Marco Hasenkopf – Eisflut 1784 (Buch)

Eisflut 1784
© Emons

Als Cöln im Wasser unterging

Henrik Freiherr van Venray, Amtmann für policeyliche Wohlfahrterei im Dienst des bergischen Herzogs Kurfürst Carl Theodor, hat soeben eine brutale Räuberbande außer Gefecht gesetzt. Nun eilt er nach Mülheim, eine kleine, aber wohlhabende Kleinstadt vor den Toren der freien Reichsstadt Cöln gelegen, um dort die Arbeiten an einem Deich voranzutreiben. Dort angekommen stellt er zu seinem Entsetzen fest, dass damit noch nicht einmal begonnen wurde. Offenbar hatten die reichen Händler und Fabrikbesitzer vor allem ihren Wohlstand im Blick. Dabei ist dieser gerade mächtig bedroht, denn schon seit rund drei Monaten ist die gesamte Region in eine eisige Winterlandschaft verfallen. Der Rhein ist zugefroren, ein riesiger Wall, bestehend aus Eisbrocken und Schollen, die sich übereinander geschoben haben, bedroht die Stadt. Auch wenn die Temperaturen um die zwanzig Grad minus betragen, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die alljährliche Schneeschmelze einsetzen wird. Da zahlreiche Häuser Mülheims fast auf Flussniveau liegen, ist deren Überflutung sicher. Es sei denn, man baut endlich einen Deich und dieser hält.

Die Menschen galten als selbstbewusst und eigensinnig, ja sogar aufmüpfig. Freie Bürger. Privilegiert wie selbst manche Adlige nicht. Anders als an anderen Orten lebten Katholiken, Protestanten und Juden hier in friedlichem Miteinander. Die Handelsmacht der Stadt wurde vor allem vom viel größeren Cöln als Bedrohung empfunden. Und dennoch war dieser ganze Stolz, der Prunk, diese „Bedrohung“, nach drei Straßen vorbei. Die freie Stadt Mülheim am Rhein war nicht viel größer als ein Dorf.

Venray bleibt für dieses Anliegen nur wenig Zeit, denn bei einer Begehung der Örtlichkeiten entdeckt er den Leichnam eines Geistlichen, der bereits umtreibenden Wölfen als Nahrung diente. Da der Medicinalrat Friedrich Scheidt vor drei Monaten verstarb, hat dessen Witwe Anna-Maria dessen Apotheke und das Amt der medicinischen Polizei übernommen. Ein gewagtes Unterfangen, denn Apotheker müssen studiert haben, was Frauen nicht erlaubt ist. Anna-Maria untersucht den Leichnam und stellt fest, dass der Mann mit einem Dolchstoß getötet wurde. Zudem erfährt Venray, dass einige Kinder aus einem Armenhaus verschwunden sind. Weitere Morde geschehen und Venray sieht sich gezwungen in Cöln zu ermitteln, wo er keinerlei Befugnisse hat. Ganz im Gegenteil: Die Domstadt ist mit dem bergischen Herzogtum in inniger Abneigung verbunden.

Riesige Eismassen und ein Serienmörder, erdrückende Armut und ausufernder Karneval, Cöln und Mülheim

Die Gegensätze in diesem Roman könnten frappierender kaum sein. Die Karnevalshochburg, in der aufgrund der eisigen Kälte zahllose Bettler um ihr Überleben kämpfen und wo gleichzeitig reiche Patrizier und Kaufleute exzessiv Karneval feiern. Bevor die Stadt sich der riesigen Flut stellen wird, lässt man es noch einmal richtig krachen. Überflutungen ist man in Cöln gewöhnt und außerdem heißt es ja im Volksmund: Et hätt noch emmer joot jejange. Während im protestantischen Mülheim doch noch ein Deich entsteht, versucht es das katholische Cöln mit Massenbeten. Beides wird die Flut nicht aufhalten, so viel ist gewiss. Bis es aber überall Land unter heißt, beschreibt Autor Marco Hasenkopf in seinem lesenswerten Roman „Eisflut 1784“ vor allem die damalige Zeit sehr lebhaft. Man friert und hungert förmlich mit und wundert sich kaum noch, wenn ein Kutscher erfroren tot von seinem Arbeitsplatz fällt.

Gelungen umgesetzt sind neben der Atmosphäre jener Zeit auch die den Roman prägenden Themen. Natürlich die Mörderjagd, aber ebenso das Verhältnis zwischen sehr reichen Adligen und Kaufleuten einerseits und der elenden Armut der Masse andererseits. Am Beispiel von Anna-Maria, die eine Profession ausübt, die sie als Frau gar nicht ausüben darf und die sie bei strenger Auslegung ins Gefängnis bringen könnte, wird die Rolle der Frau im auslaufenden 18. Jahrhundert aufgezeigt. Frauen hatten Pflichten, keine Rechte. Der Zwist zwischen Adel, Kirche und normaler Bevölkerung, die Differenzen und gegenseitige Abneigung zwischen Cöln und Mülheim und – ja, natürlich auch zwischen Cöln und Düsseldorf, muss ja sein – werden angerissen.

Der Krimiplot selbst erfährt ein längeres „Intro“, in dem zunächst der Protagonist ausführlich eingeführt wird. Danach wird die Handlung zügig vorangetrieben und ein in doppelter Hinsicht mörderischer Wettlauf beginnt. Ein Nachwort des Autors erklärt über Fakten – die verheerende Eisflut hat es tatsächlich gegeben – und Fiktion auf. Weiterer Anhang fehlt, dabei hätte eine Karte aus der damaligen Zeit den durchweg positiven Gesamteindruck abgerundet.

  • Autor: Marco Hasenkopf
  • Titel: Eisflut 1784
  • Verlag: Emons
  • Umfang: 336 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: November 2021
  • ISBN: 978-3-7408-1169-3
  • Produktseite  


Wertung: 12/15 dpt


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