Julia Jessen – Die Architektur des Knotens (Buch)

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Julia Jessen Die Architektur des Knotens (© Cover Antje Kunstmann Verlag)Was treibt einen Menschen an?

Was passiert in einem drin, wenn das Leben nicht das bereit hält, was man von ihm erwartet? Wie geht man damit um, wenn einen Dinge am Partner stören, die aber nicht ausgesprochen werden können oder einfach weggeschwiegen werden? Warum verlässt jemand die gewohnten Pfade, die Sicherheit und vertraute Handlungen am Wegesrand bieten, und stürzt sich statt dessen ins Unglück? Versucht Reize zu setzen, um etwas zu retten, und macht es dadurch noch schlimmer? Diesen Fragen geht Julia Jessen in ihrem Roman „Die Architektur des Knotens“ nach und bringt ein melancholisches Stück Literatur hervor, das in einem Rutsch ausgelesen werden will. Dabei kommt der Kopf aus dem Schütteln nicht heraus, weil die Hauptfigur so irrational handelt, dass niemand sie versteht, auch der Leser nicht, der hier zum Beobachtenden, zum Voyeur wird.

Die Langweiligkeit des familiären Zusammenhalts

Yvonne, Jonas und ihre beiden Kinder Mika und John führen das perfekte Familienleben. Beide Elternteile gehen einer geregelten Arbeit nach, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus und eigentlich sieht alles fantastisch aus – zumindest nach außen. Doch in Yvonnes Brust tobt ein Kampf gegen die vermeintliche Trostlosigkeit, die Langeweile und die ausgetretenen Pfade in Ehe- und Familienleben. Ihr ist die Spannung in diesem Leben abhandengekommen, alles ist zur Gewohnheit geworden. Doch sie weiß nicht recht, wohin mit sich und ihren Gedanken. Einerseits will sie raus aus diesem „Gefängnis“, andererseits will sie die Menschen, die sie liebt, nicht verlieren. Eine vollkommen verzwickte Situation, die sich nicht bessert. Als die komplette Familie bei einer Taufe von Jonas Freund Sven in Dänemark ist, kommt Yvonne von einem anderen Gast, einem viel jüngeren Mann namens Peter nicht los und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Völlig gegen Yvonnes Willen und doch losgelöst von allen Bedenken, die sie in sich trägt, geht sie mit Paul und ein paar anderen Gästen nach der Feier in die Stadt feiern. In einer der Bars folgt sie einem inneren Instinkt Paul auf die Toilette und geht mit ihm auf die beschämendste Art und Weise fremd.

Midlife-Crisis in Reinform

Julia Jessen hat das perfekte Buch für Frauen (und auch Männer) zwischen Ende 30 und Mitte 40 geschrieben. Die Kinder sind so groß, dass sie selbstständig agieren können, und die Eltern kommen aus der Baby- und Kleinkindstarre heraus und müssen sich nun wieder füreinander interessieren oder neue Wege gehen. Doch Yvonne, aus deren Ich-Perspektive dieser Roman größtenteils geschrieben ist, nimmt dabei die falsche Abzweigung. Sie weiß, dass sich etwas ändern muss, dass es kein Weiter So geben kann, und doch zieht sie ihre ganz eigenen Schlüsse daraus.

Der Impuls, den sie setzt, aktiviert auf beiden Seiten große Mengen Energie, die aber allesamt in die falsche Richtung laufen. Das alles beschreibt die Autorin in diesem Roman mit so feinen, unaufgeregten, melancholischen Sätzen, dass beim Lesen unweigerlich ein leichtes Unwohlsein einsetzt. Der Leser ertappt sich dabei, dass er der Hauptfigur eigentlich recht gibt, dass sich etwas ändern muss, doch dann wählt sie Mittel, die einem nicht unbedingt als erstes einfallen würden, wenn man seiner Beziehung neuen Pep verleihen möchte.

Die Autorin entwickelt anhand der Ausgangslage ein sehr realistisches Szenario, sodass das Lesen wehtut. Dabei wird nichts übersteigert, vielmehr ehrlich und hart verhandelt. Man mag die Gedanken von Yvonne für wirr halten und den Weg, den sie gewählt hat, für falsch, jedoch hat sie mit dem Grundgedanken recht, dass irgendwie der Schwung abhandengekommen ist. Darunter leiden die Kinder, was Julia Jessen ebenfalls wunderbar zeigt, indem sie das zerrüttete Familienleben ebenso in die Gemengelage einbringt, wie auch die veränderten Randbedingungen, die die Arbeit als Grundschullehrerin mitbringen. Sie lässt keine Konsequenz aus und leuchtet die Folgen gnadenlos aus.

Werden es Jonas und Yvonne schaffen, über den Fehltritt hinwegzukommen? Raufen Sie sich in irgendeiner Form zusammen, um den Kindern eine sichere Zukunft zu bieten? Schmerz, Wut und Traurigkeit sind legitime Gefühle, die sich aus der Situation heraus ergeben. Sind die Tränen jedoch getrocknet und die Gedanken etwas zur Ruhe gekommen, sollten sich alle Parteien zusammensetzen und einen gemeinsamen Weg finden. Ob die Autorin das auch mit ihren Figuren macht? Das muss jeder selbst herausfinden.

Copyright des Covers © Antje Kunstmann Verlag


Über den Autor

Marc Richter


„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.“ (Stephen King „Der Mann in Schwarz“) – wenn ich sage, dass ich von Kindesbeinen an lese, dann ist das sicher verklärt durch Erzählungen der Eltern/Großeltern oder auch das schwache Langzeitgedächtnis. Vielmehr war ich ein Lesemuffel, nicht anders lässt sich erklären, warum ich lieber Lustige Taschenbücher statt richtige Bücher gelesen habe.
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Julia Jessen – Die Architektur des Knotens…

von Marc Richter Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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