Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore Teil 1 (Buch)

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Haruki Murakami - Die Ermordung des Commendatore (Cover © Dumont)«In jedem Menschen findet sich, wenn man tief in sein Inneres blickt, unweigerlich ein Licht, das zum Vorschein kommt, sobald man seine beschlagene Oberfläche (und die haben wahrscheinlich viele) mit einem Tuch reinigt und poliert.»

Dieses Licht an die Oberfläche zu bringen, ist der Job des namenlosen Erzählers. Er ist Künstler und verdient sein Geld als Porträtist. Als seine Frau ihn verlässt, begibt er sich zunächst auf eine ziellose Reise quer durch Japan und zieht sich schließlich in das leerstehende Haus eines berühmten Malers zurück, das einsam auf einem Berg liegt. Dort möchte er der Porträt-Malerei den Rücken kehren und endlich wieder kreative Werke erschaffen. Während er auf die zündende Idee wartet, verdient er seinen Lebensunterhalt mit Malkursen im Ort. Eines Tages findet er ein sonderbares Gemälden auf dem Dachboden: „Die Ermordung des Commendatore“. Das Bild zieht ihn unaufhaltsam in seinen Bann und offenbart mysteriöse Einblicke in die Vergangenheit des Hausherren, der dieses Meisterwerk erschaffen zu haben scheint. Doch mit dem Fund häufen sich merkwürdige Ereignisse. Insbesondere der nächste Nachbar Wataru Menshiki, der dem Erzähler eine ungeheure Summe für ein von ihm gezeichnetes Porträt bietet, wirft unzählige Fragen auf, wird aber zugleich zu einem wichtigen Verbündeten. Was hat es mit dem Commendatore und dem seltsamen Nachbarn auf sich?

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Eines vorweg: Einmal mit dem Murakami-Virus infiziert, liest man seine Bücher nicht aufgrund eines Klappentextes. Man liest sie, weil sie von ihm geschrieben wurden. Man liest sie, weil er aus jedem Thema etwas Besonderes macht. Man liest sie, weil er einer der besten Erzähler unserer Zeit ist. Seine Romane sind wunderbar außergewöhnlich und entführen den Leser in eine andere Welt. 

In dieser in zwei Teile gegliederten Geschichte – zum zweiten Teil geht es hier – schmeißt einen bereits der Prolog mitten in Murakamis Universum. «Als ich heute nach einem kurzen Mittagsschlaf erwachte, sah ich den „Mann ohne Gesicht“ vor mir. Er saß auf einem Stuhl gegenüber dem Sofa, auf dem ich geschlafen hatte, und blickte mich aus seinen nicht vorhandenen Augen an.» – so beginnt der Bericht unseres namenlosen Erzählers und sofort ist klar: Es wird herrlich seltsam.

Zunächst lernen wir den Erzähler jedoch besser kennen, erfahren, wie er malt, was ihm wichtig ist und wie er bislang gelebt hat. Durch das Porträtieren kann er andere Menschen verstehen und ihr Innerstes sehen – sich selbst versteht er aber letztlich nicht. Er ist ein verletzlicher, unsicherer, für den Leser sehr offener Charakter, der die Zeit in dem einsamen Haus auch dazu nutzen möchte, zu sich selbst zu finden. Viele Gedanken kreisen dabei um seine geliebte Schwester, die im jungen Alter von 13 Jahren verstorben ist. Ihren Tod hat er nie richtig verwunden. Gleichzeitig erzählt er uns sehr offenherzig von seiner zukünftigen Ex-Frau, über die er nicht hinwegkommt, und den sexuellen Begegnungen, die er im Laufe seines Lebens unterhalten hat. Insgesamt ist das Buch durchzogen von zwischenmenschlichen Beziehungen verschiedenster Art und Tiefe. Besonders eigentümlich scheint die Beziehung zu Menshiki, dessen Name so viel bedeutet wie „Farbe vermeiden“. Allein dieser Umstand lässt den Leser bereits rätseln, welche Auswirkungen das Aufeinandertreffen der ungleichen Charaktere noch haben wird.

Obwohl der Fokus ganz klar auf dem Erzähler liegt, erfahren wir auch immer mehr über Menshiki. Doch je besser wir ihn kennenlernen, desto mysteriöser wirkt er. Das Zusammenspiel der beiden Figuren ist spannend und wirft zahlreiche Fragen auf. Mit jeder Seite scheinen den Erzähler mehr Geheimnisse zu umgeben, die wir gemeinsam mit ihm entschlüsseln wollen. Die Ereignisse aus seiner Sicht zu verfolgen, dabei immer wieder auch Einblicke in seine Vergangenheit zu erhalten und unseren eigenen Gedanken zu den eigentümlichen Vorkommnissen freien Lauf zu lassen, zieht uns tief in die Geschichte und macht unheimlich neugierig auf die Auflösung.

Murakami hat einen faszinierenden Sinn fürs Detail. Seine bisweilen ausufernden, aber niemals langweiligen Beschreibungen, die bildhaft, manchmal poetisch und voller Metaphern sind, entführen den Leser voll und ganz in seine Welt. Zugleich wartet der Autor mit einer riesigen Fülle an interessanten Fakten zu Kunst und Oper sowie geschichtlichen Ereignissen auf. Zwischen den Zeilen steckt dabei ein feiner, unterschwelliger Humor, der immer wieder hervorblitzt und das Gelesene auflockert. Die Kunst steht zwar eindeutig im Vordergrund, nimmt viel Raum in der Handlung ein und wird jeden Kunstliebhaber in Begeisterungsstürme versetzen, aber auch kunstferne Leser können sich wunderbar in den Schilderungen des Erzählers verlieren und die Faszination für sein Handwerk nachvollziehen. Trivial und einfach wegzulesen ist dieses Buch nicht – wie keines des Autors. Er verlangt seinen Lesern durchaus etwas ab. Seine Werke zu lesen, ohne sich komplett darauf einzulassen, mitzudenken und die Handlung aufmerksam zu verfolgen ist schlicht unmöglich. Das Schöne daran ist, dass man all das gerne auf sich nimmt und es einfach Spaß macht, diese andere Welt zu betreten.

Fazit: Einmal mehr hat uns der Japaner Haruki Murakami eine im wahrsten Sinne des Wortes fantastische Geschichte geschenkt. Dass sie zweigeteilt ist macht das Ganze ebenso spannend wie gemein – denn am Ende könnte das Fragezeichen kaum größer sein. Glücklicherweise dauert es nur wenige Monate bis zur Fortsetzung. Die Handlung in „Die Ermordung des Commendatore“ ist durch und durch typisch Murakami. Geheimnisvoll, übersinnlich, sprachlich eine Wucht, komplex, ungewöhnlich – ein Buch, für das man sich Zeit nehmen muss und möchte.

Einen extra Punkt gibt es daneben für die wunderschöne Umschlaggestaltung. Allein deswegen freut man sich jedes Mal darauf, das Buch wieder in die Hand zu nehmen.

Cover © Dumont

  • Autor: Haruki Murakami
  • Titel: Die Ermordung des Commendatore Teil 1
  • Teil/Band der Reihe: 1 von 2
  • Originaltitel: Kishidancho goroshi
  • Übersetzer: Ursula Gräfe
  • Verlag: Dumont
  • Erschienen: 01/2018
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 480
  • ISBN: 978-3-8321-9891-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 15/15 klingelnde Glöckchen


Über den Autor

Jasmina Driller


Ich halte es wie Herbert Grönemeyer: Bochum, ich komm‘ aus dir! Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, habe ich nicht nur Germanistik studiert und die Liebe zum Schreiben entdeckt, sondern lebe, lese und lache ich mit Mann, Kind und zwei Katzen. Dabei immer im Ohr: Rock(’n’Roll), von den 50er-Jahren bis heute. Jede freie Minute stecke ich meine Nase in Bücher oder auch in meinen Kindle, meist sogar parallel.
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Haruki Murakami – Die Ermordung des Commen…

von Jasmina Driller Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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