Zygmunt Miłoszewski – Warschauer Verstrickungen (Buch)

Eine folgenschwere Familienaufstellung

Warschauer Verstrickungen
© Polente Verlag

Anfang Juni 2005. Es ist Sonntag und dennoch wird aus einem ruhigen Tag nichts, denn Staatsanwalt Teodor Szacki wird zu einem Tatort gerufen. In den Räumen einer Klosteranlage fand seit Freitag eine Familienaufstellung mit fünf Teilnehmern statt. Bei der Therapiesitzung kochten die Emotionen am Samstag über, so dass diese bis zum heutigen Sonntagmorgen unterbrochen wurde. Zu Beginn fehlte Henryk Telak, der kurz darauf tot aufgefunden wurde. Jemand hatte ihm einen Bratspieß in das rechte Auge gestochen. Bleiben somit vier Tatverdächtige, wenn man einen Einbrecher oder ähnliches ausschließt. Therapeut Cezary Rudzki sowie die Teilnehmer Hanna Kwiatkowska, Barbara Jarczyk und Euzebiusz Kaim.

Erst jetzt blickte sie Szacki an, der absolut nichts verstand. Ein erwachsener Kerl sollte einen anderen Kerl getötet haben, weil er während der Therapie seinen Sohn spielte, der nicht genügend geliebt wurde? Was für ein Unsinn!

Nach einer ersten Zeugenvernehmung durch Kommissar Oleg Kuzniecow liest Szacki dessen Protokolle durch und findet keinen Ermittlungsansatz. Lediglich Rudzki kannte Telak durch die Behandlung schon geraume Zeit, die anderen trafen sich zum ersten Mal. Eine Befragung durch Szacki selbst gibt ebenfalls keine Hinweise, zumal die wichtigste Frage unbeantwortet bleibt; jene, nach einem Motiv. Doch Szacki muss in dem Fall Ergebnisse erzielen, denn sonst müsste er in anderen Fällen seinen aus seiner Sicht eher arbeitsscheuen Kollegen unter die Arme greifen.

„Herr Staatsanwalt, tut Ihnen etwas weh? Sie wollen mich doch wohl nicht auf den Gedanken bringen, Sie seien unfähig zur Teamarbeit? Besonders in Angelegenheiten, die mit viel mühsamer, langweiliger und unbefriedigender Arbeit verbunden sind?“

Während die Ermittlungen lange auf der Stelle treten und er mit seinem Leben, beruflich wie privat, hadert, lernt er die junge Journalistin Monika Grzelka kennen, die er zunächst schroff abserviert, sich jedoch zunehmend zu ihr hingezogen fühlt. Dann erhält Szacki von einem suspekten Historiker einen Hinweis, der sein bisheriges Leben in Frage stellt.

Auftakt der preisgekrönten Teodor-Szacki-Trilogie

Bei dem noch sehr jungen Polente Verlag aus Wien ist der Name Programm, in dem die zentralen Begriffe Polizei und Polen enthalten sind. Polnische Spannungsliteratur soll den deutschsprachigen Markt erobern, was durchaus vielversprechend klingt, wie die beiden Romane “Glatz“ und „Glatz. Herrgottsländchen“ von Tomasz Duszynski eindrucksvoll beweisen.

Jetzt wird nachgelegt und dies mit einem Schwergewicht der polnischen Krimiszene, dem mehr Leser zu wünschen sind. Dabei kann man Zygmunt Miloszewski durchaus bereits kennen, denn die Szacki-Trilogie erschien bereits zwischen 2015 und 2018 zunächst im Berlin Verlag Taschenbuch, der dritte Band bei Piper. Für den Auftaktband „Warschauer Verstrickungen“ (verfilmt im Jahr 2011 unter dem Originaltitel „Uwiklanie“) und den zweiten Fall „Ein Körnchen Wahrheit“ erhielt Miloszewski den Wielki Kaliber, in Polen die höchste Auszeichnung für Kriminalliteratur. Der Wielki-Kaliber-Ehrenpreis für sein Lebenswerk folgte 2020, dabei ist der 1976 geborene Autor gerade einmal 49 Jahre alt.

„Zum Beispiel hat Bert Hellinger, der Erfinder dieser Methode, mal einen an Autismus leidenden fünfunddreißigjährigen Schweden aufgestellt. Der Mann starrte beharrlich auf seine Hände, und das bedeutet gewöhnlich …“

„Mord.“

„Woher wissen sie das?“

„Lady Macbeth.“

Wesentlicher Bestandteil der „Warschauer Verstrickungen“ ist die eingangs stattfindende Familienaufstellung, eine Therapiemethode nach Bert Hellinger, in dem Stellvertreter die Rolle von Familienangehörigen übernehmen. Da kann es schon mal emotional zugehen, aber kann es sein, dass sich jemand derart in die Rolle hineingesteigert hat, dass er zum Mörder wurde? Das Opfer Henryk Telak war ein unglücklicher Mensch, dessen Tochter mit fünfzehn Jahren Selbstmord verübte und dessen Sohn an Krebs erkrankt ist. Aber ein Bratspieß im Auge schließt wohl einen Selbstmord aus. Die Therapiesitzung wird eingangs recht umfassend dargestellt, zumal alle Teilnehmer den Verlauf aus ihrer Sicht schildern. Auch später wird darauf wiederholt eingegangen. Dann erhält Szacki einen Tipp, der auf die nationale Vergangenheit hinweist, in der Polen noch eine Volksrepublik und vor allem ein autoritärer Überwachungsstaat unter der Kontrolle des Geheimdienstes SB war.

Der Krimiplot gestaltet sich zu Beginn ein wenig zäh und zudem hat der Autor seinen ganz eigenen Schreibstil, welcher zunächst etwas sperrig wirkt. Hat man aber, sagen wir, die ersten fünfzig Seiten hinter sich, dann entfaltet sich das Werk und man erkennt zunehmend seinen Reiz. Ein außergewöhnlicher Plot mit einer klassischen Form der Auflösung, sprich, die Verdächtigen treffen in einem Raum zusammen und es kommt zum finalen Vortrag des Ermittlers. Die den Hintergrund bildende Stadt Warschau wird stimmungsvoll beschrieben. Nicht alles scheint der Autor an seiner Heimatstadt an der Weichsel zu mögen.

Natürlich lebt der Plot maßgeblich von seinem Protagonisten Teodor Szacki, dem alles zu viel wird. Seine Frau Weronika war schon einmal attraktiver und schlanker, gleichwohl finden die beiden jetzt häufiger intim zusammen, was allerdings der Tatsache geschuldet ist, das Szacki dabei an die junge Journalistin denkt. Fremdgehen will er dann noch nicht. Oder doch? Entsprechend missgelaunt tritt er gegenüber Kollegen und Zeugen auf, es hat etwas durchaus Amüsantes an sich, wobei die Zusammenarbeit zwischen Polizei (hier in einer Nebenrolle zu sehen) und der Staatsanwaltschaft ungewohnt ist.

Ein mehr als gelungener Krimi mit überraschendem Ausgang, auf den man sich allerdings einlassen muss.

  • Autor: Zygmunt Miłoszewski
  • Titel: Warschauer Verstrickungen
  • Originaltitel: Uwikłanie. Aus dem Polnischen von Friedrich Griese
  • Verlag: Polente
  • Umfang: 368 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Oktober 2025
  • ISBN: 978-3-903634-00-8
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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