Ute Bales – Bitten der Vögel im Winter (Buch)


Das alltägliche Gesicht des Bösen

Wer aus heutiger Sicht auf die unfassbaren Verbrechen der Nationalsozialisten blickt, sieht sich früher oder später immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie so etwas überhaupt möglich war. Wie konnte sich die menschenverachtende Ideologie der Nazis innerhalb der Zivilbevölkerung durchsetzen? Wieso fanden die Täter und Täterinnen nicht nur Legitimation sondern auch Zustimmung und aktive Unterstützung? Muss die logische Schlussfolgerung nicht lauten, dass es mehr als nur einige wenige mächtige Unterstützer gegeben haben muss?

Ute Bales beantwortet diese Fragen am historisch belegten Beispiel. Im Mittelpunkt ihres Romans steht mit Eva Justin eine reale Person. Die gelernte Krankenschwester traf 1934 mit Anfang Zwanzig auf den renommierten Arzt und Wissenschaftlicher Robert Ritter. Ritter, der in ihr die perfekte Gefährtin erkannte, förderte sie beruflich und ging später mit ihr eine Beziehung ein. So machte Justin während des Dritten Reiches als sogenannte Rassenforscherin Karriere und arbeitete unter Ritter bis Kriegsende im Reichsgesundheitsministerium, wo sie maßgeblich für die Verfolgung und systematische Ermordnung von tausenden Sinti und Roma mitverantwortlich wurde.

Mit großer Sorgfalt zeichnet Bales die allmähliche Radikalisierung ihrer Figur nach und macht dadurch sichtbar, wie sich die Grenzen zwischen Gedanken und Taten immer schneller auflösten. Vor uns entsteht das Porträt einer eher durchschnittlichen Frau. Auf den ersten Blick ist Eva Justin kein Monster, keine offensichtliche Psychopathin, niemand mit sadistischen Gewaltfantasien o.ä. Justin wirkt eher passiv und angepasst. Sie ist getrieben von der Idee eines „gesunden Volkskörpers“ und der Überzeugung diesen vor schädlichen Einflüssen schützen zu müssen. In ihrer Arbeit, die diesem Ideal dient, geht sie völlig auf. Was ihr mangelt ist jegliches Verständnis für Andersdenkende. So fehlt es ihr an Empathie für die von ihr untersuchten Menschen, deren Schwäche sie als abstoßend empfindet. Für ihre Opfer, denen sie das Menschliche immer mehr abspricht, hat sie nur Verachtung übrig.

Eva steht neben Robert und hält
einen Knüppel in der Hand. Wie er, so stößt und drückt auch sie die Leute in
Richtung der Waggons. Wenn jemand zögert, droht sie mit dem Stock. Es ist, als
ob sie eine Kuhherde antreibt. Stark fühlt sie sich. Wie ein Soldat an der
Front. Sie hasst diese permanente Angst in den Augen der Leute, diese
unterwürfigen Blicke. Kaum zu ertragen ist das.

<span class="su-quote-cite">Seite 307/308</span>

Bales gelingt das Kunststück, die Geschichte aus der Perspektive der Täterin zu schildern, deren Gefühlslage abzubilden, uns nachvollziehbar zu machen, ohne jedoch Justin dabei aus der Verantwortung zu nehmen. Die Autorin verwendet den kühlen, fast teilnahmslosen Blick ihrer Hauptfigur wie die Linse einer Kamera, die das Geschehen aufzeichnet und dokumentiert.

Diese Vorgehensweise ist erzählerisch hochriskant, da Bales nicht darauf hoffen darf, Empathie für ihre Hauptfigur zu erzeugen. Doch indem ihr diese Art des Erzählens gelingt, wird der Effekt umso eindringlicher: Der Kontrast zwischen dem vermeindlich harmlosen Erscheinungsbild der jungen Frau und ihrem Tun raubt einem schier den Atem.

Eva Justin ist ein klassisches Beispiel für die „Banalität des Bösen“, wie Hanna Arendt das Phänomen des sich akribisch hinter Vorschriften verschanzenden Täters beschrieb, der vorgibt die Reichweite seiner Taten nicht gesehen zu haben. Bales erschafft mit ihrem Roman einen erschütternd authentischen und historisch hervorragend recherchierten Rahmen, um die Perversion der Täterideologie aufzudecken.

Auf den Straßen kann man jetzt
leicht erkennen, wer ein Jude ist. Ein gelber Stern leuchtet von Jacken,
Strickwesten, Sakkos und Mänteln. Die schwarze Aufschrift „Jude“ ist in
hebräischer Schrift verfasst. Das Verdecken durch Kragen oder Taschen ist nicht
zulässig. Die Witzendorf mutmaßt, dass die Sterne teuer sind. Sie überschlägt
die Zahl der Juden, schätzt, dass jeder Stern mindestens eine Reichsmark kostet
und rechnet aus, was das Reich dafür aufgewendet hat. Frau Kallies hat
mitbekommen, dass die Juden, wenn sie den Stern bekommen, unterschreiben
müssen, ihn sorgfältig und pfleglich zu behandeln, was für Eva das Mindeste an
Respekt ist, was die Gezeichneten dem Staat entgegenzubringen haben.

<span class="su-quote-cite">Seite<br /> 19</span>

Die Autorin zeigt mit ihrem Roman ganz klar: Ein Unrechtssystem wie das Dritte Reich konnte nur funktionieren, weil es durch zahlreiche Mitläufer getragen wurde – oder wie im Falle von Eva Justin – als Mittäterin aktiv unterstützt wurde. Ein Nicht-verantwortlich-sein gab es nicht. Wer sich dem System andiente, tat das bewusst. Wer Befehlen folgte, folgte ihnen freiwillig oder sogar mit vorauseilendem Gehorsam. Für den Erfolg des Nationalsozialismus war nicht allein eine elitäre Gruppe verantwortlich, die andere unterdrückte und zwang. Die Ideologie wurde von vielen mitgetragen, wodurch ihr erst der Weg bereitet wurde.

Am Ende des Romans wirft die Autorin noch einen kleinen Blick auf das skandalöse Nachspiel während der Nachkriegsjahre, welches den Verbrechen folgte.

Weder erhielten die Überlebenden eine Anerkennung oder Entschädigung, noch wurden Justin und Ritter je strafrechtlich belangt. Schlimmer noch: Beide arbeiteten nach dem Krieg im behördlichen Dienst der Stadt Frankfurt a.M. Als Kinderpsychologin erstellte Justin amtliche Gutachten bis 1962 u. a. auch über Sinti und Roma, also über ehemalige Opfer.

Bales Roman ist ebenso erschreckend authentisch wie aktuell. Die Mechanismen des Rassismus, die sie akribisch beschreibt, sind zeitlos. Der Roman, der 2018 im Rhein-Mosel-Verlag erschien, wurde mit dem Martha-Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet.

Große Leseempfehlung!

  • Autorin: Ute Bales
  • Titel: Bitten der Vögel im Winter
  • Verlag: Rhein-Mosel-Verlag
  • Erschienen: Oktober 2018
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 410 Seiten
  • ISBN: 978-3898014021


Wertung: 14/15 dpt


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