Ein ausgefallener Serienmörderthriller

Nathan Cole lebt seit siebzehn Jahren in South Dakota, nachdem er das elterliche Haus damals fluchtartig verlassen hatte. Es war die Flucht vor seinem Vater Lucas, der sich nun in einem billigen Motelzimmer erhängt hat, weswegen Nathan anlässlich der Beerdigung nach Nashville zurückkehrt. Im Nachlass seines Vaters, der sehr erfolgreich triviale Krimis schrieb, findet Nathan ein Manuskript mit dem Titel „The Midnight King“. Lucas Cole war jedoch nicht nur ein erfolgreicher Autor, sondern zudem ein Serienmörder. Nathan beginnt mit der Lektüre und muss feststellen, dass diese viel mit seinem eigenen Leben gemein hat.
Vor einigen Tagen verschwand die achtjährige Chloe Xi, ohne dass die Polizei bisher eine Spur gefunden hat. Daher beauftragen die Eltern den Privatermittler Isaac Holloway mit der Suche nach Chloe. Anonym erhält er eine Liste mit den Namen von zwanzig verschwundenen Kindern. Alle wurden ermordet bis auf Chloe. Bei dreizehn Kindern steht der Mörder fest; das Music City Monster, hinter dem sich Edward Morrison verbirgt, der seit siebzehn Jahren im Gefängnis sitzt und dem Vollzug der Todesstrafe in wenigen Tagen entgegenblickt. Ein Opfer konnte entkommen und ihn identifizieren. Doch weitere sechs Morde folgten und nun verschwindet Chloe wenige Tage vor dem Selbstmord von Lucas Cole. Kurz nach dessen Beerdigung wird ihre Leiche gefunden, der gleiche Modus Operandi wie bei allen anderen Kindern.
Isaac, ein Schulfreund von Nathan, glaubt zu erkennen, dass Morrison unschuldig im Gefängnis sitzt und wer das wahre Music City Monster ist. Die Zeit drängt, Beweise fehlen und die Polizei zeigt ihrem Ex-Kollegen die kalte Schulter. Bald kreuzen sich die Wege von Isaac und Nathan und das Grauen nimmt seinen unerwarteten Verlauf.
Dark Fiction, ausgezeichnet mit dem McIlvanney Award 2025
Vorab: Ja, es mag ein wenig zu viel vom Inhalt erzählt sein, aber andererseits wird für den Leser, lange vor Isaac, klar, wer hinter dem Kindermörder steckt. Auf dem Buchrücken wird bereits erwähnt, dass Lucas ein Serienmörder ist. Allerdings geht die Geschichte damit erst richtig los und man darf auf mehrere Wendungen gefasst sein, denn der preisgekrönte Roman fällt deutlich aus dem üblichen Serienmörder-Schema.
„The Midnight King“ gewann den McIlvanney Award 2025 („Scottish Crime Book of the Year“), nachdem bereits „Welcome to Cooper“ mit dem Bloody Scotland Debut Award 2022 prämiert wurde. Der McIlvanney Award, Preis für den besten schottischen Kriminalroman, ist übrigens benannt nach William McIlvanney (1936-2015), der als „Godfather of Tartan Noir“ gilt und den viele Autoren, darunter beispielsweise Ian Rankin, als ihr großes Vorbild bezeichnen. Rankin durfte übrigens auch das im Nachlass von McIlvanney entdeckte Manuskript „Das Dunkle bleibt“ vollenden. Dies aber nur nebenbei.
Der „Midnight King“ wird wesentlich aus zwei Perspektiven erzählt. Nathans Rückkehr ins väterliche Haus, wo er nach siebzehn Jahren seine ältere Schwester Kate wiedersieht, die, wie er selbst, natürlich mitbekommen hat, wer ihr Vater war respektive was er getan hat. Isaac, der bis vor sechs Monaten noch Detective in Baltimore war, ermittelt auf eigene Faust, erst recht, nachdem Chloes Leiche gefunden wurde. In Baltimore stellte er einen Kindermörder und hätte diesen fast umgebracht, wenn seine Kollegen nicht rechtzeitig eingegriffen hätten. Hier also der Sohn eines Serienmörders, der als Kind zu viel Schrecken hautnah erlebt hat; dort ein Ex-Cop kurz vor dem nervlichen Zusammenbruch, da er sich exzessiv in den Fall hineinsteigert. Ist es bei den zwanzig Morden tatsächlich so eindeutig wie bei Lucas Selbstmord? Natürlich nicht, denn wie gesagt vermag Tariq Ashkanani mehrfach zu überraschen.
Als dritter „Erzählstrang“ sei noch erwähnt, dass es zu mehreren Auszügen aus dem Manuskript von „The Midnight King“ kommt. Der Roman im Roman bietet Einblicke in das Leben und vor allem die abgründige Gedankenwelt eines Serienmörders. Keineswegs immer schön zu lesen, allein, weil die Opfer Kinder sind. Aber was soll man bei einem Kindermörder sonst erwarten? Einige Szenen sind schockierend, dies als kleiner Warnhinweis. Wen dies aber nicht stört, da es sich ja um eine fiktive Geschichte handelt, sollte zugreifen.
Ashkananis Roman ist Dark Fiction, also eine Lektüre bei der man sich mehr und mehr unwohl fühlt, angesichts des zunehmenden Grauens. In seiner Danksagung verweist der Autor beispielhaft auf den Roman „Roter Drache“.
„The Midnight King“ ist harte Kost, aber mit Twists, welche die Lektüre lohnen.
- Autor: Tariq Ashkanani
- Titel: The Midnight King
- Originaltitel: The Midnight King.
- Verlag: Heyne
- Umfang: 448 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: August 2026
- ISBN: 978-3-453-44417-1
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Wertung: 12/15 dpt







