Bemerkenswertes Epos aus Norwegen, ausgezeichnet mit dem Literaturnobelpreis.

© Kröner Verlag

„Die Frau“ ist der zweite Band einer Romantrilogie um das Leben von Kristin Lavranstochter und spielt im norwegischen Landadel des 14. Jahrhunderts. Geschrieben wurde die Reihe bereits in den 1920er Jahren von der Norwegerin Sigrid Undset, die dafür im Jahr 1928 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden ist. Komplett neu ins Deutsche übersetzt wurde die Reihe aktuell von Gabriele Haefs, die dem deutschsprachigen Publikum damit ein großes Geschenk macht: die Neuentdeckung eines Epos genau 100 Jahre nach dessen Entstehung. Band 1 „Der Kranz“ erschien im Mai letzten Jahres im Kröner Verlag und wurde schon begeistert besprochen (Hier geht’s zur Rezension), weshalb die Erwartungen an die Fortsetzung groß waren.

Von der Tochter zur Ehefrau

Die Handlung knüpft nahtlos an Band 1 an: Kristin Lavranstochter zieht als Ehefrau von Erlend Nikulaussohn auf seinen Hof Husaby. Noch versucht sie, ihre Schwangerschaft zu verbergen – doch für alle wird früher oder später klar werden, dass sie bereits vor der Hochzeit Erlends Kind unter ihrem Herzen trug. Ein Gedanke, den Kristin vor Scham nur schwer erträgt. Der erste Teil des Buches rückt den Neubeginn in Husaby in den Vordergrund – Kristin ist es sehr daran gelegen, mit viel harter Arbeit für Ordnung auf dem verwahrlosten Gutshof zu sorgen und den Tagesbetrieb mit Knechten und Mägden wieder zum Laufen zu bringen. Mit viel Geschick möchte sie dafür sorgen, dass sie als neue Herrin respektiert und geschätzt wird. Doch spätestens als sich die Geburt ihres Kindes als schwierig ankündigt und die Angst, dies nicht bewältigen zu können, wächst, muss sie all ihre Kräfte zusammennehmen.

Obwohl Kristin und Erlend nun endlich legitim verbunden sind und ihre Liebe zueinander offiziell zeigen können, wird ihr gemeinsames Eheleben in „Die Frau“ mehr als einmal auf die Probe gestellt. Der Traum vom liebevollen Zusammensein wird von der Realität eingeholt und Kristin hat mit vielen Enttäuschungen und dem Verlust von geliebten Menschen zu kämpfen. Sie gerät des öfteren in Streit mit Erlend, dessen Perspektive ebenfalls in inneren Monologen passagenweise zum Ausdruck kommt – eine Neuerung im Vergleich zum ersten Buch:

Aber bei der roten Hölle, wie sollte ein Mann denn mit seiner Frau fertigwerden, wenn er sie aufgrund ihrer Sippe und wegen seiner eigenen Ehe nicht verprügeln durfte? Bei einem Wortwechsel mit einer Frau würde doch sogar der Leibhaftige den Kürzeren ziehen!S. 422

Kristin sucht Trost in ihrem Glauben und beschreitet ihren Weg als Ehefrau mit starkem Willen und hoch erhobenen Hauptes weiter. Wie bereits im ersten Buch kämpft sie oft mit sich selbst und ihren Ansprüchen an ein frommes und gerechtes Leben:

Jeden Tag, wenn sie für den Seelenfrieden ihrer Toten betete, kam es ihr unrecht vor, dass gerade sie für Menschen betete, die bereits hier auf Erden viel mehr Frieden in der Seele gespürt hatten als sie selbst jemals empfunden hatte, seit sie zu einer erwachsenen Frau geworden war.S. 406

Wird Kristin Lavranstochter Glück und Erfüllung im eigenen Familienleben auf Husaby finden?

Politische Geschehnisse rücken in den Vordergrund

In der der Fortsetzung von „Der Kranz“ liegt der Fokus ab der zweiten Hälfte des Romans auf den damaligen sozialpolitischen Bewegungen. Die Handlung spielt im 14. Jahrhundert, als Magnus Erikssohn König von Norwegen und Schweden war.
Erlend bekommt als Adeliger mehr und mehr politische Verantwortung übertragen: Er erhält das Kommando über die Bauernschiffe auf seinem Fjordufer, ist damit viel unterwegs und berichtet von „den Wilden“ aus Finnland. Bei Trinkgelagen kommt die Rede früher oder später oft auf Themen wie die Angst vor russischen Truppen, Kriegssteuer sowie den König. Andeutungen werden gemacht und mehr oder weniger deutlich Unmut über die aktuelle Lage geäußert:

‘Es ist so, Erlend’, sagte sagte Erling Vidkunssohn, ‘zum Herrschen geboren sind wenige, aber alle sind geboren, um zu dienen; die richtige Herrschaft besteht darin, der Diener seiner Diener zu sein.’ S. 176S. 176

Der unbeschwerte und selbstbewusste Erlend weiß, seine charismatische Erscheinung zu nutzen und spielt in „Die Frau“ mehr als einmal mit dem Feuer. Und die Konsequenzen lassen nicht auf sich warten: Er bringt sich in eine lebensgefährliche Situation …

Bleibt die Lesebegeisterung bei Band 2 bestehen?

Die Fortsetzung der Geschichte um Kristin Lavranstochter geht um einiges mehr in die Tiefe: Schwermut, Verlust, Schmerz und innere Kämpfe werden ausgiebig thematisiert. Zusätzlich gilt es diesmal, politische Hintergründe und damit einhergehende Sippschaften, Verwandschaftsverhältnisse und sehr viele Namen zu behalten. Auch der zweite Band hat ein Glossar zum Nachschlagen fremder Begriffe, das wieder einige Informationen zu den damaligen Geschehnissen liefert, allerdings fällt es diesmal etwas knapper aus. Aber selbst wenn beim Lesen nicht jedes Detail verstanden wird, ist das verkraftbar: Schafft es die Autorin Sigrid Undset doch auch weiterhin, die Leserinnen und Leser komplett in ihren Bann zu ziehen. Kristin Lavranstochters und Erlend Nikulaussohns Liebe zueinander ist neben allen anderen Handlungssträngen weiterhin das Hauptmotiv. Kristins Muttersein zeigt wieder, wie komplex und authentisch ihr Charakter gestaltet ist. Und auch sonst bleibt beim Erzählen die Liebe zum Detail: Ganz wunderbar wird zum Beispiel die mittelalterliche Garderobe in mehreren Passagen beschrieben, sodass man einmal mehr völlig in die vergangene Welt eintaucht: die verschiedenen Arten, ein Kopftuch zu tragen, Schnallen, Gürtel, Stoffe und deren Haptik. Eine absolute Größe von Sigrid Undset: Es ist unglaublich, wie sie es schafft, das Leben im Mittelalter auf solch authentische Weise greifbar zu machen. Gedanken, Gefühle, Lebenswelt: Alles erscheint absolut plausibel und so fiebert man beim Verschlingen der Seiten mit Kristin Lavranstochter und deren kleinen und großen Hürden im Leben mit – und das ohne Pause.

Einen Punkt Abzug gibt es leider für einige Fehler, die beim Korrekturlesen wohl irgendwie durchgerutscht sein müssen: An einer Stelle wird ein falscher Name genannt oder ein Wort fehlt. Das schmerzt leider sehr, da das Buch sonst wieder wunderschön gestaltet und wirklich fesselnd ist. Leider kommen solche Patzer dadurch besonders zur Geltung. Dennoch: Auch Band 2 von Kristin Lavranstochter ist wieder eine absolute Leseempfehlung! Der dritte Band trägt den Namen „Das Kreuz“ und erscheint noch dieses Frühjahr in der Neuübersetzung von Gabriele Haefs – in Kürze folgt also mehr …

  • Autorin: Sigrid Undset
  • Titel: Kristin Lavranstochter – Die Frau
  • Band der Reihe: 2 von 3
  • Originaltitel: Kristin Lavransdatter. Husfrue (1921)
  • Übersetzerin: Gabriele Haefs
  • Verlag: Alfred Kröner Verlag
  • Erschienen: 1. Oktober 2021
  • Einband: Hardcover (Halbleinen mit Lesebändchen)
  • Seiten: 550
  • ISBN: 978-3-520-62201-3
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Rezension von Band 1, Der Kranz: Hier lesen


Wertung: 13/15 dpt


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