Jurica Pavičić – Ein Tod für ein Leben

Wann ging es schief?

Ein Tod für ein Leben
© schruf & stipetic

Bruna ist 23 Jahre jung als ihr Leben eine verhängnisvolle Wendung erfährt. Ihre Freundin Susanna holt sie zu der Geburtstagsfeier von Zorana ab, wo Bruna auf Frane trifft. Man trinkt und tanzt, verabredet sich für weitere Treffen. Drei Monate später lernt Bruna die Familie von Frane kennen. Mutter Anka und Schwester Mirela, die sie herzlich empfangen. Es kommt zur Hochzeit und da in Ankas Haus eine Wohnung verfügbar ist, zieht das junge Paar dort ein. Bruna hat einen Bürojob, während Frane als Seemann oft Monate unterwegs ist. Allein mit Anka kommt es bald zu ersten Spannungen, denn Anka ist die Chefin im Haus und lässt dies Bruna spüren. Leichte Sticheleien, weil das Geschirr zu schlecht gespült oder der Hof nicht richtig gefegt wurde.

Nach einem Schlaganfall weigert sich Frane, seine Mutter in ein Heim zustecken. Somit droht die Situation weiter zu eskalieren, denn Frane fährt zur See, Mirela lebt in Zagreb und nur die berufstätige Bruna kann sich um die nörgelnde, im Rollstuhl sitzende Schwiegermutter in ihrem Haus in Split kümmern. Es ist einfach zu viel und Bruna trifft eine folgenschwere Entscheidung.

Krimi, ja auch, vor allem aber eine glänzende Charakterstudie

Im Frauengefängnis von Pozega sitzt Bruna seit über zehn Jahren. „Tötung in einem besonders schweren Fall und aus niederen Beweggründen“, lautete das damalige Urteil, über welches man gleich zu Beginn des Romans „Ein Tod für ein Leben“ des bekannten kroatischen Autors Jurica Pavičić erfährt. Bekannter Autor? Als der Roman erstmals 2017 in Deutschland erschien, erfuhr dieser nur wenig Beachtung, dabei erhielt die Verfilmung seines ersten Romans unter dem Titel „Die Zeugen“ (Regisseur Vinko Bresan) 2004 den Friedenspreis der Berlinale. Und spätestens 2021 sollte man den Autor „entdeckt“ haben, denn sein Roman „Blut und Wasser“ – die Rezension finden Sie hier – wurde mehrfach ausgezeichnet. Ein ebenso ungewöhnlicher wie herausragender Kriminalroman, der sich ebenfalls als brillante Charakterstudie erwies.

Eine feine Charakterstudie ist auch im vorliegenden Roman zu finden. Die Figuren handeln autark, Pavičić begegnet ihnen mit Distanz und Respekt, hoher sprachlicher Wucht und stets empathisch. Gleichwohl wird nichts beschönigt. Brunas Alltag im Gefängnis spielt sich wesentlich in der dortigen Küche ab, wo sie mit zwei anderen Frauen das Essen zubereitet. Ausgerechnet sie, die Giftmörderin. Wie es zu dieser Entwicklung kam, wird mir Ruhe und Ausdrucksstärke erzählt. Mehr und mehr schlittert Bruna in ein Leben, dass sie so nie gewollt hatte. Sie wollte einen Job, einen Mann und vielleicht eine Familie; keine nörgelnde Schwiegermutter unter ihrem Dach, die ständig unzufrieden war und zeigte, wer hier nur als Gast geduldet wird. Die längeren Abwesenheiten von Frane machen die Situation zusätzlich perspektivlos. Dies liegt auch an Frane, denn dieser mischt sich nicht ein, hält weder zur Mutter noch zur Ehefrau. Als Letztere später von Franes Schwester als Mörderin beschuldigt wird, hält Frane zwar zu Bruna, doch es scheint ein fragiler Beistand zu sein.

Wie die Geschichte ihren verhängnisvollen Verlauf nahm bis hin zu den Ermittlungen der Polizei und letztendlich bis zum Urteilsspruch ist spannend zu lesen; die Kategorie „Kriminalroman“ erscheint nicht ganz passend, gleichwohl werden auch Krimifans gut unterhalten; nur eben nicht auf die herkömmliche Weise, da das Ergebnis von Beginn an feststeht.

Jurica Pavičić stellt durch seine Protagonistin interessante Fragen: Wann geriet ihr Leben aus den Fugen? Wäre sie nicht im Januar 2006 zu jenem Geburtstag gegangen, wäre sie Frane nie begegnet. Hätte Brunas Mutter ihr nicht dazu geraten, mit Frane im Haus von Anka eine Wohnung zu beziehen, wäre die Situation nie eskaliert. Und wäre Franes Vater nicht schon vor langer Zeit bei Dachdeckerarbeiten tödlich gestürzt, so hätte er sich um seine im Rollstuhl sitzende Anka kümmern können und das junge Paar, Bruna und Frane, hätten ihr Leben leben können. Auch diese Fragestellungen, jene nach der großen Schuld, sind durchaus „spannend“ und lohnen eine nähere Betrachtung.

  • Autor: Jurica Pavičić
  • Titel: Ein Tod für ein Leben
  • Originaltitel: Žena s drugog kata. Aus dem Kroatischen von Blanka Stipetić
  • Verlag: schruf & stipetic  
  • Umfang: 220 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Mai 2022
  • ISBN: 978-3-944359-63-2
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 12/15 dpt

 


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