Leon Morell – Die Anatomie einer neuen Zeit (Buch)

Die Renaissance und ihre Freigeister

Frühjahr 1540. Verena von Pfäffikon wird wie einst ihre Mutter der Hexerei bezichtigt und soll auf dem Scheiterhaufen brennen. Ein großflächiger Waldbrand greift jedoch den Ort an und in letzter Minute gelingt Verena die Flucht, welche sie nach einigen Wochen nach Padua führt, wo der berühmte Professor Vesal aufsehenerregende Vorträge hält. Kurz nach ihrer Ankunft wird Verena, die sich als Mann verkleidet und Johann Lederer nennt, Zeugin einer Obduktion. Dabei widerlegt Vesal ganz beiläufig die bisherige Lehre des antiken Arztes Galen, die bislang als unantastbar galt. Aber nur, weil etwas nicht hinterfragt wird, muss es ja nicht stimmen. Vesal wird plötzlich aus dem Vortragssaal gerufen, weil ein Student im Sterben liegt. Ebenso wie Verena erkennt Vesal, dass der Student vergiftet wurde.

Einige Stunden später begibt sich Verena in das Leichenhaus, um dem toten Studenten dessen Umhang und Hose zu stehlen. Dabei überrascht sie Vesal, der den Leichnam untersuchen möchte. In seiner nächsten Vorlesung stellt Vesal den Tod des Studenten an einer Ratte nach, die er mit einem Weidenzweig widerbeleben kann. Doch dies löst nicht nur Begeisterung unter den Studenten aus, es ruft zudem die Heilige Kirche auf den Plan. Bischof Pisani gibt ihm höflich zu verstehen, dass nicht die Menschen über den Tod entscheiden. Verena und Vesali wundern sich derweil, dass den Mord niemand untersuchen will. Aber Padua lebt von seiner Universität, die Vergiftung eines Studenten soll daher verschleiert werden, zum Wohle der Universität wie der Stadt.

„In den falschen Händen, kann zu viel Wissen viel Schaden anrichten.“

„Und in den richtigen viel Gutes bewirken.“

„Das sind Ausnahmen. Im Allgemeinen sind die Menschen von zu viel Wissen überfordert. Sie verlieren die Orientierung.“

„Ihr meint, sie verlieren den Glauben.“

Der Konflikt zwischen freier Lehre und der Macht der Kirche spitzt sich zu. Papst Paul macht Druck, von einer neuen Generalinquisition mit unbegrenzten Sonderrechten ist die Rede. Padua ist offiziell eine Universität Venedigs, dessen Senat den Studenten bislang Immunität gegen die Verfolger der Inquisition zusicherte. Ein Machtkampf droht mit ungewissem Ausgang. Als ein weiterer Student ermordet wird, geraten auch Verena und Vesal in große Gefahr.

Was nicht angezweifelt wird, ist noch lange nicht wahr

Nach „Der sixtinische Himmel“ entführt Leon Morell seine Leser erneut in die Zeit der Renaissance, also den Übergang aus dem Mittelalter in die frühe Neuzeit. Bislang standen Gott und die Kirche im Zentrum des Lebens, nun entwickelt sich der Mensch zu einem selbst denkenden Wesen. Dies führt zwangsläufig zu Konflikten, die hier einen wesentlichen Raum einnehmen. Vesal versucht wie kein anderer, die Wissenschaft von vorgefassten Lehrmeinungen zu befreien. Da ist es bis zum Vorwurf der Hexerei nicht weit. Verena kann ein Lied davon singen.

„Es gab kein Brot zu kaufen und kein Wasser zu trinken. Die halbe Welt stand in Flammen, aber Hauptsache, man schützte sich gegen Hexerei.“

Apropos Verena:  Die reale Verena von Pfäffikon hat sich zur Hexerei bekannt, im Roman gelingt ihr die Flucht nach Padua, wo sie auf Andreas Vesalius (1514-1564), Begründer der neuzeitlichen Anatomie und Professor an der Universität von Padua, trifft. Er widerlegt unter anderem den legendären griechischen Arzt Galen (129-216 n. Chr.), dessen wissenschaftliche Arbeiten bis dahin unumstritten waren. Mit Bischof Francesco Pisani (1494-1570), dieser leitete von 1524 bis 1555 das Bistum Padua, betritt eine weitere historische Person die Bühne. Wie Leon Morell Historie und Fiktion miteinander verwebt und dabei die Zeit der Renaissance auferstehen lässt ist beeindruckend. Vesal „erfindet“ in dem Roman die Wiederbelebung (an einer Ratte demonstriert), während Verena als Kräuterkundige ebenfalls zu helfen weiß. Es ist ein ungewöhnliches Gespann, wobei Verena ständig aufpassen muss, dass ihre wahre Identität nicht auffliegt. Schließlich ist sie eine verurteilte Hexe und – nicht zu vergessen – eine Frau. Vesal wäre allerdings nicht einer der größten Anatomen seiner Zeit, wenn ihm nicht frühzeitig auffallen würde, dass es mit „Johann“ nicht weit her sein kann. Fortan gibt er Verena/Johann als seinen Assistenten aus, was ebenfalls gewagt erscheint, denn Verena hat nie lesen und schreiben gelernt, geschweige denn, dass sie Latein kann.

„Wir glauben alle zu viel und wissen viel zu wenig!“

„Die Anatomie einer neuen Zeit“ ist ein bildgewaltiger, vielschichtiger Roman, der bewusst als Historischer Roman betitelt ist. Der denkbare Zusatz „Kriminal“ fehlt zu Recht, denn wenngleich zwei Giftmorde stattfinden, so ist die Frage nach Täter und Motiv zweitrangig. Es geht um die Freiheit der Wissenschaft, darum, Dinge nicht als – um im Bild zu bleiben – gottgegeben hinzunehmen, sondern stets zu hinterfragen. Der Roman ermuntert zum ständigen neugierig sein, wobei er gleichzeitig bestens unterhält. Bei den Obduktionen geht es detailliert zu, die verbalen Scharmützel zwischen Vesal und Pisani sind höchst amüsant, so dass alle die sich für Geschichte, Medizin, Anatomie, Wissenschaft, Religion und vieles mehr interessieren, auf ihre Kosten kommen. Neben Padua ist Venedig ein weiterer Handlungsort, wo die beiden Protagonisten, die Geschichte orientiert sich stets an Verena, auf Tizian treffen. Der Ausgang der Geschichte mag Geschmacksache sein, ist in sich aber stimmig und lässt, zumindest in der Theorie, eine Fortsetzung möglich erscheinen.

  • Autor: Leon Morell
  • Titel: Die Anatomie einer neuen Zeit
  • Verlag: dtv
  • Umfang: 432 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Juli 2026
  • ISBN: 978-3-423-22161-0
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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