Felicitas Geduhn – Das vorletzte Haus am Fluss (Roman)

Nachdem ihr Freund Just sie verlassen hat, gerät Ich-Erzählerin Suna in eine persönliche Krise. Um ihre Wunden zu lecken, kehrt sie in ihr Heimatdorf zurück und zieht ins alte Kinderzimmer in ihr Elternhaus. Doch Suna ist nicht die einzig Verlassene. Auch ihre Mutter Conny lebt gerade allein, denn Vater Andreas ist verschwunden, ohne zu sagen wohin. Conny scheint darüber jedoch nicht in Sorge zu sein, viel eher setzt sie trotzig ihren Alltag fort, während sie Suna damit beauftragt an ihrer Stelle das traditionelle Theaterstück zum jährlichen Stadtfest zu inszenieren.

Zwei Frauen, Mutter und Tochter, tragen die Handlung des Romans von Felicitas Geduhn. Zwei Frauen, zwei Geschichten, die sich nur sehr langsam aufeinander zubewegen. Zwei Frauen, deren Perspektiven die Autorin durch einen klugen Kniff geschickt miteinander kontrastiert. Geduhn wechselt zwischen Gegenwart und den späten 80er Jahren, zwischen Suna, die sich als enttäuschte junge Erwachsene fragt, wie es weitergeht, und der im Rückblick jugendlichen Conny, die zum Zeitpunkt ihrer Handlung jünger ist als die eigene Tochter. Lange hat es den Anschein als ob die beiden Teile der Geschichte nichts miteinander zu tun hätten, so wie die zwei Ufer eines Flusses, die sich nicht berühren. Die Entfremdung zwischen Tochter und Mutter ist die fast körperlich zu spürende, unüberbrückbare Konstante.

Eine besondere Rolle nimmt der Handlungsort ein: Das titelgebende „vorletzte Haus“, in dem Suna und Conny wohnen – womit auch impliziert wird, dass es ein letztes Haus gibt –, liegt dort, wo der Fluss das Dorf trennt, wo die Äcker zwischen den Häusern extra weite Räume bilden. Dort, wo auch zwischen den Menschen viel Distanz herrscht, wo wenig gesprochen wird und Geheimnisse im großen Schweigen aufbewahrt werden.

Geduhn verwebt Raum und Zeit zu einem untrennbaren Geflecht, das mit den Leben der Menschen schicksalshaft verbunden ist. Der Ort wird zum Resonanzraum aller offenen und vorallem verborgenen Lebensereignisse. Die Rückkehr der Tochter an den Lebensort der Eltern gerät zur Spurensuche. Sunas langsame Annäherung wird erst möglich, indem sie sukzessive den Ort selbst annimmt.

Im letzten Haus wohnen die Krischs, Vater und Sohn, die im Ortsgeschehen einen besonderen Platz einnehmen. Denn die Krischs sind seit Generationen die Fährmänner. Diejenigen, die das vom Fluss getrennte Dorf miteinander verbinden, die alle Geheimnisse kennen, die auf ihre Weise Teil der Gemeinschaft sind und doch auch wieder nicht. Sowohl für Suna als auch für Conny sind die Krischs wichtige Bezugspersonen und wirken für beide Teile der Romanhandlung als verbindendes Element.

Geduhn setzt auf die Symbolkraft der von ihr heraufbeschworenen Bilder und Personenkonstellationen. Nicht selten ersetzen Andeutungen ein klares Auserzählen. Manches erscheint dadurch lückenhaft und wird der Interpretation des Lesenden überlassen. Überhaupt gewinnt man den Eindruck, der Autorin liegt viel mehr an ihren Figuren und deren Emotionen als an der allergenausten Wiedergabe von Ereignissen. Connys Geschichte kann zwar historisch in die späte Phase der DDR verortet werden, ihre Tragik resultiert jedoch aus den persönlichen Lebenumständen und Verlusten der Protagonistin.

Alle Akteure bewegen sich in einem Spannungsfeld aus Nähe und Distanz. Die tiefe Empathie, die Geduhn für ihre Figuren zum Ausdruck bringt, steht in krassem Gegensatz zu deren Unfähigkeit, sich anderen zu öffnen. Wie Fremde gehen alle miteinander um, Mutter und Tochter, Tochter und Vater, Vater und Mutter. Einsamkeit wird zum Lebensmerkmal, zum dauerhaften Gewicht, das auch Suna und ihre Beziehung belastet. „Das vorletzte Haus“ ist in erster Linie ein Familienroman, bei der der Blick auf die verschiedenen Generationen verhängnisvolle Muster offenbart, denen der bzw. die Einzelne nur schwer entkommen kann.

Geduhns poetische Sprache trägt die vielschichtige Ausgestaltung der Erzählung mühelos. Etwas Schwebendes haftet den einzelnen Szenen an, Geduhns Prosa zeigt regelmäßig einen Hang zum Magischen Realismus. Liebevoll gezeichnet sind auch die zahlreichen Nebenfiguren. Ihnen verdankt der Roman ein hohes Maß an menschlicher Wärme.

Nach „Sommer“ (Rezension bei uns ebenfalls erschienen) ist „Das vorletzte Haus“ der zweite Roman der Autorin.

  • Autorin: Felicitas Geduhn
  • Titel: Das vorletzte Haus am Fluss
  • Verlag: Kampa Verlag
  • Erschienen: 20. August 2026
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3311101789

Wertung: 12/15 dpt

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