Herbstmesse, Bücherpolizei und Wahnsinn überall

Auf dem Römerberg kommt es im November 1785 zu einer großen Bücherverbrennung mit dramatischem Ende. Sechzehn Jahre später sind derlei Aktionen kaum noch denkbar, allerdings macht die Frankfurter Bücherkommission weiterhin Jagd auf gefährliche Schriften. Ein Jahr zuvor hatten französische Truppen mit zweitausend Mann die Stadt besetzt, deren Abzug wurde teuer erkauft, weswegen vor allem deren Literatur der Obrigkeit ein Dorn im Auge ist. Auch Buchhändler Markus Abel zögert mit dem Verkauf französischer Literatur, solange diese nicht von dem aus Wien angereisten Bücherpolizisten Dominikus von Fichard, ein Repräsentant des Kaisers, freigegeben wird.
„Ach, die Zensur hat uns dieses Problem überhaupt erst eingebracht. Warum haben wir hier in Frankfurt denn so zu kämpfen? Weil jeder Verleger, jeder Übersetzer, jeder Schriftsteller, der etwas auf sich hält, nach Leipzig geht. Dort hat der Kaiser anders als hier nichts zu sagen, was bedeutet, dass wir auf unserer hochgelobten Buchmesse nicht die wichtigsten Werke unserer Tage verkaufen, sondern nur den Ramsch, der übrigbleibt.“
Während der Rechtsmediziner Theophil Pontus in seinem Haus eine kopflose Frauenleiche, die aus dem Main gefischt wurde, obduziert, klopft es an seiner Tür. Eine weitere Leiche, der man das Gehirn entfernt hat, wurde in der Hafengegend gefunden. Da er keine Zeit hat nimmt sich seine Tochter Manon der Sache an, die ihrem Vater regelmäßig assistiert. Im Mund der Leiche findet der Polizeidiener Christoph einen Zettel, auf dem ein französischer Satz aus einem Buch steht. Manon sucht Rat bei Markus, trifft dort unerwartet auf dessen Sohn Johann, mit dem sie vor rund anderthalb Jahren den Fall des „Aals“ gemeinsam lösen konnte. Jetzt suchen sie Hilfe bei Fichard, denn der müsste den Buchtext kennen. Doch Fichard ist verschwunden, in seinem Herbergszimmer finden sie stattdessen eine weitere Leiche ohne Gehirn und den vermeintlichen Mörder, der eilig die Flucht ergreift. Manon und Johann ermitteln und bald führt eine Spur in das städtische Kastenhospital, besser als Tollhaus bekannt, womit der Wahnsinn vollends seinen Lauf nimmt.
Zweiter Fall für Manon und Johann
Nach „Frevel“ ist „Wahn“ eine kongeniale Fortsetzung, wenngleich mit leicht verändertem Setting. Zwar gibt es ein Wiedersehen mit vielen bereits bekannten Nebenfiguren, jedoch haben sich deren Rollen ein wenig reduziert. Da wäre Manons Schwester Jeanette mit der es im ersten Fall herrlich-bissige Dialoge über die Rolle der Frau gab und die nun lediglich zwei kurze, eher unspektakuläre Auftritte hat. Kriminalrat Pfeiffer, der im ersten Fall beeindruckend schnell jeder noch so offensichtlich falschen Spur nachjagte, hält sich auffällig zurück, verdächtigt aber irgendwann ausgerechnet Manons Vater, der gesuchte Serienmörder zu sein. Und dann wäre da noch Claus Uffenbach, Herausgeber des „Frankfurter Korrespondenten“, für den Johann als Redakteur arbeitet. Letztes Jahr stürzte er sich mit Feuereifer auf die Juden als Verdächtige; was interessieren schon belastbare Fakten, wenn die Auflage gesteigert werden kann?
„Es muss doch etwas geben, was gegen Gicht hilft.“
„Ich habe einmal von einer besonders Erfolg versprechenden Rezeptur gelesen. Man muss sich das Haar von beiden Schenkeln schaben und obendrein die Nägel von Füßen und Händen schneiden. All das gibt man in ein Loch, das man neben einem Eichenbaum gräbt. Und wenn man dieses mit Kuhmist zufüllt und eine Weile so stehen lässt, hat man später ein probates Heilmittel.“
„Und du denkst wirklich, dass so etwas hilft?“
„Wahrscheinlich nicht. Schließlich ist gerade kein Vollmond.“
Neu im Spiel ist Polizeidiener Christoph, der fortan mit Johann um die Gunst von Manon wetteifert, wenngleich es da nichts zu wetteifern gibt. Manon ist eine hochintelligente und fortschrittliche Frau, die ihre (männliche) Umwelt sofort vergisst, wenn sie sich über einen Leichnam beugen kann. Nicht, dass sie sonst nennenswerte Gefühle für andere Menschen hätte. Johann hadert einmal mehr mit seiner journalistischen Arbeit, sieht er sich doch vor allem der Wahrheit verpflichtet. Ein Ausweg scheint sich zu ergeben, allerdings kommt ein weiterer Mord dazwischen.
„Wahn“ bietet interessante Einblicke in die damalige Literaturwelt und die damit einhergehende Zensur. Ebenso werden die Anfänge der Forensik weiter beschrieben, was durchaus sehr detailliert geschieht. Auch die Unterbringung geistig gestörter Menschen im Tollhaus und deren – so kann man es sicher nicht nennen – Behandlung werden gezeigt, wobei sich neben einem weitverbreiteten Aberglauben der titelgebende Wahn in jeder Hinsicht ausbreitet. Wie schon im Vorgänger gibt es neben der eigentlichen Handlung noch Schilderungen einer unbekannten Person, bei deren Identität der Leser abermals gekonnt aufs Glatteis geführt wird. „Wahn“ ist kurzweilige, facettenreiche, spannende und amüsante Unterhaltung, so dass man auf weitere Fälle für Manon und Johann gespannt ist.
Nebenbei: Wer sich für die Geschichte der Psychiatrie interessiert, dem sei der ebenfalls sehr lesenswerte Roman „Von allen guten Geistern“ von Andreas Kollender empfohlen.
- Autorin: Nora Kain
- Titel: Wahn
- Verlag: dtv
- Umfang: 336 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: April 2026
- ISBN: 978-3-423-26460-0
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Wertung: 12/15 dpt







