Martin Compart – 2000 Lightyears from Home: Eine Zeitreise mit den Rolling Stones (Buch)

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Eine Bandbiografie oder dezidierte Werkschau darf man von Martin Comparts “2000 Lightyears from Home: Eine Zeitreise mit den Rolling Stones” nicht erwarten. Will das Buch, beziehungsweise seine erweitere Neuauflage, auch gar nicht sein. Compart führt uns durch autobiographisch angehauchte sechs Jahrzehnte Popkultur, mit den Rolling Stones als Reiseleitern.

Von Altersmilde hält der 1954 geborene Autor nichts, er pflügt lieber launig und mit Wumm durch die Zeitgeschichte. Ihr Fett weg bekommen ehemalige Hoffnungsträger (wie Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, den Compart augenscheinlich besonders ins Herz der Finsternis geschlossen hat). Arrivierte Würdenträger und repressive Systempfleger sind ihm kaum eine Silbe wert. Die machen halt das, was man von ihnen erwartet. Wie in den Sechzigern die Rolling Stones zu verteufeln. Die Beelzebübchen sind im Land und Compart ist von Anfang an mit dabei.

Er erzählt vom (Über)leben in einem Staat, der den Faschismus nur ungenügend aufgearbeitet hat und in dem alles Neue, Wilde misstrauisch beäugt und verfemt wird. Vermeintliche Sittenwächter gehen auf die Barrikaden, wenn harmlose Rock’n’Roller wie Bill Haley die Jugendlichen zu Krawall aufstacheln oder der etwas gefährlichere Elvis Presley die Schlangenrolle im bigotten Garten Eden des amerikanischen Alptraums einnimmt:

Der Rock’n’Roll entflammt und erregt die Jugend wie Dschungeltrommeln, die Krieger zum Kampf aufrufen und vorbereiten. Ein falsches Wort, ein Missverständnis, und alles geht in Flammen auf.

Die empörte Warnung wird für Jugendliche folgerichtig zum frommen Wunsch, der begeistert aufgenommen wird. Die Stones helfen bei der Auflehnung gegen den Mief, aber auch die DOORS werden ausführlich gewürdigt wie der vielseitige Achim Reichel, der im Zusammenhang mit Martin Comparts Freundschaft zu Jörg Fauser ein eigenes Kapitel zugesprochen bekommt. Auf der richtigen Seite der Barrikaden stehen zudem McGill (“Man in A Suitcase”), Bruce Springsteen (wie die Stones bevorzugt in den frühen Jahren), Crockett und Tubbs (“Miami Vice”), Gavin Lyall, Loren Estleman, der große Ross Thomas, Flashman, Jörg Fauser und zahlreiche Kulturschaffende mehr.

Compart pflügt mit lustvoller Wut, kenntnisreich und sehr individuell, durch die jüngere Kulturgeschichte. Dass Velvet Underground und Iggy Pop & The Stooges in einem Buch über die Stones nicht vorkommen obwohl sie, auf unterschiedliche Weise, weitaus radikaler waren als die englische Band, ist beim gewählten Oberthema verzeihlich. Damit, dass der Autor die grandiosen Chic sowie Donna Summer mit Silver Convention (immerhin putzig und konsequent schlicht) und Frank Farians Fake Formation Boney M. (immens erfolgreich) in einen Topf wirft, hat der Verfasser dieser Zeilen seine Schwierigkeiten. Aber auch das zeichnet “2000 Lightyears From Home” aus, man kann sich wunderbar daran reiben und es kontrovers diskutieren und beurteilen. Kleines Späßeken am Rande: Der eben noch gescholtene Nile Rodgers (Chic) gehört zu den Produzenten von Mick Jaggers – zu Recht – gelobtem Solo-Debüt “She’s The Boss”.

Mick Jagger, der Bon Vivant und Studio 54-Fan (Hassobjekt) weiß eben, was gut ist. Dies gesteht ihm Compart auch zu, und zieht den klugen Schluss, dass es vermutlich mehr Jaggers Verdienst als der des knarzigen Outlaws Keith Richards ist, dass die Rolling Stones überhaupt noch existieren und in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder hörenswertes Material veröffentlichten.

Natürlich weiß Martin Compart, dass der “Street Fighting Man” keine Revolution, nicht mal eine kleine Revolte auslösen wird. Deshalb nimmt die zunehmende Kommerzialisierung der Rock-Musik, sprich ihr Abverkauf, eine wichtige Rolle im Text ein. Warum sollte es der Kultur besser ergehen als anderen Lebensbereichen, in denen das neoliberale Heuschreckenwesen sein gefräßiges und unverständiges Haupt erhebt?

Dennoch zelebriert “2000 Lightyears From Home” den Traum, dass die Möglichkeit des Ausbruchs aus verkrusteten Strukturen zumindest intentional immer noch vorhanden ist. Ein Hohelied auf Outsider und das gepflegte Rebellentum, finalisiert durch die liebevolle Hommage an Jörg Fauser und weitere Weggefährten wie Ulf Miehe und Achim Reichel. Die abschließenden Kapitel enthalten zudem erhellende und spannende Nähkästcheninfos zur deutschen Verlagslandschaft, die Compart, lange bei Ullstein und Bastei Lübbe konstruktiv tätig, sehr gut kennt.

“2000 Lightyears from Home” ist ein sehr vergnügliches, unterhaltsames und stellenweise melancholisches Buch, dass durch die eindeutige, mit etlichen Fiesheiten gespickte, Positionierung seines Autors zur weiterführenden Auseinandersetzung einlädt. Wie zur lohnenden Beschäftigung mit den gelungenen Literatur-, Fernseh-, Film- und Musiktipps.

Ein letzter, kleiner Funfact: Als ich 1982 im Kino den Hal Ashby-Konzertfilm “Rocks Off” (aka “Let’s Spend The Night Together”) über die 81er Amerika-Tournee der Rolling Stones sah, dachte ich: “Müssen diese alten Säcke eigentlich immer noch auftreten?” Eine Frage, die sich rund 40 Jahre später noch genauso stellt. Respekt.

Cover © ars vivendi

Wertung: 11/15 Satisfactions


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman “Mitternachtsblues” (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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