Cyberpunk: Edgerunners (Anime)


Hier ist eine kleine Playlist, von der ich mich freuen würde, wenn ihr sie beim Lesen anhört:

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© Netflix

Im September dieses Jahres ist ein Anime erschienen, den niemand erwartet hat: “Cyberpunk: Edgerunners”. Das Besondere? Der Anime spielt im “Cyberpunk 2077”-Universum – einem Spiel, das sehnsüchtig erwartet wurde und nachdem es 2020 erschienen war, gefloppt ist.

“Cyberpunk: Edgerunners” ist 2022 auf Netflix erschienen und wurde von Studio Trigger animiert. “Cyberpunk: Edgerunners” ist dabei ein Prequel von “Cyberpunk: 2077” und thematisiert das Leben in einer kapitalistischen Welt, in welcher Unternehmen das politische und gesellschaftliche Geschehen bestimmen und sich Menschen durch “Chrome” (technischen Körpermodifikationen) anpassen müssen.

Stellt euch vor, ihr lebt in einer Welt, die durch den Klimawandel und gesellschaftliche Ungleichheiten zerstört wurde. Überleben ist nur in Städten möglich, in denen Megakonzerne das Sagen haben. Eine dieser Städte ist Night City. Dort herrscht eine krasse Teilung zwischen Arm und Reich: Während die Reichen und Mächtigen ohne Kontrolle Menschenleben gefährden dürfen, um ihren Profit zu maximieren und keine Angst vor Konsequenzen haben müssen, lebt der Großteil der Bevölkerung in Armut und der ständigen Gefahr obdachlos zu werden oder durch Gang-Gewalt und frei herumlaufenden Cyberpsychos getötet zu werden (einen psychologischen Ausnahmezustand, in dem Betroffene Wahnvorstellungen erleiden und gewalttätig werden). 

Gesellschaftlicher Aufstieg ist in der Welt kaum möglich und sozialer Wandel nicht vorstellbar, weil mächtige Konzerne Proteste und Widerstand ohne Mühe niederschlagen können.

In dieser Welt lebt David – ein siebzehnjähriger, der dank der harten Arbeit seiner Mutter und ihrem illegalen Handel mit Körpermodifikationen eine Privatschule besuchen darf, in der Hoffnung, ihm ein sicheres Leben zu ermöglichen. Als seine Mutter nach einem Gang-Angriff auf dem offenen Highway stirbt, weil sie sich keine medizinischen Behandlungen leisten kann, implantiert sich David ein militärisches Implantat, das seine Mutter gestohlen hatte, um es auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, das ihm übermenschliche Geschwindigkeit und Reflexe ermöglicht. Dieses Implantat wollte seine Mutter auf dem Schwarzmarkt verkaufen.
Allein und traumatisiert schließt er sich einer Cyberpunk-Gruppe an – einer Gruppe von Söldnern, die illegale Aufträge annehmen und ausführen und deswegen Edgerunner genannt werden.
Als Edgerunner erlebt er dann das erste Mal Zugehörigkeit, Liebe und Zusammenhalt, während er mit seinem Team lebensbedrohliche Aufträge ausübt.
Dieses Glück vergeht aber schnell, denn bald merkt David, dass man Night Cities Fängen nicht entkommen kann – denn egal wie “besonders” eine Person ist oder welche Träume frau verfolgt, frau kann nicht dem Geflecht aus Technokratie, kapitalistischen Effizienzdenken und unterdrückenden Strukturen entkommen.

“Cyberpunk: Edgerunners” hat mich fertig gemacht.

Nicht nur war der Animationsstil bunt, edgy und ausdrucksvoll – auch die Figuren mit ihren unterschiedlichen Geschichten und Zielen haben mich mitgerissen.

Wir hatten David, den grünohrigen Teenager, der den Machenschaften seiner Umwelt schutzlos ausgesetzt war und verzweifelt versuchte, die Träume seiner Lieben zu erfüllen – nur um dann selbst Opfer der Stadt zu werden. Währenddessen wünschte er sich besonders zu sein, was er durch seine unnatürlich hohe Toleranz gegenüber dem installierten Chrome bestätigt sah.
Wir hatten Maine, den Anführer der Gruppe, der zwar sagte, dass jeder auf sich selbst gestellt ist, aber trotzdem versuchte, alle, die ihm wichtig waren, zu retten.
Wir hatten Rebecca, die akzeptierte, wie die Welt funktionierte, aber trotzdem versuchte, ihr eigenes Stückchen Glück zu behalten.
Und wir hatten Lucy, die sich nicht von ihrer Vergangenheit befreien konnte und dadurch kaum Nähe zulassen konnte und in gefährliche Situationen geriet.

Die Handlung war dabei durchgehend spannend, geladen und packend. Während wir am Anfang David dabei begleiten dürfen, wie er sich in seinem neuen Leben als Cyberpunk einfindet, in seiner “Ausbildungsphase” auf die Nase fliegt, Freunde findet und immer mehr Erfolge erlebt, nimmt die Geschwindigkeit der Handlung mit jeder Folge rasant zu und wird immer dichter, bis ich mich gar nicht mehr von meinem Bildschirm trennen konnte. Ein Tief folgt direkt nach einem Hoch, ohne jemals wertvolle Zeit mit Nebensächlichkeiten zu verschwenden.

Und das ist ganz schön schwierig zu machen! Der Anime hat gerade zehn Folgen, mit jeweils 26 Minuten Laufzeit, in welcher die Handlung mehrere Jahre überspringt und dabei trotzdem zu einem runden Ende kommt. Es wurde immer genug gezeigt, um uns die unterschiedlichen Figuren und ihre Motivationen vorzustellen, Leben einzuhauchen und zu zeigen, wie ihre Welt funktioniert.

Gerade das Worldbuilding fand ich am beeindruckendsten: Die Macher*innen hätten sich jederzeit entscheiden können, “Cyberpunk: Edgerunners” “freundlicher” zu machen. Sie hätten nicht so viel Tod und Zerstörung zeigen müssen, den Artstyle bunter und runder machen können – aber sie haben sich dazu entschieden, deutlich zu zeigen, wie eine dystopische Zukunft wirklich aussehen könnte: Kaputt, dreckig, voll mit Drogen- und VR-Süchtigen und Menschen, die sterben – entweder weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren, sich mit der falschen Person angelegt haben oder sie Teil einer Gang waren. Es gibt keine glücklichen Zufälle oder extra Regeln für irgendjemanden in dieser Welt. In Night City bist du entweder reich und kann sich die nötigen Upgrades kaufen, um dich anzupassen, oder du bist tot.

Das gilt auch für David und seine Freunde.

Gerade die Figuren in “Cyberpunk: Edgerunners” waren fantastisch – nicht, weil sie so toll und einzigartig waren, sondern wie lebendig sie sind! Jede einzelne Person hatte eine eigene Geschichte, Interessen und Motivationen und sie waren dadurch verbunden, gemeinsam ihren Lebensunterhalt miteinander zu verdienen. Nie hatte ich das Gefühl, dass sich die Welt um David dreht, sondern dass die Figuren und ihre Geschichte einen von vielen ist in einer Welt, die sich auch ohne die Figuren weiterdreht.

Das ist umso spannender, wenn wir uns vorstellen, welche Geschichten noch in der Welt von “Cyberpunk: Edgerunner” zeitgleich stattfinden könnten.

Insgesamt spiegelt diese Perspektive genau wider, worum es in “Cyberpunk: Edgerunners” geht – Ohnmacht gegenüber dem System, die Bedeutung von Träumen, Freundschaft und Individualität. Aber auch Mental Health.

Zu keiner Zeit dachte jemand daran, das System zu verändern – wie denn auch? Stattdessen versuchten sich unsere Figuren mit Implantaten an ihre Umwelt anzupassen und das Beste aus ihrer Situation zu machen. Während manche Drogen- und VR-süchtig wurden oder sogar Cyberpsychosis verfielen, weil sie zu viele Implantate trugen, versuchten andere, sich so sehr an ihre Freunde und Familie zu halten, wie sie konnten – in der Hoffnung, von ihnen am Ende nicht hintergangen zu werden. Mental Health war zu keiner Zeit ein Thema, obwohl eine der krassesten Auswirkungen eine Cyberpsychose war. Cyberpsychosen treten auf, wenn eine Person zu viel Chrome trägt und das Gehirn, die unterschiedlichen künstlichen und belastenden Eindrücke nicht mehr verarbeiten kann. Schlimmstenfalls führt diese Psychose dazu, dass Personen vor lauter Wahnvorstellungen Amok laufen.

Dass Chrome aus der Not heraus implantiert wird, um in Night City überleben zu können ist, macht Cyberpsychosen zu einer starken Metapher.

Insgesamt befanden sich die Bewohner von Night City unter Dauerstress – wenn sie nicht gerade um ihr Überleben kämpften oder durch alltägliche Gewalt und Brutalität traumatisiert wurden, mussten sie um ihre soziale Stellung bangen. Träume, echte Freundschaft und Intimität, individuelle Entfaltung und ein Entkommen aus diesem Dauerstress sind kaum möglich.

Auch die Musik war fantastisch! Es gab einen Mix aus polnischen Rappern, den einen oder anderen amerikanischen Punkern und japanischen Künstler*innen, der zusammen unterschiedliche Stilrichtungen und Stimmungen verband, was perfekt in eine dystopische Zukunft passt. Gerade der Intro-Song “This Fffire” von Franz Ferdinand und Davids Intro Musik “Who’s Ready for Tomorrow” von Rat Boy waren perfekt und haben “Cyberpunk: Edgerunners” Themen und David Persönlichkeitsentwicklung perfekt aufgegriffen.

Hier nochmal beide Songs, weil ich sie so sehr liebe:

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Spotify-Link

“Cyberpunk: Edgerunner” ist deswegen ein Anime, den ich euch ans Herz legen möchte – auch, wenn ihr normalerweise keine Anime mögt. 

“Cyberpunk: Edgerunner” zeigt, wohin uneingeschränkter Kapitalismus führen kann, und zwar zu einer menschenverachtenden Welt, in der Menschen ihre Körper modifizieren müssen und Verbrechen begehen müssen, um überleben zu können. Menschlichkeit, Liebe und Freundschaft können nicht existieren, weil alle um ihr eigenes Leben kämpfen müssen, während reiche und privilegierte aus Spaß Filme konsumieren, in denen Cyberpsychos Unschuldige abschlachten. Es gibt keinen Aufstieg in dieser Welt und keine Möglichkeit, den unterdrückenden Strukturen zu entkommen. Niemand ist besonders und keinen interessiert es, wenn man plötzlich stirbt – wenn frau sich überhaupt eine Krankenversicherung leisten konnte.

Dabei ist “Cyberpunk: Edgerunner” kein klischeemäßiger Anime – wir haben kein ständiges Geschrei, die Figuren besitzen Tiefe und unsere Figuren werden nicht in der letzten Sekunde glücklicherweise gerettet. Nur die Brüste der weiblichen Figuren sind oft leider unnatürlich groß und die (knappen und engen) Kleider der Frauenfiguren wirken oft sehr unpraktisch.
Mein größter Kritikpunkt ist aber, dass der Anime zu kurz war – man hätte viele Abschnitte länger machen können oder sogar extra Folgen ergänzen können und ich hätte alles verschlungen.

Deswegen: Schaut “Cyberpunk: Edgerunners”!

Erwartet aber kein Happy End. Es kann kein Happy End geben, wenn sich einzelne strukturell benachteiligte Menschen gegen eine Stadt stellen, die durch Kapitalismus und Konzerne beherrscht wird.


Wertung: 15/15 dpt

  • Titel: Cyberpunk: Edgerunners
  • Originaltitel: Cyberpunk: Edgerunners
  • Produktionsland und -jahr: Japan, Polen, Amerika 2022
  • Genre: Anime, Cyberpunk, Science Fiction, Drama, Punk
  • Erschienen: 2022
  • Label: Trigger / Netflix
  • Länge der Episoden: 23 – 26 Minuten
  • Regie: Hiroyuki Imaishi und Yoshiyyuki Kanek
  • Produktion: Satoru Homma, Gabriel Moszkowski und Bartosz Szlybor
  • FSK: Keine Angabe
  • Audio: Japanisch, Deutsch, Englisch, Spanisch, Brazilianisches Portugisisch, Italienisch, Tschechisch, Ungarisch, Polnisch, Indonesisch, Thailändisch
  • Untertitel: De, E, Jap, Fr, Ru, U
  • Sonstige Informationen: Die Serie kann nur auf Netflix angesehen werden
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