I am not your negro (Dokumentarfilm, Kino)

0
0
0

Mittwochabend im Hackesche Höfe-Kino: „I am not your negro“; eine Dokumentation über die Farbige Bürgerrechtsbewegung in den USA aus der Sicht ihres erklärten Chronisten James Baldwin.

Zuvor der Trailer:

„Axolotl Overkill“ – Was kann man noch sagen? Der Hype um Helene Hegemann und ihr Buch hat seiner Zeit schon schrecklich genervt. Der ebenso unsympathische wie unappetitliche Trailer macht auch keine Lust auf die filmische Adaption.
Filmstart: 29. Juni 2017

Nach nur einem Trailer wird es still im mäßig besetzten Saal, nur noch das Popcorn raschelt. In der Manteltasche auf dem Nachbarsitz liegt „Sonny Blues“. Es beginnt: „I am not your negro“.

I am not your negro-Cover©Edition Salzgeber

Der weiße Moderator befragt seinen farbigen Gast, warum sich die Afroamerikaner trotz Sklavenbefreiung und großzügig gewährter gesellschaftlicher Teilhabe mit ihrer Situation in den USA der 1960er-Jahre nicht zufriedengäben. Der schenkt ihm ein bitteres Lächeln; die Intonation seiner Antwort ist scharf und so sind seine Worte.

Bereits der Deutschunterricht und später das Literaturstudium lehren, dass die Biographien von Kunstschaffenden in den seltensten Fällen ein guter Zugang zur umfassenden Interpretation ihrer Werke darstellen; nichts ist so ausgetreten, wie der Pfad von Kafkas katastrophaler Vaterbeziehung zu seiner „Verwandlung“. So richtig der Lehrsatz erscheint, als so falsch erweist sie sich, wenn man einen größeren Kontext als den mehrheitlichen annimmt, denn natürlich gibt es Urerfahrungen im Leben, die, egal ob an der Oberfläche präsent oder tief im Schatten des Unterbewusstseins begraben, jede Regung, jede Lebensentscheidung und jede Äußerung von Kunstschaffenden prägen.

In aufrüttelnden Bildern und mit den pointierten Worten des Schriftstellers James Baldwin (mal im Originalton, mal gelesen von Samuel L. Jackson) zeichnet Regisseur Raoul Peck das Bild einer solchen Erfahrung. „I am not your negro“ basiert auf dem autobiographischen Fragment des Autors, das die Farbige Bürgerrechtsbewegung entlang ihrer drei prägendsten Todesfälle begleitet: Medgar Evers, Malcom X und Dr. Martin Luther King. Es ist eine Collage aus TV-Bildern, Briefen Baldwins an seinen Verleger, rhetorisch brillanten Interviews und gelesenen Textausschnitten.
Die besonders aufrüttelnde Wirkung zieht der Film aus der Überschneidung historischer und zeitgenössischer Bilder. Manche von Baldwins Worten könnten ebenso gut Kommentare zur Ermordung Michael Browns in Ferguson 2014 und den nachfolgenden Unruhen sein. Genau wie der „White Power“-Mob, der den Farbigen in den 1950ern und 60ern die Rechte auf Bildung, öffentliche Beförderung oder Wahlen verwehren wollte, erschreckende Ähnlichkeit mit manchem hat, was heute über europäische oder amerikanische Nachrichtenbildschirme flimmert. Pecks Kunststück liegt bedauerlicherweise in der Bestätigung, dass Baldwins Worte auch 30 Jahre nach dessen Tod nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Im Interview mit Jimmy Kimmel spricht Samuel L. Jackson davon, wie weit Amerika in 50 Jahren seit Baldwin nicht gekommen ist.

Einziger Wermutstropfen der starken Dokumentation: James Baldwin war nicht nur Farbiger unter Weißen, er war auch Homosexueller unter Heterosexuellen. In seinem literarischen Werk verbinden sich beide Eckpunkte: einerseits das Erschrecken des farbigen Kindes, das in einer weißen, aparten Gesellschaft erkennt, dass all die weißen Filmheld*innen, Schaufenstergestalten und Werbefiguren sein Gesicht nicht spiegeln, und andererseits das Erschrecken des Jungen, über das eigene Begehren, das ihn selbst innerhalb der Gruppe der Marginalisierten zum Außenseiter macht. Beides – Homosexualität und Hautfarbe – waren für Baldwin Chiffren der weißen Mehrheitsgesellschaft für das Andersartige und Abseitige, was sich vor allem in seinen Büchern zeigt, die voll vom Begehren des Anderen und den gesellschaftlichen Kämpfen sind, die damit einhergehen. (Besondere Leseempfehlung von Baldwins Büchern für die Transpersonen, die über die Angleichung hinweg mit ihren Partner*innen zusammenleben.)

Fazit: „I am not your negro“ ist ein kompromissbereiter, aber aufrüttelnder Dokumentarfilm über einen kompromisslosen, rhetorisch scharfen Denker und Kämpfer: „I’m not a nigger, I’m a man. When you think I’m a nigger it means really you have to find out why.“ In diesem Satz lässt sich James Baldwin als Vordenker des berühmten Titels Rosas von Praunheim „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ lesen.

Cover © Edition Salzgeber

  • Titel: I am not your negro
  • Originaltitel: I am not your negro
  • Produktionsland und -jahr: USA,Frankreich, BElgien, Schweiz, 2017
  • Genre: Dokumentation
  • Kinostart: 30.03.2017
  • Label: Edition Salzgeber
  • Spielzeit: 95 Minuten
  • Darsteller: Samuel L. Jackson (Sprecher) 
  • Regie: Raoul Peck
  • Drehbuch:
    James Baldwin (basierend auf „Remember this House“)
    Raoul Peck
  • Schnitt: Alexandra Strauss
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Website zum Film

Wertung: 13/15 dpt

Print Friendly, PDF & Email
0
0

Über den Autor

Henri Vogel

0
0

Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

∇ mehr über Henri/Kontakt
Print Friendly, PDF & Email
0
0

Schreibe einen Kommentar

Kommentiere als Erste(r)!

Benachrichtigung, wenn:
avatar
wpDiscuz

I am not your negro (Dokumentarfilm, Kino)

von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
0