Bist du ein Schlawiner? Ich begleite die Schlawiner auf ihr erstes Konzert (Reportage)

Vor dem Konzert. Die Schlawiner zieren sich davor, gefunden zu werden. Zwar hat die selbsternannte Art-Punk-Band einen Instagram-Account, aber weder Internetseite noch Bandcamp, um irgendetwas von ihnen zu hören. Alles, was man über sie erfährt, kommt zufällig. Ist das Absicht? Gerade weil die Schlawiner sich noch bedeckt halten, ist es umso überraschender, dass sie sich für ein Interview bereit erklärt und mich zu deren ersten richtigen Konzert mitgenommen haben.

Der große Tag. Ich treffe die Band das erste Mal. Die Punk-Band besteht aus Hans, Ben, Max, Henrik und Luigi, die sich durch Mannheimer Jam Sessions kennengelernt haben. Ihr Ziel? Gemeinsam Musik zu machen und Spaß zu haben. Und die jungen Männer sind genau das, was man an Punk lieben muss: Ein bunter Haufen. Zwischen ordentlichen weißen Shirt und Jeans, hip hoppingen Jort und Cap oder vollkommen in schwarz gekleidete Metal-Mausis mit dicken Tunnels stehen sie vor mir und antworten mir auf die Frage, ob sie vor ihrem ersten Auftritt aufgeregt sind, mit einem einfachen “Ne”. Bis auf Max, dem Gitarristen, ist es auch gar nicht der erste Auftritt, denn fast alle waren schon Mitglieder anderer Bands. Man merkt ihnen aber an, dass sie sich schon freuen, während im Hintergrund die Technik des “Space for Art“-Konzertes, über das ich in einem anderen Artikel geschrieben habe, aufgebaut wird.

Seit einem halben Jahr proben sie für dieses Konzert – viel länger ging auch nicht, weil sie zuvor auch noch keine Songs hatten – und ich frage sie, was für sie ein gelungenes Konzert ausmachen würde: Spaß haben und viel Energie auf die Bühne zu bringen.

Wieso sie bei diesem Cloud-Hip-Hop und Pop-dominierten Konzert auftreten – eine Veranstaltung, deren Crowd ganz und gar nicht  dem genre-üblichen Klientel entspricht? Hans, der Band-eigene Lyricist, antwortet darauf selbstbewusst: “Wir haben vor, hier alle von uns zu überzeugen”. Dahinter steckt aber noch ein größeres Thema: Wenn man als noch junge Band durchstarten will, hat man kaum Auswahl, wo man überhaupt auftreten kann. Die Musikbranche ist überfüllt und auch wenn man bereits Branchenerfahrungen hat und sich in der Vergangenheit professionalisieren konnte, gibt es kaum Bühnen für Newcomer-Gruppen ohne etablierte Fanbase oder Social-Media-Following. Insgesamt gibt es wenige Bühnen, auf denen man auftreten kann und jede Chance, sich einen Namen zu machen, muss ergriffen werden.

Ihre Öffentlichkeitsarbeit ist dementsprechend auch ziemlich punk: Anders als mittlerweile üblich wollen sie nicht zuerst ein Social-Media-Following aufbauen, sondern sich durch ihre Auftritte organisch eine Crowd erarbeiten. Für sie ist es wichtiger, eine starke Bühnenpräsenz zu etablieren und live mit ihren Fans zu interagieren, was auch ihre noch schlechte Auffindbarkeit im Internet erklärt. Ziemlich radikal, wenn man sieht, dass Newcomer mittlerweile Internet-First oder in manchen Fällen sogar Internet-Only sind.

Der große Auftritt. Im Hintergrund wird die Technik fertiggestellt und die Auftritte gehen weiter. Nach drei Hip-Hop- und Pop-Acts ist die Punk-Band dran. Und die Schlawiner liefern. Die Jungs treten auf die Bühne, ausgestattet mit Lärmschutzkopfhörern, nehmen ihre Plätze ein. Hans, der Sänger, ausgestattet mit einem hellblauen Bass, tritt ans Mikrophon und stellt direkt in einem freundlichen Ton klar: “Wir spielen jetzt etwas anderes”. Die Crowd, die davor eher wegen des direkten Sonnenscheins am Rand des “Alters” in Mannheim versammelt war und zuvor eher von Teens und Twens dominiert wurde, tritt vor die Bühne.

Keiner, der dabei war, könnte glauben, dass es ihr erster richtiger gemeinsamer Auftritt ist: Von der ersten Sekunde an machen sie eine Show, hüpfen herum, grinsen die Menge an, als wären es ihre besten Freunde, interagieren miteinander und spielen, als wäre die Musik in die Finger gebrannt. Der Sänger singt leidenschaftlich und zeigt, dass melodisches Singen wie auch rauere Töne kein Problem für ihn sind. Zusammen wechseln sie zwischen ballademäßigen Titeln zu lautem Punk und haben keine Scheu davor, sich mit ihren Texten über Vaterschaft, Partnerschaft und Neurodivergenz verletzlich zu zeigen.

Die Energie in der Menge ist toll, die Gruppe ist auf der Bühne absolut charismatisch und sympathisch und man merkt, dass sie sich gegenseitig vertrauen. Ihr Set beenden sie mit einer Botschaft an Elon Musk: Mit einem fetten Grinsen singen sie: “Die Welt ist ok, denn Elon Musk schafft es nicht ins Berghain”.

Bist du ein Schlawiner? Wenige Tage nach dem Konzert treffen wir uns und die Schlawiner sind erleichtert. Ihnen war klar, dass das Konzert zumindest  in Ordnung verlaufen würde – so viel Selbstbewusstsein hat man nach ungefähr zehn Jahren Bühnenerfahrung. Trotzdem war Anspannung da: “Space for Art”- war ihre Deadline, um ihre ersten Texte und Performances fertigzustellen. Es sollte ein „Lackmustest“ sein, ob die “Gruppe gemeinsam auf dem Weg zum Konzert in einem Auto schwitzen könnte, ohne sich danach zu hassen”, so Hans. Haben sie den Test bestanden? Die Gruppe sagt ganz klar: Ja!

Trotzdem bleibt die Frage offen: Was wollen die Schlawiner? Die simple, Antwort einfach gemeinsam Musik zumachen, klingt vielleicht jugendlich und charmant, aber dahinter verstecken sich noch ein paar tiefere Ambitionen. Schlagzeuger Ben möchte ein Band haben, in der er sein “Know-how gebraucht wird” – nicht nur als Schlagzeuger, Songwriter und Musiker, sondern auch als Techniker. Für Gitarrist Max müssen sie nicht unbedingt nächstes Jahr im Rock am Ring auftreten, aber er möchte Zeit mit Freunden verbringen und motiviert bleiben, weiterhin Zeit in das Projekt zu stecken. Singer und Lyricist Hans antwortet um einiges persönlicher:

“Ich muss sagen, ich möchte [etwas] erleben und Erlebnisse schaffen und ich möchte was Echtes machen. Ich möchte was machen, was cringe sein darf. Ich möchte was machen, was scheiße sein darf, was halt einfach ehrlich ist. Ich bin so müde von diesem ganzen prätentiösen Zeug [in der Musikbranche], von den Mauern, die Menschen um sich herum aufgebaut haben. Ich will einfach eine Veränderung in der Welt anstoßen.” 

Gerade Politik ist ihnen in ihren Songs wichtig – und das mit überraschend feministischen Themen: Von Vaterschaft, über Neurodivergenz und Queerness, bis hin zu Kapitalismuskritik. Schlagzeuger Ben meint, dass es ihnen wichtig ist, “Menschen mit klarer politischen Meinung und Haltung” sein. Sie wollen “Mucke” machen, die ihnen selbst gefällt und auch ordentlich provozieren und anecken.

Ihre musikalischen Wurzeln möchten sie nicht vernachlässigen und haben in Art-Punk einen Raum gefunden, der ihren verschiedenen kreativen Einflüssen ein Platz gibt – einer selbsternannten Mischung aus “Falco, Alligator und Kraftklub Hip-Hop”. Gitarrist Max beschreibt Art Punk so: “Punk ist halt eben dieses nicht-in-Normen-passen, besonders was Genres angeht. Wir sind die Schlawiner und wir machen unser Ding. Punkt.” Zu ihrer eigenen Mischung gehören neben Rock- und Hip-Hop-Einflüssen auch Synthesizer und klassisches Punk-Draufhauen. Um ihre eigene musikalische Identität zu finden, möchten sie versuchen, sich von Genrevorstellungen zu befreien.

Deswegen ist der “Art”-Teil in Art-Punk auch so wichtig für sie: Kunst, so Hans, ist es etwas, das nicht immer angenehm sein muss, sondern etwas, das Emotionen hervorrufen darf. Darunter auch Trauer, Ekel oder Wut.

Ich bin ein Schlawiner. Was ist es aber, das einen Schlawiner ausmacht? Auf die Frage hin, ob die Bandmitglieder selbst Schlawiner seien, gibt es gemischte antworten: Während Max und Ben das verneinen, antwortet Hans frech: “Ja! Ich hab immer die Hand in der Keksdose. Der Name kommt witzigerweise daraus, dass ich eine große Freude daran habe, meine Kinder mit lustigen, uralten, deutschen Begriffen irgendwie zu betiteln. Mit dem Begriff verbinde ich Frechtsein, Gemeinsein, Regeln brechen, aber auf süß. Und da seh ich mich halt.”

Ihre Lieblingskünstler*innen (man merkt, dass sie Klassiker mögen)

Welche Frage ist schlimmer für Musiker*innen als wer ihre Lieblingskünstler*innen sind? Wann alle mal wieder gleichzeitig zur Probe können.

Ben: Metallica und Blue Medusa

Max: Rise Against und Billy Talent

Hans: 1000mods und Kraftklub

Luigi: Deftones und Extremo

Henrik: Jakob Collier und Link Park (mit Chester Bennigton)

Ihr Insta und der Alter in Mannheim

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