Eine Tote zu viel

Als die Flut kam
© Gmeiner

April 1945. Eigentlich soll der junge Johannes Becker nur ein bisschen Löwenzahn sammeln, doch dabei stößt er auf die kleine Anne, die mit ihrer verletzten Mutter Gertrud den Anschluss an einen Flüchtlingstreck verloren hat. Johannes Eltern nehmen die beiden auf, es entsteht quasi eine große Familie. Von Beginn an fühlt sich Johannes zu Anne hingezogen, doch am Heiligabend des Jahres 1961, Johannes will ihr endlich seine Liebe gestehen, eröffnet ihm Anne, dass sie schwanger sei. Über Johannes bricht die Welt zusammen und wenige Wochen später über die Elbinsel Wilhelmsburg die große Sturmflut.

In der Gartenlaube, in der Anne mit ihrer Mutter lebt, kommt es in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 zu einem schweren Streit, der aus dem Ruder läuft. Wenig später findet sich Anne in einem Bunker wieder, in dem beide als Kinder gespielt haben. Hier kommt es zu einem verhängnisvollen Missverständnis zwischen Anne und Johannes, während die Stadt in unvorstellbaren Wassermassen versinkt. Über dreihundert Tote sind zu beklagen und wenige Tage, nachdem die Straßen wieder passierbar sind, wird eine weitere Leiche entdeckt: Anne.

Peter Lüders, Kommissar und bester Freund von Johannes seit Kindertagen, ist über den Leichenfund irritiert, denn warum sollte Anne sich in jener entsetzlichen Sturmnacht ausgerechnet in den Bunker zurückgezogen haben? Die sichere Wohnung von Johannes Eltern war nicht weit entfernt und trotz aller Umstände war Johannes doch immer ihr bester Freund.

Ein interessantes Beziehungsgeflecht

„Als die Flut kam“ ist ein leicht irreführender Titel, denn die Jahrhundertsturmflut im Februar 1962 bildet vor allem den katastrophalen Hintergrund mit über dreihundert Opfern und spielt mit der Frage, ob man in diesem Chaos nicht einfach einen Mord vertuschen kann? Die damaligen Ereignisse der Flutkatastrophe werden angerissen, der wirkliche Plot handelt jedoch von einem interessanten Beziehungsgeflecht, welches zunehmend außer Kontrolle gerät.

Magda ist die ältere Schwester von Johannes und mit Rainer verheiratet, hatte jedoch eine Affäre mit Peter, zu dem sie sich immer noch stark und besitzergreifend hingezogen fühlt. Peter ist inzwischen mit Gisela verlobt, allerdings nicht wegen ihres wenig ansprechenden Erscheinungsbildes, sondern ihrem finanziellen Hintergrund. Gisela ist sich dieser Tatsache bewusst, versucht zu klammern und wird doch regelmäßig von Eifersucht gequält, während Magda immer wieder versucht, sich an Peter ranzuschmeißen. Derweil wird, wie eingangs erwähnt, die platonische Liebe zwischen Johannes und Anne einer großen Belastungsprobe unterzogen, zumal Johannes nicht weiß, wer der Vater des ungeborenen Kindes ist.

So ziehen vor allem die vorgenannten Figuren ihre Kreise, werden abwechselnd in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt und man darf an ihren, teils hässlichen Gedanken teilhaben. Trotz aller Liebesquerelen ist „Als die Flut kam“ alles andere als eine kitschige Romanze; Liebesszenen selbst kommen gar nicht erst vor. Dennoch erlebt man eine turbulente Karussellfahrt, die eine starke Sogkraft entwickelt. Ein ungewöhnlich konstruierter Plot, der in diesem Stil so selten erzählt wurde. Gut möglich, dass man das Buch an einem Tag bewältigt, was nicht der schlechteste Indikator für eine finale Bewertung ist. Der Spannungsbogen hält sich, wenngleich noch weitere Personen mitwirken, zwar in einem überschaubaren Rahmen und auch die Auflösung mag man früh erahnen. Dennoch, „Als die Flut kam“ ist ein kurzweiliges Lesevergnügen, welches man sich gönnen darf. Die titelgebende Flut hätte durchaus drastischer und detaillierter dargestellt werden können, um deren verheerende Auswirkungen darzulegen, aber da die Bilder der kürzlich stattgefundenen Hochwasserkatastrophe in West- und Mitteleuropa anno 2021 noch immer verstörend in den meisten Köpfen wirken dürften, muss dies nicht unbedingt sein. Schließlich steht ja der geheimnisvolle Mordfall im Mittelpunkt und die Frage, wie sich dieser auf die Freundschaft zwischen Johannes und Peter sowie andere Beziehungen auswirkt. 

Begleitend zu dem Roman gibt es von Autorin Kathrin Hanke auch einen Bildband zu der Jahrhundertflut, der am 15. Oktober 2021 erscheinen wird.

Hamburg im Sturm - Die Flutkatastrophe 1962
© Gmeiner
  • Autorin: Kathrin Hanke
  • Titel: Als die Flut kam
  • Verlag: Gmeiner
  • Umfang: 257 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: September 2021
  • ISBN: 978-3-8392-0001-8
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

    Produktseite zum Bildband


Wertung: 11/15 dpt


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