Sibylla Schwarz – Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer? (Buch; Leseheft)

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Sibylla Schwarz - Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer? (Cover © Reinecke & Voß)Nur siebzehn Jahre lang, nämlich von 1621 bis 1638, weilte die in Greifswald geborene Dichterin und Tochter des damaligen Greifswalder Bürgermeisters Christian Schwarz auf diesem Planeten, bis sie von der Ruhr niedergestreckt wurde. Sie, die man gern auch „die pommersche Sappho“ nannte, hinterließ ein für ihr Alter imposantes Vermächtnis an Gedichten und war zwei Zentennien lang nicht aus der deutschen Literatur wegzudenken, bis ihr Name langsam aus den Köpfen der Menschen und auch aus den Lexika verschwand, zumal es sich als Frau sowieso nicht gehörte, der kreativen Zunft anzugehören.

Es musste auch erst bis 1650 dauern, bis ihr Lehrer Samuel Gerlach sich dazu entschied, das zweiteilige, jeweils mehr als hundert Gedichte in sich bergende Sammelsurium „Deutsche Poëtische Gedichte“ zu veröffentlichen, aus welchem so manche Liedtexte sogar den Weg in Gesangbücher fanden. Texte, die sich mit Krieg, dem Tod, aber auch zu einem großen Teil mit Liebe und Freundschaft befassen. Woher diese junge Frau das Wissen, dieses hohe Maß Empathie und diese beeindruckende Lebenserfahrung hatte, darüber lässt sich nur spekulieren – es war jedoch bekannt, dass sie sehr vertraut mit dem Barock-Theoretiker und Dichter Martin Opitz war und ihr seine Werke ein hohes Maß an Inspiration schenkten, obendrein war man sich gewahr, dass sie Latein beherrschte. Zudem, als sie mit zehn Jahren das dichten begann, haben wohl die damaligen dramatischen Erlebnisse – der Dreißigjährige Krieg rollte auch gen Greifswald – viel von dem geprägt, was sie zu Papier brachte. Negative Erlebnisse sensibilisieren den Menschen sehr.

In diesem Leseheft – eine Gesamtausgabe ist geplant – findet sich nun eine (orthographisch und zum Teil auch hinsichtlich des Textlayouts) leicht modernisierte Auswahl ihrer, Zitat Walter Hinck, „tanzen lernenden Sonette“ in Form barocker Lyrik wieder, und es fällt auf, dass die Texte trotz ihrer poetischen Natur niemals pathetisch oder schwülstig wirken. Vielmehr wohnt ihnen eine Strahlkraft inne, die einerseits ein beeindruckendes Maß an Herz und Gefühl („Ist Lieb ein Feur“, „Liebe schont der Götter nicht“ und so manches Gedicht, das stellenweise auch sehr eindeutig Verlangen und Lust thematisiert), aber auch ein ebenso ausgeprägt vorhandener Intellekt und Verstand innewohnt („Ein Gesang wider den Neid“). Doch die Texte wurden nur insoweit angepasst, dass sie für das heutige „innere Ohr“ verständlicher klingen. Das damalige Vokabular wurde demnach weitestgehend bewahrt, sodass vieles davon stattdessen in einem Teil der dreieinhalb Seiten respektive 58 Anmerkungen zu diversen Textpassagen erklärt oder gar übersetzt wird.

Angenehm geschmeidig und weich trägt der Rhythmus die Worte, doch fast einer Komponistin gleich wusste Sibylla Schwarz, die Gedichte so zu arrangieren, dass sie niemals ein monotones Einerlei steifer Metrik sind. Im Schlagzeugerjargon würde man sagen, die Fill-ins und die Übergänge sind originell, überraschend, aber niemals unsauber oder holprig. Auch der Rhythmus selbst ist niemals stoisch sondern variiert in zarten Nuancen. Schwarz jonglierte mit Worten und sprang unter ihnen umher, sicher koordinierend und am Ende mit einer selbstbewussten Verbeugung gen imaginärem Publikum abschließend.

„Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer?“ ist, wenn man so will, ein kleines Tablett an Appetithäppchen, die man sich schnappen darf. Und wovon man auch probiert: Man möchte es in größeren Portionen genießen (wenngleich „Ein Gesang wider den Neid“ sowie diverse andere Gedichte ob ihrer Überlänge ordentlich mächtig sind!) – am besten die poetische schwarz’sche Speisekarte rauf und wieder runter.

Cover © Reinecke & Voß

  • Autor: Sibylla Schwarz
  • Titel: Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer?
  • Verlag: Reinecke & Voß
  • Erschienen: 03/2016
  • Einband: Leseheft; Leimbindung
  • Seiten: 60
  • ISBN: 978-3-942901-21-5
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten
    Eine Veröffentlichung des Sibylla Schwarz e. V. Greifswald

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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