Judith Hermanna - Daheim (©S. Fischer Verlage)Seit „Sommerhaus, später“ wissen wir: Judith Hermann beherrscht das reduzierte Schreiben wie keine Zweite, ohne dass es ihren Büchern dadurch an Inhalt mangeln würde. Eigentlich sind sie ideal für pragmatische Romanleser und -leserinnen. Man braucht keinen zweiwöchigen Strandurlaub, um sich durchzuarbeiten, sondern es reicht ein durchschnittliches ruhiges Wochenende. Allerdings ist Bedingung, dass der Kopf frei ist. Die wenigen Wörter müssen wirken, schwingen können, Assoziationen wecken, Erinnerungen ausgraben.

Nun ist ein neuer Roman von ihr erschienen, „Daheim“. Eine Frau Ende vierzig trennt sich, nachdem die Tochter ausgeflogen ist, von ihrem Mann, der aus Existenzangst seine Wohnung mit potenziell im Falle einer Katastrophe Nützlichem zuramscht. Ein Zusammenwohnen war sowieso schon nicht mehr möglich gewesen, was Trennung und Wegzug erleichterte. Jetzt wohnt sie in einem Haus hinterm Deich und genießt die Leere und das Alleinsein. Ihr tägliches Brot will sie als Kellnerin in der Kneipe ihres Bruders verdienen.

Zwar war ihr klar, dass es sich dabei nur um eine Übergangslösung handeln konnte, doch sie ahnte nicht, dass dieser sich gerade in ein zwanzigjähriges Problemkind verliebt haben und sie dringend als Ratgeberin brauchen würde. Zum Glück gibt es noch Nachbarin Mimi, die die Ich-Erzählerin ein wenig aus der Reserve zu locken versteht. Sie zeigt ihr die Umgebung, erklärt ihr die Gezeiten und stellt ihr ihren Bruder Arild vor, der den Schweinemastbetrieb der Eltern übernommen und aufgestockt hat. Weil es sich gerade so anbietet, beginnt die Ich-Erzählerin eine halbherzige, fast sachliche Affäre mit ihm.

Judith Hermanns karge Sätze beschwören ein Gefühl der Verlorenheit und des ziellosen Dahintreibens herauf, während der Alltag an den Figuren vorbeiplätschert. Findet die Ich-Erzählerin an diesem stocknüchternen Ort eine neue Heimat? Lange will sich das Gefühl beim Lesen nicht so richtig einstellen. Es fehlen die zwischenmenschlichen Beziehungen. Die vorhandenen scheinen nicht wirklich belastbar. Andererseits scheint die Ich-Erzählerin zumindest vorübergehend nichts zu vermissen.

So kann es schließlich gehen im Leben. Man erreicht einen Punkt, an dem man froh ist, Zeit für sich selbst zu haben und mit seinen Gedanken allein zu sein, alles auf ein Minimum runterzufahren und das Leben völlig unaufgeregt so zu nehmen, wie es kommt. Quasi der Gegenentwurf zum überkandidelten Auf-die-Kacke-Hauen vieler Midlifecrisis-Gebeutelter.

Doch da hat sie die Rechnung ohne Mimi gemacht. Mimi ist ganz anders als sie. Sie ist mit dem Land verwachsen, genau wie ihr Bruder und erst recht ihre Eltern. Sie trägt das Herz auf der Zunge und scheint mit sich und ihrem Leben völlig im Reinen. Sie nimmt die Ich-Erzählerin unter ihre Fittiche und versucht, ihr neues Leben einzublasen. Sie will sie erden und dafür ist sie genau die richtige Person.

Auf unter zweihundert Seiten gelingt es der Autorin das alles und noch viel mehr zu erzählen. Mehr Wörter sind dafür überhaupt nicht notwendig. Im Gegenteil: Womöglich läge der Wiedererkennungswert nicht so hoch, wenn der Leser nicht den vielen Raum zwischen den Wörtern mit eigenen Erfahrungen und Gedanken füllen könnte. Eine wunderbar tröstliche Geschichte.

  • Autor: Judith Hermann
  • Titel: Daheim
  • Verlag: S. Fischer
  • Erschienen: 04/2021
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 189
  • ISBN: 978-3-10397035-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten


    Wertung: 14/15 dpt


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