Therese Bohman – Andromeda (Buch)


Sie sind nur Kollege und Kollegin. Eigentlich sogar Vorgesetzter und Untergebene. Er ist um die sechzig, sie Anfang dreißig.

Durch eine flüchtige Begegnung im Büro wird Verlagsleiter Gunnar auf die Praktikantin Sofie aufmerksam. Er ist beeindruckt von der ehrlichen Art der jungen Frau und ihrem Gespür für Literatur. Ohne Rücksicht zu nehmen auf die üblichen internen Karrieremechanismen innerhalb des Verlags nimmt er sie unter seine Fittiche und macht sie zur Partnerin bei der Herausgabe der renommierten Literaturreihe „Andromeda“. Sofie soll einmal seine Nachfolgerin werden.

Mit der Arbeit im renomierten Verlagshaus Rydéns geht für Sofie ein absoluter Traum in Erfüllung. Sie, die sich ihre höhere Bildung den einfachen Verhältnissen abgetrotzt hat, aus denen sie stammt, ist von nun an direkt an der Entstehung neuer literarischer Werke beteiligt. Sie brennt für die Literatur. Diese Arbeit ist ihr Leben und Gunnar wird für sie zur wichtigsten Bezugsperson.

Therese Bohmann nutzt das Setting innerhalb des Literaturbetriebs, um grundsätzliche Gedanken zur Rolle der Literatur einfließen zu lassen.

Wie wirkt sich Kommerzialisierung auf die Entstehung von Büchern aus? Welchen Wert haben Klassiker? Wo steht Literatur in der Gesellschaft? Und wo stehen die Menschen, die sich der Literatur verschreiben?

Doch unabhängig davon, dass die Autorin dieses Milieu gewählt hat, um ihre Story zu erzählen, könnte der Plot ebenso gut auch in einem anderen Umfeld eingebettet sein.

Therese Bohmann ist mit „Andromeda“ eine berührende Erzählung über zwei Menschen gelungen, die eine echte Seelenverwandschaft verbindet.

Die Autorin hat ihren Roman zweigeteilt. Im ersten Teil gibt sie ihrer Protagonistin Sofie das Wort. Als Ich-Erzählerin lässt sie die Leser:innen nah an sich herankommen. Es entsteht das Porträt einer Frau, die mit ihren konservativen Ansichten und Umgangsformen etwas altmodisch auf ihre Umwelt wirkt. Ihr Idealismus und ihr Anspruch in Bezug auf Literatur wirken auf die meisten Altersgenossen wenig zeitgemäß. Und doch ist es gerade diese Einstellung, die Sofie und Gunnar einander nahe bringt. Denn Sofie teilt Gunnars Ansichten. Von ihm fühlt sie sich verstanden und bestätigt. Mit ihm bildet sie eine Einheit.

Auch der zweite Teil  des Romans ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Bohmann erzeugt einen beeindruckenden Moment in ihrem Text, als sie ihren Leser:innen wie nebensächlich zeigt, wem die Stimme eigentlich gehört, die auf so vertraute Weise die Erzählung fortsetzt. Denn obwohl der Erzählton sich nicht vom ersten Teil unterscheidet, der Duktus exakt der gleiche bleibt, ist es nicht Sofie, sondern Gunnar, der das Wort übernommen hat. Der Eindruck einer großen Verbundenheit zwischen den beiden Protagonisten bestätigt sich erneut.

Von außen betrachtet ist die Beziehung zwischen Sofie und Gunnar eine Arbeitsbeziehung. Die berufliche Hierarchie bestimmt den Takt ihrer Begegnungen, die gesellschaftliche Norm legt fest, was sie füreinander sein dürfen. Und vor allem was nicht. Nie überschreitet einer von ihnen diese unsichtbaren Grenzen. Und so bleiben beide am Ende hinter ihren Wünschen zurück.

Es gibt so viele Gefühle, für die es einfach keine Bezeichnung gibt. Eigentlich seltsam, dass man für einige einfach kein Wort erfunden hat. Was vielleicht daran liegt, dass es so einfacher ist. Wir begreifen und ordnen unser Leben ausgehend von dem, für was wir Worte haben. …] In einer anderen Sprache oder in einer anderen Zeit wäre Gunnars und meine Beziehung vielleicht eine andere gewesen, vielleicht hätte es dafür ein Wort gegeben, das mehr beinhaltete als die zweidimensionalen Wörter ‚Kollegen‘ oder ‚Freunde‘.

Die Erkenntnis etwas „ganz wesentliches“ verpasst zu haben, verleiht dem Roman eine schmerzliche Note. Beide, Sofie und Gunnar , reflektieren rückblickend die verpassten Gespräche und nicht wahrgenommenen Gelegenheiten.

Die Wahl der doppelten Ich-Erzählperspektive unterstreicht diese Tragik. Denn obwohl Sofie als auch Gunnar uns, die Leser:innen, tief in ihre Empfindungen blicken lassen, gewähren sie einander diese Offenheit nie.

So lesen wir zwei Monologe, die zwar das Wort aneinander richten, aber nie in einen gemeinsamen Text zusammenfließen. Sofie und Gunnar bleiben in den ihnen zugewiesenen Rollen und verletzten nie die gesellschaftliche Erwartungshaltung. 

Am Ende spürt man vor allem das Bedauern beider Protagonisten und dahinter den Appell einer Autorin, Freundschaft und Liebe – egal in welcher Form sie sich auch immer präsentiert – mit größerer Offenheit/Toleranz entgegenzutreten.

  • Autorin: Therese Bohman
  • Titel: Andromeda
  • Originaltitel: Andromeda
  • Übersetzerin: Ricarda Essrich
  • Verlag: Europa Verlag
  • Erschienen: September 2023
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 176 Seiten
  • ISBN: 978-3958905788


Wertung: 12/15 dpt

 


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