Marcel Häußler – Kant und der Schachspieler (Buch)


Marcel Häußler – Kant und der Schachspieler (Buch)

Verzwickter Fall mit zahlreichen Wendungen

Kant und der Schachspieler
© Heyne

Die Farbenfabrik „Kolorit-Werke“ in Allach im Nordwesten von München hat schon bessere Zeiten gesehen. Seit Jahren geschlossen und verwahrlost, laufen die ersten Abrissarbeiten. Ein Leichenfund in einem leeren Chemikalientank sorgt jedoch für ein vorzeitiges Ende der Tätigkeiten. Der Tote ist ein Mann und allein der Fundort lässt darauf schließen, dass er ermordet wurde; allerdings schon vor einigen Jahren. Zwei Merkmale fallen Kriminalhauptkommissar Joachim Kant und seinem Kollegen Anton Rademacher sofort auf. Der eher schäbig gekleidete Mann trug eine auffällig kostbare Jacke und in einer Hand hält er eine Schachfigur umklammert.

Hanna Weiß, eine neue Kollegin, die ursprünglich Informatik studierte und nun im Bereich EDV unterstützen soll, geht die Vermisstenfälle der letzten Jahre durch. Die Zahl der vermisst gemeldeten Personen allein in München geht in den vierstelligen Bereich, doch nur eine davon sticht sofort ins Auge: Jakob Holler, seit 30. November 2015 vermisst gemeldet, ehemaliger deutscher U16-Meister im Schach.

Kant und sein Team rollen den Vermisstenfall Holler auf und versuchen, dessen letzte Tage und Stunden vor seinem Verschwinden zu rekonstruieren, wenngleich die Identifizierung der Leiche wohl einige Tage in Anspruch nehmen wird. Eine erste Spur führt fast schon routinemäßig zu Stefan Holler, Jakobs Halbbruder, ehemaliger Boxer, vorbestraft inklusive längerem Gefängnisaufenthalt. Stefan Holler arbeitete einst als Fahrer für den windigen Immobilienmakler Felix Groß, wodurch die Ermittler auf einen Immobilienbetrug in Millionenhöhe stoßen, der sich im Jahr von Jakobs Verschwinden ereignete. 

Zweiter Fall für KHK Joachim Kant und sein Team

Nach „Kant und der sechste Winter“ ist dessen Nachfolger „Kant und der Schachspieler“ somit der zweite Fall für KHK Kant und seine Kolleginnen Lammers und Weiß sowie die Kollegen Rademacher und Döpfner. Die Geschichte spielt im Juli 2018 und somit rund ein halbes Jahr nach dem ersten Band. Wie erwähnt ist Hanna neu im Team und wird von Lammers zunächst kritisch beäugt, während Döpfner sich sofort verliebt, was ihm allerdings bei nahezu allen Frauen passiert. Ach, wenn doch nur Döpfner und Lammers zueinander fänden, aber irgendwie will es nicht klappen, da keiner den ersten Schritt unternimmt. Zurück zu Hanna: Diese leidet unter einem Kontrollwahn und an zu wenig Selbstvertrauen, wird aber (natürlich) im Lauf der Handlung über sich hinauswachsen und teilweise sogar in die Ermittlungen eingebunden. Derweil versucht Rademacher nicht wahnsinnig zu werden, denn er glaubt so gut wie tot zu sein und seine Familie nie mehr wiederzusehen. Dabei lässt sich seine Erkrankung durch eine Standardoperation gut bekämpfen; man müsste halt nur mal die Sache anpacken. Und Kant selbst? Er erkennt, was er schon immer wusste, nämlich, dass er ein miserabler Schachspieler ist und zudem Vater einer Tochter, die demnächst ihr Abi machen wird. Doch Frida hat momentan wichtigeres zu erledigen, sie muss erst einmal die Welt retten, worauf Kant irgendwie auch stolz ist. Schöne Grüße an Fridays for Future.

Wusstest du, dass es als unhöflich gilt, in hoffnungsloser Stellung weiterzuspielen?“
„Kann ich wiederkommen? Ich meine, wenn ich Lust habe, eine Partie zu verlieren?“
„Hast du nichts Vernünftiges zu tun?“
„In einer verrückten Welt vernünftig zu sein, ist der reine Irrsinn.

Und der Fall selbst? Der ist ganz klassisch angelegt, kommt ohne großen technischen Schnick-Schnack daher und besteht aus traditioneller Polizeiarbeit. Nach und nach wird klar, dass die Geschehnisse rund um das mehr als zwielichtige Immobilienobjekt zur Lösung des Falles führen, doch bis dahin werden mehrere verdächtige Personen aufgebaut, wobei lange Zeit unklar ist, um wen es sich bei dem Toten überhaupt handelt. Der Plot wird locker und teils humorvoll erzählt, zudem bleibt die Spannungskurve konstant hoch, wozu etliche Wendungen beitragen. Es wird übrigens nicht bei einem Todesfall bleiben.

Er öffnete den Browser und ließ sich den Verlauf anzeigen. Eine ziemlich einseitige Angelegenheit. Achtundneunzig Prozent Schach und zwei Prozent Pornografie. Für einen Mann in Jakobs Alter eine ungewöhnliche Quote.

Das titelgebende Thema Schach hätte ausführlicher behandelt werden können, so heißt es aber für Krimifans, die mit dem Königlichen Spiel nichts anzufangen wissen, dass sie hier zugreifen können. Fachbegriffe aus der Schachwelt werden hier allenfalls in homöopathischer Dosis eingestreut. Das Verhältnis zwischen Ermittlung und Privatleben der Ermittler ist angenehm aufgeteilt, die Polizeiarbeit steht deutlich im Fokus. Wie schon beim Vorgänger, nehmen auch hier die übrigen Teammitglieder aktiv teil, sprich sie erhalten eigene Kapitel, in denen sie und nicht Kant im Mittelpunkt stehen. Wer deutsche Krimis nach klassischem Aufbau mag, ist hier richtig. Gerne mehr davon.

  • Autor: Marcel Häußler
  • Titel: Kant und der Schachspieler
  • Verlag: Heyne
  • Umfang: 320 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: November 2022
  • ISBN: 978-3-453-42701-3
  • Produktseite


Wertung: 12/15 dpt


1 Kommentar
  1. spannend und unterhaltsam
    Das Leben und Ableben des Schachspielers Jakob Holler aufzuklären steht im Zentrum der polizeilichen Aufgabe des Ermittlerteams um KHK Joachim Kant — und der Erzählstrategie des Autors Marcel Häußler. Beide, Kant und Häußler, zeigen sich ihren Aufgaben absolut gewachsen.
    Ein bis zur letzten Seite spannender, auf der persönlichen und gesellschaftlichen Ebene engagierter Roman, der mit seinem Plot, seinen Finten und Rochaden, großes erzählerisches Geschick und Einfühlungsvermögen beweist. – Eine Leseempfehlung für alle, die nicht unter ihrem Niveau unterhalten werden wollen.

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