Eva Mühlbacher - Zeitreisende Teil 1 © bpk / Hamburger Kunsthalle / Elke Walford

Eva Mühlbacher – Zeitreisende: Teil 1

Literatur begleitet die Menschheit bereits seit Jahrtausenden. Während sich Themen, Handlungen, Denkweisen und Orte änderten, blieben hingegen viele Motive im Laufe der Zeit mitunter gleich. Jedoch wird im Alltag viel zu selten ein Blick in die Literatur vergangener Zeiten geworfen. Dies ist sehr zu bedauern, denn würde man sich öfter jenen Büchern widmen, würde man ein um das andere Mal feststellen, wie wenig sich unsere Gedanken und Gefühle von denen unserer Vorfahren unterscheiden. Eva Mühlbacher hat es sich zur Aufgabe gemacht, mittels ihrer Reihe „Zeitreisende – Deutsche Literatur für Entdecker“ Lesern von heute die vermeintlich staubige und trockene Weltliteratur näher zu bringen.

Jeder der bisher erschienenen Bände behandelt eine bestimmte Zeitepoche; in Band 1 widmet sich die Autorin der Zeit der Romantik bis zu Beginn des ersten Weltkrieges.

Die ersten im Buch vorgestellten Werke richten sich vor allem an die Natur, den Glauben, die Schönheit und das Widernatürliche. Insbesondere der Blick auf die Natur, der Schriftstellende zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine große Rolle beimaßen, lässt innehalten. Ihre Ehrfurcht, die sie in ihren Schriften gekonnt zu Ausdruck brachten, erinnert daran, dass die Macht und Schönheit der Natur allgegenwärtig ist und Respekt das mindeste ist, was ihr zustehen sollte.

Weiterhin erwähnt werden außergewöhnliche Bücher wie “Der Sandmann”, deren vielschichtige Bedeutung gut verständlich erklärt wird. Auch Einblicke in intimste Denkweisen werden gewährt, die manchmal ernst und manchmal augenzwinkernd nicht nur geheime Sehnsüchte der Romanfiguren offenbaren.

Doch die Welt wandelt sich und die Leserschaft findet sich plötzlich zu Beginn des ersten Weltkrieges wieder. Die Stimmung hat sich geändert und die Literatur spricht plötzlich viele verschiedene Sprachen: patriotische, ratlose, verzweifelte.

Hier zeigt sich insbesondere die Intelligenz der Autorin, indem sie verschiedene Werke der Kriegsliteratur in unterschiedliche Kategorien staffelt: Beginnend mit zuweilen etwas peinlich-patriotischen Zeilen einiger Dichter, welche den Hass auf die Gegner und die Herrlichkeit des Krieges beschwören (ohne freilich selbst an der Front stehen zu müssen), endet sie mit der Schilderung literarischer Einzelschicksale. Diese Entwicklung zeigt ganz deutlich die Schrecken, Ausmaße und Sinnlosigkeit des Krieges auf und dass im Grunde niemand wirklich als Sieger hervorgehen kann.

Die literarische Reise in die Vergangenheit endet mit einem fiktiven Spaziergang mit Stefan Zweig und einem sowohl traumartigen als auch zum Nachdenken anregenden Gespräch über die „Welt von gestern“. Diese letzten Seiten sind wohl überlegt und fassen die Stimmung und Entwicklung des Romans aufs hervorragendste zusammen.

Auch insgesamt ist die literarische Zeitreise großartig beschrieben: Eva Mühlbacher gelingt es, Werke wie “Irrungen und Wirrungen” von Theodor Fontane und “Radetzkymarsch” von Joseph Roth so anschaulich und geschmackvoll zu beschreiben und analysieren, dass man beim Lesen große Lust bekommt, (wieder) einen Blick in diese Werke zu werfen.

Dabei überzeugt sie zum einen mit ihrer angenehmen und unterhaltsamen Schreibweise, die es den Lesern ermöglicht, sich gut in ihre Gedankengänge und die der Schriftstellenden des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts hineinzuversetzen. Zum anderen gelingt es Eva Mühlbacher, ihre Leser mittels eines beeindruckendem (Hintergrund-) Wissen abzuholen. Gespickt mit zahlreichen geschichtlichen Aspekten, erzählt sie nicht nur die Geschichte der verschiedenen Werke, die weltberühmte Romane wie “Im Westen nichts Neues” und “Effi Briest” und eher unbekannte Gedichte umspannen, sie gewährt auch Einblicke in die Biografien der Autoren und Autorinnen und in die Entstehungsgeschichten der einzelnen Werke.

Zum Ende des Buches und auch zwischendurch zieht die Autorin immer wieder Vergleiche mit den Medien und Emotionen unserer heutigen Zeit. Dies ist nicht nur faszinierend und mitunter sehr amüsant, sondern zeigt auf, wie inspirierend die „drögen Klassiker“ bis heute sind, auch wenn man es oftmals nicht bemerkt. Die Erkenntnis, dass Schriftstellende vor über hundert Jahren bereits Probleme, die, wenn auch in anderer Form, uns nur zu gut bekannt sind, in so wunderschöner Literatur beschreiben konnten, tröstet: Sie beweist, dass Träume, Hoffnung und Poesie die Zeit überdauern können und dass Vergangenes nicht gleich vergänglich ist.


Wertung: 14/15 dpt

  • Autor: Eva Mühlbacher
  • Titel: Zeitreisende – Deutsche Literatur für Entdecker: Teil 1 – von der Romantik bis zum Ersten Weltkrieg
  • Band der Reihe: Zeitreisende – Deutsche Literatur für Entdecker
  • Verlag: Dachbuch Verlag
  • Erschienen: 2020
  • Einband: Broschiert
  • Seiten: 528
  • ISBN: 978-3-903263-19-2
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Erwerbsmöglichkeiten

Cover: © bpk / Hamburger Kunsthalle / Elke Walford


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