant.

Was auch die Machtverhältnisse betrifft. Die Beamten der Guardia Civil sind korrupt, der Großgrundbesitzer Alfonso ist nicht antastbar und ein Vorgesetzter achtet darauf, dass Juan und Pedros Ermittlungen nicht zu sehr in die Tiefe reichen. Alberto Rodriguez vermeidet Geschwätzigkeit und pathetische Emotionalität. Vieles erklärt sich im Beiläufigen, durch Gesten, Blicke und Handlungen. Was dank der komplett überzeugenden Besetzung glaubhaft und eindrücklich gelingt.

Das ist ist europäisches Kino vom feinsten, welches einen Einsatz auf der großen Leinwand mehr verdient hat als manch hohler, eindimensionaler und trotzdem überdimensionierter amerikanischer Blockbuster. Die Heimversion überzeugt neben dem Hauptprogramm mit einer ungewöhnlich reichen, filmbezogenen Bonussektion. Vom Drehtagebuch, über Making Of, entfallenen Szenen, Storyboard und vielem mehr sind die Extras zahlreich und sehenswert. Grandioses Gesamtpaket.

Cover & Szenenfotos  © Koch Media

  • Titel: Mörderland
  • Originaltitel: La isla mínima
  • Produktionsland und -jahr: Spanien 2014
  • Genre: Krimi, Polizei-Thriller, Drama
  • Erschienen: 27.10.2016
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
     
    101 Minuten auf DVD
     
    105 Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller: 
    Javier Gutiérrez
    Raúl Arévalo
    María Varod 
    Perico Cervantes
    Salva Reina
    Antonio de la Torre
    Ana Tomeno
    Jesús Castro i
  • Regie: 
    Alberto Rodríguez
  • Drehbuch:
    Rafael Cobos     
    Alberto Rodríguez
  • Musik: 
    Julio de la Rosa
  • Extras:
    Making of, Outtakes, Entfallene Szenen,
    Videotagebuch, Behind the Scenes,
    Spezialeffekte, Musik, Artworks,
    Storyboard, Drehbuch, Kinotrailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2.40:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, Spanisch, Dolby Digital 5.1
    Untertitel:
    Deutsch
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2.40:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    : Deutsch, Spanisch, DTS HD-Master Audio 5.1
    Untertitel: 
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink Blu-Ray
    Download des fantastischen Soundtracks
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 verästelten Flußläufen


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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