Michael Eberl – Nicht von dieser Welt (Buch)

Leben und Sterben, Scheitern und Träumen, Geheimnisse und Vertrauen

Nachdem Tod des Vaters zieht Mischa mit seiner Mutter in die kleine Hausmeisterwohnung eines Klinikums im Schwarzwald. Auf der Intensivstation verdient die Mutter den Lebensunterhalt der Familie. Der verstorbene Vater ließ die Familie verarmt zurück, indem er alles Geld verspielte und vergeblich auf den großen Jackpot wartete. Zu seinem Sohn pflegte er ein herzliches und warmes Verhältnis, sodass Mischa seinen Vater und die gemeinsamen Spiele und Ausflüge schmerzlich vermisst.

Was eine Sache des Schicksals, des Glücks oder der Götter war, früher, als die Menschen noch zu Hause starben, wurde eine Angelegenheit der Ärzte, der Wissenschaft, der Forschung. Früher war das Sterben ein Teil des Todes. Durch die moderne Medizin ist das Sterben ein Teil des Lebens geworden. S. 93

Mischas Alltag fließt eintönig und einsam dahin, bis zwei Ereignisse sein Leben umdrehen. Das erste Ereignis: Verstorbene rufen ihn auf einem Münztelefon in der Eingangshalle des Krankenhauses an, zum ersten Mal ausgerechnet an seinem 13. Geburtstag. Sie bitten ihn um einen Gefallen und Mischa bemüht sich, die Aufträge zu erledigen. Nicht immer mit Erfolg, jedoch in der Hoffnung, eines Tages noch einmal seinen Vater zu sprechen.

Aufbruch und der Schatz von Halberstadt

Das zweite Ereignis ist die Begegnung mit Sola während eines Schüleraustauschs in Frankreich. Die siebzehnjährige Schwarze ist zwar nicht Mischas Austauschpartnerin, jedoch diejenige, mit der er viel Zeit verbringt. Beim Gegenbesuch in Deutschland ist es Sola, die aus dem Bus der Austauschschüler:innen steigt. Sie fungiert als Tutor für die Teilnehmenden und wohnt in der Hausmeisterwohnung. Mischas Leben krempelt sie komplett um. Sie verleiht ihm den Mut, Risiken einzugehen und schlägt schließlich ein aberwitziges Abenteuer vor: Sie will in der Nähe von Halberstadt in den Stollen einbrechen, in dem die Staatsbank der DDR Milliarden an Ostmark deponierte, um sie verrotten zu lassen.

In jedem Fall war der Osten zu einem mystischen Ort der Freiheit geworden, unbekanntes Terrain, angeblich rechtsfrei, aufregend, irgendwie gefährlich, irgendwie interessant. [..] Plötzlich war der Wilde Osten ein Sehnsuchtsort, wie der Wilde Westen, mit Goldgräbern, Glücksrittern, Exzessen, auf die wir neugierig waren und vor dem wir zugleich Angst hatten, ein geheimnisvolles Auenland, nur in Grau, mit Holzkohlewolken über den Städten.S. 146

Im Juli 1991, zehn Monate nach der Wiedervereinigung Deutschlands, brechen Mischa und Sola auf. Auf ihre Weise ergründen sie die Vorgeschichte des Schatzes von Halberstadt. Die Nationalsozialisten ließen ein Tunnelsystem als Fertigungsanlage für Hitlers Kriegsmaschinerie in den Berg graben, von KZ-Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen. Ab 1990 wurde der Stollen zum Milliardengrab einer abgeschafften Währung.

Weniger ist oft mehr

Die Geschichte in „Nicht von dieser Welt“ ist nicht einmal 230 Seiten lang, und enthält dennoch so viele Schichten und Facetten, dass einem das Buch viel seitenreicher vorkommt. Wie schafft es Michael Ebert so viele gehaltvolle Themen, Szenen und Dialoge auf so wenigen Seiten unterzubringen? Eine melancholische Coming of Age Geschichte, mysteriöse Begegnungen mit Toten, die Entwicklung einer rätselhaften und facettenreichen Freundschaft und schließlich ein skurriles Abenteuer?

Michael Ebert ist gelernter Journalist. Gemeinsam mit Timm Klotzek leitet er seit 2013 als Chefredakteur das SZ-Magazin der Süddeutschen Zeitung. Fakten und Ereignisse kurz und knapp in Texten darzustellen, gehört für ihn zum Handwerk. Für Gedanken, Gefühle, Ängste und philosophisch anmutende Gespräche braucht es jedoch einen anderen Stil. Michael Ebert präsentiert in seinem Debut-Roman eine prägnante, und zugleich detailverliebte Schreibe, mit Sätzen zum Niederknien, die Tiefgang und Atmosphäre vermitteln. Wir erleben für die Geschichte wesentliche Versatzstücke aus Mischas Leben, während nicht relevante Bereiche außen vor bleiben. Die Ich-Erzählung ist nicht chronologisch, sondern in Sequenzen und Einschüben aufgebaut. Sie führen oft zu einem Blick in die Vergangenheit oder Zukunft und nehmen das Gegenwartsgeschehen später wieder auf. Es entsteht eine Erzählstruktur, die zuweilen kreisförmig wirkt und auf diese Weise Entwicklungen reflektiert.

Fazit

Die Geschichte um den heranwachsenden Mischa streift familiäre und gesellschaftliche Missstände und interessante historische Themen der Wendezeit. Fein dosierte phantastische Motive verleihen ihr zusätzliche Spannung, ein wenig Grusel und viel Geheimnisvolles. Besonders in einer Wendung am Schluss, die alles Bisherige noch einmal in eine völlig unerwartete Richtung dreht. „Nicht von dieser Welt“ ist ein berührender Roman, der sich mit vielen Facetten des Todes beschäftigt und trotzdem den Aufbruch, die Freiheit und das Leben feiert.

  • Autor: Michael Ebert
  • Titel: Nicht von dieser Welt
  • Verlag: Penguin Verlag
  • Erschienen: 09/2023
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 240
  • ISBN: 978-3-328-60319-1
  • Produktseite beim Verlag

Wertung: 13/15 dpt

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