Asphalt Cowboy (Digital Remastered) (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Ein weiterer bunter Strauß des New Hollywood-Kinos darf sich über eine 4k-Restaurierung freuen. „Asphalt Cowboy“ hat zweifelsfrei einen Platz in der Filmhistorie verdient, doch im Unterschied zu anderen Filmen im Geiste der 68er-Bewegung hatte die Academy schon 1969 die Klasse von John Schlesingers Meisterwerk erkannt und mehrfach ausgezeichnet. Die Geschichte eines besonderen Cowboys aus Texas, der in der Großstadt New York seinen amerikanischen Alptraum erlebt, ist ein buntes, mutiges und außergewöhnliches Experiment mit humanistischer Agenda. Das Projekt entstand seinerzeit aus der Kollaboration von Musikern, Künstlern, Autoren, Kameramännern, Cuttern, Casting-Agentinnen und SchauspielerInnen, die zusammen ein Team im besten Sinne bildeten und zwischen dem sich abgefilmte Besonderheiten abspielten.

Es muss eine beispiellos befreiende Explosion gewesen sein, die die 68er-Bewegung auslöste. Auch Regisseur John Schlesinger fand als Teil der kreativen Szene völlig neue Möglichkeiten vor und packte die Chance beim Schopfe. Nachdem er, beginnend in den 1950er-Jahren, vom Dokumentar- zum Spielfilm wechselte und durchaus ordentliche Werke wie „A Kind Of Loving“ drehte, wollte er Ende der 1960er-Jahre unbedingt den Roman „Midnight Cowboy“ von James Leo Herlihy verfilmen, der 1965 erschien. Literaten wagen sich ja traditionell früher in progressive Gefilde vor und so rieten Schlesinger die meisten seiner Weggefährten davon ab, die Geschichte des Joe Buck, einem Gigolo aus Texas, der nach New York auszog, für die Kinoleinwand zu adaptieren.

Nicht etwa weil ihnen die Idee nicht gefiel, im Gegenteil waren sie dermaßen angefixt vom ersten Drehbuchentwurf, weil darin weitaus mehr enthalten war als bloße Provokation, doch sie rechneten nicht damit, dass Schlesinger für diesen Stoff eine Finanzierung organisiert bekäme. Dass es schließlich doch klappte, war angesichts der nachfolgenden FSK-Einordnung tatsächlich überraschend: „Asphalt Cowboy“ wurde zum ersten Film, der unter der neu eingeführten Altersfreigabe-Regelung ein X-Rating und dementsprechend keine Jugendfreigabe erhielt. Und tatsächlich war und ist der Film eine geistige wie visuelle Herausforderung, aber eben auch eine verdammt gelungene.

Joe Buck (Jon Voight) kündigt seinen Job in einem Schnellrestaurant irgendwo im kleinstädtischen Texas, um seine Chance in der Großstadt zu suchen. Der gutaussehende junge Mann im Cowboy-Outfit und mit Kuhfellkoffer begibt sich auf die lange Busreise zum Big Apple und lässt lebhafte Erinnerungen an seine Großmutter und seine erste große Liebe zurück. Die Ankunft ist für ihn ein euphorischer Rausch aus Neonfarben, massig schönen Frauen und dem ungebrochenen Glauben an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch allzu schnell wird Joe mit seinem naiven Wesen und seinen auf die ländlichen Verhältnisse ausgelegten Erfahrungsapparat vom unbarmherzigen Moloch New York eingesaugt.

Die fehlende Kompatibilität wird bereits an Joes Ausgangsidee deutlich: Er möchte sich als Gigolo eine reiche Dame angeln. Aber weder kommt er mit seinen plumpen Anmachversuchen an, noch stehen die Damen auf seinen „lächerlichen“ Cowboy-Look. Desillusioniert von der Stadt und den blasierten Menschen in ihr, ist er gleich aktiviert, als er in einer Bar vom schmierigen Ratso (Dustin Hoffman) angesprochen wird, der sich ihm gleich als Manager aufdrängt. Der erste Job, den ihm der hinkende, kleine Mann verschafft, ist eine männliche Katastrophe, zudem hat sich Ratso mit dem Vorschuss bereits über alle Berge gemacht. Irgendwann und irgendwie finden die Männer wieder zueinander, sie misstrauen sich, aber Joe zieht dann doch bei Ratso ein, wenn man denn im Fall eines Obdachlosen, der in einem abrissreifen Gebäude haust, von einem Einzug sprechen kann. Fortan treten sie als Team auf, um in der kalten Welt New Yorks zu bestehen.

Für Joe ist es die Hölle, auch weil er teilweise von Männern gebucht wird, vor denen er sich als Heterosexueller ekelt. Vor allem aber ist es der amerikanische Traum, der an Joe nagt, weil er sein Versprechen nicht einhält. Oder besser gesagt hat Joe nicht bedacht, dass Träume auch zerplatzen können. Aber diese Möglichkeit verkauft das pulsierende, mit Neonwerbung gespickte New York nicht, das das pure Leben verspricht. Der amerikanische Traum verkauft zugleich den amerikanischen Lebensstil, einer von der Werbebranche erfundene Illusion mit Auswirkungen auf das reale Leben. Der naive Joe fällt ebenso darauf herein und wird Teil des asozialen Untergrunds, der grundierenden Schattenseite des boomenden New Yorks, in dem Geld eine ganz andere Bedeutung hat.

In einem damals wie heute ohne Sozialsystem, Wohnungspolitik und Krankenversicherung ausgestattetem Amerika muss ohne Job und Geld gehaust, gehurrt und geklaut werden, um leben zu können. Selbst Einladungen und Geschenke sind, ganz der Werbelogik folgend, immer mit einer Gegenleistung verbunden, mit der sich Geld verdienen lässt und demnach abgekoppelt von ihrem eigentlichen sozialen Sinn. Joe zweifelt auch deswegen, weil er die Kühle der abgestumpften Menschen nicht kennt. „Lieben ist das einzige, was ich kann“ und auch wenn Joe damit die käufliche Liebe meint, so spricht er unbewusst ebenso die Liebe von der partnerschaftlichen bis zur freundschaftlichen an, die er in New York vermisst. Doch dann find er sie irgendwann in seiner Beziehung zu Ratso, eine Solidarität, die gerade zu einer Freundschaft heranwächst.

Ratso ist krank, ein Krüppel mit Hinkebein, ein nervöser, dreckiger Penner, der sich gerne mit den Menschen anlegt. Doch sobald die Zuschauenden ihm über Joe näherkommen, werden zunehmend menschliche Züge sichtbar, der Traum von Florida, von Aufmerksamkeit, Respekt und Gesundheit. Das macht Ratso zum Menschen, der seinen Stolz noch nicht verloren hat. Joe sucht krampfhaft nach seinem Platz in der Gesellschaft, vergewissert sich immer wieder durch den Blick in Verspiegeltes seiner selbst, findet die wahre Selbsterfahrung erst in seiner Beziehung mit Ratso. Man könnte auch sagen, dass die beiden Außenseiter wachsen, wachsen an ihrer Beziehung und werden erwachsen, weil sie egoistische Träume hinter sich lassen und füreinander einstehen.

Jon Voight und Dustin Hoffman spielen das faszinierend gut, weil sie sich gegenseitig zu Höchstleistungen pushten (welchen Anteil Marion Doughery am Casting der beiden trägt, ist eines der Themen im nicht neuen, aber ordentlichen Bonus Material). Hoffman hatte gerade mit „Die Reifeprüfung“ seinen Durchbruch geschafft, Voight gelang ihm jetzt, doch beide zusammen schufen auf der Leinwand aus ausgiebigen Improvisationsphasen heraus eine außergewöhnliche, magische Chemie. Aus heutiger Sicht muss da manch eine Freudenträne verdrückt werden, denn mittlerweile haben sich die beiden begnadeten Schauspieler leider im Schundfach verheddert, Jon Voight zudem in konservativen Fantastereien, die überhaupt nicht mehr mit Filmen wie „Asphalt Cowboy“ in Verbindung zu bringen sind. Hier hatten sie eigentlich schon den Kern von Kunst getroffen und mit ihrem Schauspiel erst möglich gemacht.

Diese menschliche Grundierung war auch nötig in der gezeigten bunten Welt, die auf dem ersten Blick eher der Hölle als dem Himmel gleicht. „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ war ein hedonistisches Motto, das schon immer einen Rattenschwanz ins krankhaft süchtige Milieu hinter sich herzog. Instinktiv und vorschnell wird der Blick abgewandt von den Gefallenen, die kaum aus eigener Kraft aus ihrer misslichen Lage entkommen können. Durch Joe Bucks Augen bekommen die Zuschauenden jedoch einen Blick auf etwas gewehrt, was sie eigentlich zu kennen glaubten. Für den Neuankommling ist das Normale aufregend und das Abgestumpfte noch erschreckend. Über seinen Blick bekommt „Asphalt Cowboy“ feine Töne der Menschlichkeit eingefangen, vor allem denen der Außenseiter. Das ist nicht als Freibrief zu verstehen, der ebenjenen auszustellen ist, sondern als Ansatz, um die separierende Wand der Vorurteile zu durchbrechen. Ein höchst humanistisches Projekt.

Neben der uralten Geschichte des jungen Menschen in der Großstadt ist „Asphalt Cowboy“ ebenso ein Roadmovie, sowohl in beweglicher wie in unbeweglicher Form. Die Busreisen sind das Mittel, um zum Traum zu gelangen und schon hier entwirft Schlesinger ein Panoptikum der amerikanischen Kultur zwischen Coca Cola und Wonder Woman. Je weiter sich Joe von der Heimat entfernt, umso fremder und abweisender werden die Leute und die Kulturformen. Sein liebgewonnenes Radio spielt andere Musik, das hohle Fernsehentertainment hält Einzug, die Kunst des Andy Warhol wirkt abstrakt auf den provinziellen Geist. Joe ist entwurzelt, findet aber keine neue Heimat und so muss er auf der Straße leben: Eine andere Art von Road Movie. Erst die zweite Busreise zeigt gen Hoffnung, raus aus New York, vorbei an Texas nach Florida. Zumindest für Joe…

John Schlesinger ging einige Risiken ein, konnte sich aber auch auf ein fantastisches Team aus talentierten KünstlerInnen verlassen. Die Vorlage wurde von Waldo Salt bearbeitet, der die Chance nutzte, als relativer alter Autor aus der Vergessenheit zu treten. Zudem konnte Schlesinger, selbst homosexuell, damalige Tabuthemen rund um Sexualität aufnehmen und auch den männlichen Freiern in der Peinlichkeit würdevolle Momente verschaffen. All das verband er mit einer spektakulären Bildsprache aus wilden Schnitten und fantastischen Traumsequenzen als psychedelischer Trip, der auch schnell in ein „Zuviel“ hätte kippen können, stattdessen aber fortschrittlich und originell wirken. Dazu noch Kooperationen mit Andy Warhol für die drogeninduzierte Partyszenen und John Barry für den Soundtrack inklusive „Everybody’s Talkin‘“ von Harry Nilsson und es gibt nichts mehr, was gegen die These spräche, „Asphalt Cowboy“ sei ein runder Film, der nun in 4k neu erstrahlen darf und seine humanistische Message von Solidarität und Mitgefühl weiter hinaus tragen kann.

FAZIT: „Asphalt Cowboy“ ist noch immer ein ganzheitliches Meisterwerk, das von der Kraft des Experiments zeugt und nun in verbesserter Bildqualität bewundert werden kann. Es ist ein originelles Werk, das den Zeitgeist, die amerikanische Kultur, Roadmovies, Cowboys und noch viel mehr in eine spielerische, aber auch selbstsichere Melange aus Bild, Musik und Kunst einwebt. Regisseur John Schlesinger nutzte die befreite Zeit der 68er und schuf ein buntes Feuerwerk, das den amerikanischen Traum als Illusion kritisch zerplatzen lässt, aber keineswegs Zynismus propagiert, sondern eine humanistische Message für Solidarität und Mitgefühl findet.

Szenebilder und Cover © Arthaus

  • Titel: Asphalt Cowboy
  • Originaltitel: Midnight Cowboy
  • Produktionsland und -jahr: USA, 1969
  • Genre:
    Drama
    Comedy
  • Erschienen: 06.06.2019
  • Label: Arthaus
  • Spielzeit:
    ca. 109 Minuten auf 1 DVD
    ca. 113 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    u.a.
    Dustin Hoffman
    Jon Voight
    Sylvia Miles
  • Regie: John Schlesinger
  • Drehbuch: Waldo Salt
  • Kamera: Adam Holender
  • Schnitt: Hugh A. Robertson
  • Musik: John Barry
  • Extras:

    Audiokommentar; Dokumentationen zu Cast, Crew und Film; Featurette

  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1,85:1
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1,85:1 (1080/24p Full HD)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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