Gimme Danger (Musik-Dokumentation, DVD/Blu-ray)

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Iggy Pop, Jim Jarmusch, Film, Musik: Es ist eine ganz besondere Verbindung zwischen den beiden Künstlern. Iggy konnte durch Jim sein Interesse für das Medium Film ausleben und ist aus dem verschrobenen Jarmusch-Universum nicht wegzudenken. Gleichzeitig fühlt sich Jim nicht nur durch die Person Iggy Pop, sondern auch durch dessen Musik inspiriert. Jetzt möchte der Regisseur dafür „danke“ sagen und verneigt sich als Fanboy ganz tief vor seiner Jugendliebe. Die Dokumentation „Gimme Danger“ erzählt die Geschichte von „The Stooges“ und kommt von Herzen – mit allen Vor- und Nachteilen.

Der Film beginnt mit einem Allzeit-Tief: Die Stooges sind am Ende und das schon im Jahr 1974. Nach nicht einmal sieben Jahren Bandgeschichte versinkt die Band im Drogensumpf und steht ohne Plattenvertrag da. Bis dahin war ihre Karriere zwar gut, aber nicht dem eigenen Stellenwert in der Musikgeschichte entsprechend verlaufen. Die erzählenswerte Geschichte der verkannten Genies, die erst im Nachhinein für ihren Einfluss wertgeschätzt werden, ist mittlerweile ein Standard in der Kinowelt. Im Falle von The Stooges ist der Plot aber nicht nur erzählenswert, weil er sich tatsächlich zugetragen hat und sie eine der ersten Bands waren, die dieses Schicksal ereilt hat. Sie waren ohne Zweifel mehr, als ihr roher Proto-Punk es auf den ersten Höreindruck vermuten lässt.

Der wild tanzende, sich verrenkende Iggy Pop mit freiem Oberkörper und Hundehalsband wurde zur Ikone einer Generation, die genug von den 1960ern hatte. Anarchie, Härte und Exzess waren die neuen Parameter der Jugendmusik, eben „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“. Irgendwie haben die Stooges auch das erfunden. Dass die anderen Bandmitglieder auf der Bühne eher passiv blieben, störte nicht weiter, Hauptsache sie kreierten diese unwiderstehliche Soundwand. Hinzu kamen experimentelle Stücke wie „We Will Fall“ oder „Dirt“, die mit einem minimalistischen Drei-Riff-Rocker rein gar nichts zu tun haben. Punk, Rock und auch Metal, all diese Genres haben sich etwas von The Stooges einverleibt.

Für Jim Jarmusch ist es die beste Band aller Zeiten, weil sie all das vereint, wofür sich der Regisseur zu begeistern weiß. Schon immer steht Rohheit und der Do-It-Yourself-Gedanke im Mittelpunkt von Jarmusch‘ Filmen, immer geht es um das kaputte Amerika und vornehmlich um das Leben in der Provinz. Und ohne prominent eingesetzte Musik wäre sein Werk gar nicht vorstellbar. Wenn sich Jarmusch einem Thema oder einem Menschen verschreibt, dann kümmert er sich obsessiv um die Umsetzung. Einmal versuchte er sich schon an einer Musikdokumentation, als Begleitung der Neil Young & The Crazy Horse-Tour 1996 konnte „Year Of The Horse“ aber nicht wirklich überzeugen.

„Gimme Danger“ gelingt besser, wirklich außergewöhnlich ist der Film jedoch nicht geworden. Jarmusch erzählt die Geschichte der Stooges chronologisch und verschneidet Interviews mit historischen Aufnahmen. So weit, so vertraut. Etwas rausreißen kann es die lockere Art, mit der Jarmusch zu Werke geht. Hier und da werden Komikdarstellungen von dem gerade Erzählten eingestreut, die recht anschaulich die subjektive Position des außenstehenden Zuhörenden illustriert, der sich einen Reim auf die verrückte Zeit zu machen versucht. Ansonsten ist „Gimme Danger“ eine typische Dokumentation, vielleicht mit ein wenig mehr Liebe gemacht. Das Arthaus-Label von Studiocanal unterstützt diesen Ansatz mit einer liebevoll gestalteten Home-Entertainment-Version im Schuber inklusive Poster.

Interessant sind der Stoff und die beteiligten Personen allemal, die Geschichten über das Zusammenfinden und Wirken der Band, diese ganz besondere Chemie zwischen musizierenden Menschen, die eigenen Hintergründe und das angespannte Verhältnis zur kommerziellen Musikindustrie. Iggy Pop ist ein dankbarer Interviewgast, immer fällt ihm eine Geschichte ein, von der er anschaulich berichtet. Glücklicherweise verliert sich Jarmusch nicht in Gute-Alte-Zeiten-Anekdoten von melancholischen Altrockern, sondern setzt größtenteils richtige Cuts. Wünschenswert wäre ein detaillierterer Blick auf die musikalische Seite gewesen, der im Vergleich zur historischen Einbettung und zur Bewertung des Einflusses auf die Musikwelt etwas vernachlässigt wird. Über den größeren Einbezug von Musik hätten die interessanten Verbindungen zu anderen MusikerInnen die Geschichte vermutlich von ganz alleine erzählt. 

Dadurch, dass Jarmusch sich erst gar nicht die Mühe macht, sein Fansein zu verschleiern, bekommt „Gimme Danger“ eine dementsprechende Schlagseite. Der Tod, der leider etwas zu häufig zur Geschichte der Stooges gehört, wird zu oberflächlich behandelt, denn das teilweise frühe Verscheiden wird sicher auch etwas mit dem Lebensstil der ersten Jahre zu tun haben. Gleiches gilt für das Schicksal der Bandmitglieder, die sich nach 1974 in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelten. Es wird zwar davon berichtet, dass sich alle außer Iggy – der über David Bowie zum gefeierten Star wurde – teilweise mit „normalen“ Jobs durchschlagen musste, die tragische Seite der fehlenden Anerkennung in Form von kaum ausreichendem Geld wird aber ausgeblendet. Aus dieser Sicht bewertet kam es über Dinosaur Jr.s J Mascis 2003 glücklicherweise zur Reunion, die in den späteren Jahren entschädigte, aber auch hier verschweigt Jarmusch, dass die beiden danach entstandenen Alben unnötig wie ein Kropf waren.

Jarmusch verklärt die Band und das, wofür sie steht, im Stile eines Fans. Ob man ihm daraus wirklich einen Strick drehen kann, darf bezweifelt werden, zur Verehrung einer Band gehört auch zu einem gewissen Teil die rosarote Brille. Dennoch wirkt „Gimme Danger“ wie eine Abrechnung mit all denen, die nie an The Stooges glaubten, die es aber eigentlich nicht mehr gebraucht hätte. Die Band ist heute längst angekommen und wird für ihren Einfluss respektiert. Was könnte für Jarmusch also noch interessant sein? Der 50-jährige Geburtstag erinnert den Regisseur vielleicht an eine Zeit, in der es aufregender war und in der es noch etwas zu entdecken gab. Dass sich der Geist der Vergangenheit aber nicht einfangen lässt, zeigen die bereits genannten Alben. Die Zeiten, in denen eine Band einen Song zum ersten Mal bei der Aufnahme spielt, sind schon lange vorbei. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach etwas Neuem, dem er sich mit Haut und Haaren verschreiben kann. Denn das ist, was Jarmusch ausmacht: Sein ungezügelter Hang zur bedingungslosen Liebe. Nur findet er in seinen Filmen darin schönere Facetten, auch in der Dunkelheit.

FAZIT: „Gimme Danger“ ist eine typische Dokumentation über eine außergewöhnliche Band. Schlecht ist der Film über den Werdegang von The Stooges keinesfalls, dafür agiert Regisseur Jim Jarmusch mit zu viel Liebe (zum Detail). Es fehlt jedoch an einer eigenständigen Machart, die als Alleinstellungsmerkmal wirken könnte. Außerdem verklärt Jarmusch The Stooges mit seinem Blick als Fan und blendet die dunklen Seiten der Bandgeschichte etwas zu häufig aus. Im Stil eines „Von Fan für Fans“-Films geht das in Ordnung, viel mehr braucht man in „Gimme Danger“ aber nicht zu suchen.Cover und Bilder © Studiocanal

  • Titel: Gimme Danger – Über den Mythos The Stooges
  • Originaltitel: Gimme Danger
  • Produktionsland und -jahr: USA 2016
  • Genre:
    Dokumentation
    Musikfilm
  • Erschienen: 07.09.2017
  • Label: Arthaus
  • Spielzeit:
    104 Minuten auf 1 DVD
    109 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Iggy Pop
    The Stooges
  • Regie: Jim Jarmusch
  • Kamera: Tom Krueger
  • Extras:
    Exklusive Clips: Shake Appeal live aus 2011 – Mitschnitt des Tributkonzerts zu Ehren von Ron Asheton, A ride around Ann Arbor – Tour durch Ann Arbour, der Geburtstätte von The Stooges, Featurette: Iggy’s Wild Noises, Deleted scene: Animation Private Plane
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1,78:1 anamorph
    Sprachen/Ton
    :
    GB
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1,78:1 1080/24p Full HD
    Sprachen/Ton
    :
    GB
    Untertitel:
    D
  • FSK: 6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 8/15 dpt


Über den Autor


Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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